Pfarrerssohn mit Undercut und Youtube-Konto

Der Social-Media-Star Rezo informiert in lockerem Ton über Themen wie Drohnenkriege und den Klimawandel.  

Wurde mit seinem Video »Die Zerstörtung der CDU« auch Menschen jenseits der 30 bekannt.

Foto: dpa Picture-Alliance

Der politische Kommentator mit der derzeit größten Reichweite in Deutschland hat blaue Haare und trägt gern Kapuzenpullis. Über den Youtuber Rezo, dessen Video Die Zerstörung der CDU im ganzen Land diskutiert wurde, ist nicht viel bekannt, nicht einmal, wie er wirklich heißt, will er öffentlich sagen. Was er am Telefon bestätigt: Er ist 26 Jahre alt, kommt aus einer Pfarrersfamilie und hat Informatik studiert. Er beschreibt sich als jemanden, der immer politisch interessiert war, aber nie »bei Parteien mitgemacht hat oder sonst sauaktiv war«.

Mehr als 14 Millionen Mal ist sein Video inzwischen aufgerufen worden, was schon allein deshalb beachtlich ist, weil es sich um kein Katzen- oder Musikvideo handelt, sondern um eine einstündige Abrechnung mit der Politik der aktuellen Bundesregierung, mit Quellenangaben und Zitaten belegt, wie in einer Hausarbeit. Politische Inhalte gab es auf Youtube natürlich schon vorher, aber eher als Nischen­-phänomen. Rezo dagegen ist mit seinem Video so erfolgreich, weil er es geschafft hat, aktuelle politische Themen wie den Klimawandel und die Drohnenkriege der USA in das Format der unterhaltsamen und lockeren Videos zu packen, die inzwischen vor allem bei unter Dreißigjährigen ein Millionenpublikum erreichen. Die Kultur der jungen, ganz selbstverständlich mit dem Internet Aufgewachsenen trifft jetzt auf die großen Fragen der Gegenwart.

Rezo zeigt seinen Zuschauern die Gegenwart als großen Spaß mit Freunden

Am Fall von Rezos CDU-Video zeigt sich, wie fundamental verschieden sehr viele Wähler einerseits und die Bundes­regierung andererseits über den Klimawandel oder neue Medien denken. Rezo, der inzwischen auch auf dem Titelbild des Spiegel und des Stern zu sehen war, ist mit seiner blauen Undercut-Frisur zur Symbol­figur einer internetaffinen und idealisti­schen Menge geworden, die das Gefühl hat, vor allem von den Älteren nicht ernst genommen – und noch dazu durch rücksichtlosen Raubbau am Planeten und durch Rentner im Sportwagen der eigenen Zukunft beraubt zu werden.

Das kommt für manche, unter anderem für die CDU, auch deshalb so überraschend, weil es in den meisten von Rezos Videos nicht um Politik, sondern um vegane Ernährung, Musik, lustige Spiele mit anderen Youtubern oder kleine Einblicke in sein Leben geht. Auf zwei Kanälen veröffentlicht er regelmäßig, oft quatschige Songs, oder er führt einfach mit der Kamera durch seine Wohnung. Obwohl die Videos vieler Youtuber wie eben mal schnell mit dem Handy gefilmt wirken, sind sie in der Regel aufwendig und professionell produziert. Influencer wie Rezo beschäftigen oft mehrere Mitarbeiter, und ihre Kanäle sind kleine Medienunternehmen. Wahrscheinlich sind diese Videos mit nicht selten mehreren Millionen Aufrufen auch so erfolgreich, weil sich viele Zuschauer in der inszenierten Authentizität des Internets und dem scheinbar offenen Geplauder über Privates wiedererkennen. Genauso wie in der Wut über den ignoranten Umgang vieler Politiker mit den zentralen Themen unserer Zeit.

Rezo zeigt seinen Zuschauern die Gegenwart als großen Spaß mit Freunden, verbunden mit der Möglichkeit, mit den Mitteln des Internets für eine bessere Zukunft zu kämpfen. Wem könnte das nicht gefallen?

Dieser Text ist Teil unserer Ausgabe 24/2019, in der wir 50 Persönlichkeiten vorstellen, die das Internet geprägt haben