"So wie hier in Deutschland will ich keinen Wahlkampf führen!"

Interviews mit Menschen, die die Welt wirklich voranbringen: Julius van de Laar, 27, ehemaliger SPD-Wahlkämpfer, hat sich aus dem Wahlkampf zurückgezogen, weil er ihm zu plump war.

Respekt, Herr van de Laar, Sie haben sich aus dem Wahlkampf zurückgezogen, weil er Ihnen zu plump war.
Julius van de Laar: Ich habe in den USA Politik studiert. Wie viele an der Uni war ich begeistert von Obama. Ich beschloss, seine Kampagne zu unterstützen und hauptamtlich Wahlkämpfer auszubilden. Die warben dann direkt in ihrer Nachbarschaft für Obama. Als ich nach Deutschland zurückkam, wollte ich auch hier den Wahlkampf gestalten.

Für wen haben Sie gearbeitet?

Der SPD stehe ich politisch am nächsten und habe die Partei auch beraten. Ich wollte die Beziehung zwischen Politikern und Wählern neu erfinden. Daraufhin arbeitete ich in dem Team, das den Online-Wahlkampf koordinierte. Aber ich stieß schnell an Grenzen.

An welche?
In allen deutschen Parteien herrscht eine unglaubliche Bürokratie. Neue Ideen, etwa E-Mails effektiver für den Wahlkampf zu nutzen, werden auf Konferenzen endlos zerredet.

Also sind Sie wieder gegangen.

Ja! So wie hier in Deutschland will ich keinen Wahlkampf führen! Parteien sollten dem Bürger Verantwortung übergeben und dadurch die Gesellschaft stärken. Vor allem der Online-Wahlkampf unterscheidt sich immens von dem in Amerika. Dort gelang es Obama, die Wähler aus dem Netz auf die Straße zu bringen. Woran liegt das?
Den meisten Politikern fehlt Mut. Wir brauchen Wahlkampfveranstaltungen, auf denen sich Kandidaten den Fragen der Wähler stellen. Ohne Publikumsauswahl, ohne gefilterte Fragen. Angesichts billiger Slogans wie »Arbeit muss sich wieder lohnen« fühlen sich die Bürger sonst nicht ernst genommen.

Bei Obama war alles anders?
Jedenfalls vieles. In Deutschland hört man immer nur »Wählt mich, dann mache ich das«. Obama hat nie »ich« gesagt. Er hat die Gemeinschaft betont, immer von »wir« gesprochen. Diese Philosophie drückte sich auch in seiner Kampagne aus.

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Haben Sie nun genug von der Politik?
Nein. Nur versuche ich jetzt, Politik von außen zu beeinflussen: Ich leite seit Kurzem in Deutschland avaaz.org. Das ist die Schwesterorganisation von MoveOn.org, über die Obama Millionen Freiwillige rekrutierte. Wir stehen für Menschenrechte und Nachhaltigkeit. Momentan läuft unsere große Klimakampagne. Im Dezember findet der Weltklimagipfel statt, die einmalige Chance, einen ambitionierten Vertrag zu verabschieden, der für alle Staaten gilt. Unser Ziel ist es, Politiker für das Thema zu sensibilisieren, sodass es im Wahlkampf und in den Koalitionsverhandlungen eine Rolle spielt.

Ihr Job bringt weder viel Geld noch viel Anerkennung. Was treibt Sie an?
Für mich steht der tiefe demokratische Gedanke im Vordergrund. Ich glaube daran, dass nur alle zusammen etwas erreichen und Entscheidungen nicht in einem kleinen Gremium getroffen werden können. Wenn ich Menschen motivieren kann, sich einzumischen, auch solche, die sonst nicht am politischen Prozess teilnehmen, spornt mich das an.

Julius van de Laar, geboren in Heidelberg, war der einzige Deutsche unter den Hunderten Wahlkämpfern für Barack Obama – aber nicht der einzige Politneuling, der Obamas Kampagen ihre unwiderstehliche Kraft und Frische verlieh: Lesen Sie hier mehr.

Foto: privat

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