Kopfhörer-Zombies auf Langstreckenflug

Das Chaos am Münchner Flughafen und die große Aufregung darüber zeigen: Wir haben das Reisen verlernt.

Eine A380 auf dem Weg nach Peking.

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Die Schriftstellerin J.K. Rowling hatte in ihren Harry-Potter-Romanen die schöne Idee, dass wütende Zauberer magische Briefe schreiben können, die den Empfänger anschreien und sich selber zerreißen. Rowling nannte sie »Heuler«. Am Samstag wurden ziemlich viele Heuler verschickt, allerdings über Smartphones. Man hörte diese Tweets in seiner Timeline schreien und toben.

Geschrieben wurden sie von Urlaubern, die am Münchner Flughafen stundenlang festhingen, zum Teil sogar dort übernachten mussten. Eine Sicherheitspanne, zu der eine Gepäckkontrolleurin später sagte: »Wir haben nur darauf gewartet, dass so etwas passiert.« Der Druck sei zu hoch, die Zeit pro Reisendem zu knapp. 44 Millionen Menschen sind letztes Jahr von München aus in den Urlaub geflogen. Nahezu einmal ganz Spanien. Weil von den täglich rund 120 000 Passagieren eine am Samstag nicht ausreichend kontrolliert wurde, brach alles zusammen.

Wenn man sich die wütenden und verzweifelten Tweets durchliest, fällt einem bei allem sehr nachvollziehbaren Ärger doch auf, wie selbstverständlich Flugreisen für uns geworden sind. Wir sind es gewöhnt, dass man uns bequem, zügig und sicher mit 800 Stundenkilometern um die Welt fliegt. Versorgt mit warmem Essen, neuesten Hollywoodfilmen und Weinkarte.

Wartende Reisende in München.

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Fliegen ist so billig, dass es jeder macht. Ständig. Das verändert das Reisen: Früher ist man von Deutschland aus schwitzend zwei Tage lang mit dem VW-Käfer nach Süditalien gefahren. Das war anstrengend, aber der Kopf ist noch mitgekommen, weil man sah, wie aus Bayern mit jedem Kilometer mehr Österreich und Südtirol und Norditalien wurde. Damals gehörte der Stau zum Sommerurlaub, dafür war das Meer nie schöner und erfrischender, als wenn man endlich, endlich dort ankam. Verzögerungen und Hindernisse waren eingeplant, im Kofferraum lagen ein Ersatzkanister, viele Brötchen und eine Decke. Die Anreise war eine Herausforderung und doch schon Teil des Feriengefühls.

Heute fliegt man mit Kopfhörern und Nackenkissen ausgestattet im vollklimatisierten Flieger, tief versunken ins Bordprogramm. Das Abenteuer, das Reisen einmal war, der harte erkämpfte Zugang zu neuen Kulturen, ist heute aller Strapazen beraubt, aber damit auch seelenloser geworden. Wer nachts auf einem Langstreckenflug durch die abgedunkelten Gänge geht, sieht eine bildschirmblau angeleuchtete Zombie-Armee. Eben noch war man in München, dann – zack – landet man im brasilianischen Urwald. Oder – zack – in Kapstadt oder – zack – in Dehli.

Festsitzende Fluggäste schlafen in einem ruhigen Gang auf dem Flughafen in München.

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Worüber könnten Jack London oder Karl May heute noch in Reiseberichten schreiben? Ihre Bonusmeilen? Die beste Reiseliteratur waren immer Berichte über den Weg, nicht das Ziel. Niemand mit einem Business-Class-Ticket hat mehr Respekt vor einer Weltreise. Auf www.billigflieger.de ist Marrakesch keine romantische Vorstellung mehr vom Aufbruch in ein unbekannte Welt, sondern ein Schnäppchen fürs verlängerte Wochenende.

So treten wir die Reise dann auch an – als coole Vielflieger, die jede Passkontrolle als Belästigung und Zeitverlust empfinden. Nichts gegen Fortschritt. Aber wir sollten dabei nicht vergessen, wie irre komfortabel, wie irre umweltschädlich und wie irre unnatürlich wir zwischen Zeitzonen und Kulturen hin- und herspringen. 

Vor 200 Jahren sind selbst Könige noch mit der Kutsche mühselige zwei Wochen unterwegs gewesen von Kiel nach Verona – und mit etwas Pech unterwegs an Zahnentzündungen verstorben. Das war bestimmt noch unangenehmer als der Samstag am Terminal 2 in München. Man muss sich über ausgefallene Flüge und miese Informationspolitik am Flughafen sicher nicht freuen, aber man könnte vielleicht etwas Positives daraus ziehen – so gut wird sich ein problemloser Rückflug schon lange nicht mehr angefühlt haben.

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*Vielen Dank an den Leser Olf Dziadek, der meine ursprüngliche Zeitschätzung von drei Tagen auf zwei Wochen korrigiert hat - und an die anderen Leser, die ähnliche Hinweise gaben.

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