Per Anhalter durch eine andere Welt

Ein Leben gegen den Strom gilt als anstrengend, ein Leben mit dem Strom als bequem - über das Leben auf dem Strom wissen wir so gut wie nichts. Eine Deutschland-Reise mit Binnenschiffern und Freizeitkapitänen.

Herr und Frau Stapf leben auf dem Fluss, und da lebt es sich gut. Die Wohnung an Land dient nur als Briefkasten. Denn die meiste Zeit steuern Herr Kapitän Stapf und Frau Kapitän Stapf die MS Coburg durch Europa, einen fast 90 Meter langen und mehr als tausend PS starken Binnenfrachter. Gerade schiebt sich die Coburg die Donau hinauf, ihr Bauch birgt 1156 Tonnen Mais, geladen vor vier Tagen in Ungarn, abzugeben in zwei Wochen in Rotterdam. Die Stapfs leben und arbeiten auf dem Fluss, ihr Zuhause liegt hinten rechts, in der Kapitänswohnung der Coburg.

Die Coburg trägt Achim, den Fotografen, und mich seit drei Tagen auf der ersten Etappe unserer Deutschland-Reise übers Wasser. Wir wollen per Anhalter mit dem Schiff einmal quer durch das Land, von rechts unten, wo die Donau hinter Passau Richtung Österreich fließt, nach links oben, wo der Rhein die holländische Grenze durchsticht. Dazwischen: 185 Kilometer Donau, 171 Main-Donau-Kanal, 384 Main und 366 Rhein. Das Leben auf dem Fluss ist eines, an das man sich gewöhnt. Wenn Wolfgang Stapf morgens um halb sechs mit der Arbeit beginnt, steigt er eine kleine Treppe hinauf ins Führerhaus und fährt die ersten anderthalb Stunden des Tages im mattgrünen Schein des Radarschirms, der für ihn bis Sonnenaufgang den Fluss erhellt. Seine Frau wässert später die Petunien, die oben im Glaskasten des Führerhauses ihre ersten Blättchen strecken. Mittags übernimmt Anni Stapf das Steuer, ihr Mann legt sich schlafen, und Aika, der Schiffshund, bellt derweil entgegenkommen-de Kähne an. Es ist ein stetes Leben auf der Coburg, auch wenn sich ständig die Landschaft vor dem Küchenfenster ändert.

Die Stapfs lernten sich 1972 in der Schifferschule kennen, da war sie das einzige Mädchen unter 27 Jungs. 1977 heirateten sie, und die längste Zeit, die sie seither an Land verbrachten, das waren die fünf Monate, in denen Wolfgang Stapf nicht arbeiten konnte, weil ein Tau ihm den Zeigefinger der rechten Hand zertrümmert hatte: Fünf Monate! Selbst nach der Geburt der beiden Söhne waren sie schneller wieder an Bord. »Dauernd klingelt irgendwer, Vertreter, Nachbarn, die Zeugen Jehovas«, sagt Frau Stapf. »Ich war froh, als ich wieder aufs Schiff kam.«

Vielleicht macht einen Schiffer ja auch der Stillstand an Land nervös. Das beständige Vorwärtsgleiten auf dem Fluss frisst sich in den Gleichgewichtssinn ein und zieht die Menschen immer weiter. Selbst uns geht es so, nach nur drei Tagen. Tagsüber sitzen wir drau-ßen auf dem Gangbord, dem schmalen Weg, der rechts und links des Laderaums entlangführt, und schauen der Landschaft zu, wie sie Felder zu Wäldern und Häuser zu Städten formt. Der Dungau wird zu Regensburg, die Donau zum Main-Donau-Kanal, Nürnberg folgt auf den Bayerischen Wald, die Welt fließt mit neun Kilometer pro Stunde an uns vorbei. Selbst nachts fahren wir weiter, obwohl das Schiff am Ufer vertäut ist. Eine Phantom-Bewegung, die lange nicht mehr aufhört.

Fluss-Tramper wie wir kämen nicht weit, stünden sie einfach am Ufer und höben den Daumen. Deshalb stehen wir dort, wo jedes Schiff halten muss und für ein paar Minuten nur einen Sprung vom Ufer entfernt ist: an den Schleusen, die die Schiffe bis zur europäischen Wasserscheide bei Hilpoltstein, dem höchsten Punkt unserer Route, emporheben und danach absenken.

Die Coburg lässt uns kurz hinter Bamberg in der Schleuse Viereth zurück. Die Schleusen sind unsere Umsteigebahnhöfe, die Schleusenwärter Schaffner und Fahrplanauskunft zugleich. Rudolf Birklein in Viereth weiß: In den nächsten zwei Stunden kommt kein Schiff. Deswegen besuchen wir erst mal Siegfried Geiger.

Siegfried Geiger ist einer der Menschen, die in Deutschland nach dem Rechten sehen. Und sei es nur im Yachthafen der Trosdorfer Wasserski- und Freizeitvereinigung, wo er als Hafenmeister arbeitet. Zur Begrüßung bietet er uns eine Rothändle an und sagt: »Rauchen Sie erst mal eine anständige Zigarette.« Eine Mitfahrgelegenheit weiß er nicht. Er macht gerade den Hafen saisonbereit, heute streicht er die Treppenstufen zu den Liegeplätzen weiß. Geiger ist einer der Menschen, ohne die kein Verein auskommt. »Ich bin ein guter Mensch«, erklärt er uns, »aber ich kann streng sein.« Einmal mit dem Auto über den Rasen fahren kostet fünfzig Euro.

Seine Yacht wartet in einer Lagerhalle auf den Sommer. Daneben ein kleines Boot. »Das gehört der Chefin«, sagt er. »Wer ist denn die Chefin?«, frage ich. »Meine Frau«, sagt er, und dann muss er los, neue Farbe kaufen.

Später steigen wir an der Schleuse Viereth auf die MS Gipsy Life. Mit der fahren Harald Paul und seine Frau Silvia gerade nach Lappland, und der Weg dorthin führt über den Main. Wir sind keine zwei Minuten an Bord, da wissen wir schon: zwölf Meter lang, 1,70 Meter Tiefgang, 14 Millimeter dicke Glasscheiben, 600 Liter Fäkalientank, 250 Liegestütze am Tag. Die Gipsy Life sieht aus wie eine normale Motoryacht, aber sie ist nicht für den Fluss gebaut, sondern für das Abenteuer, für Windstärke zwölf und das Meer.

Die Pauls wohnen seit dreieinhalb Jahren auf diesem Boot. Das Haus haben sie ver-kauft, die Firma auch, sie haben nur ein paar Kisten mit Fotoalben behalten. Er sagt: »Das war nicht schwer.« Sie sagt: »Ums Porzellan war’s ein bisschen schade.«

Auf der Gipsy Life gibt es Plastikgeschirr. Der Seegang. »Auf der Fahrt nach Tromsø hat es uns bei einem Unwetter drei Liter Milch zu Butter geschüttelt«, sagt Harald Paul. Nur die Tour nach Spitzbergen war schlimmer. Damals hatten sie noch ein viel kleineres Boot und wollten das Nomadenleben auf See ausprobieren. Obwohl sie gewarnt wurden, sie seien lebensmüde, mit so einem Bötchen ums Nordkap fahren zu wollen. Vor dem Aufbruch schrieben sie ihr Testament und gaben Sohn Markus, damals 11, für sieben Monate in eine Pflegefamilie. Tatsächlich wäre ihr Schiff um ein Haar gekentert, da hatten sie eine Menge Glück, sagt Harald Paul. Bei Instant-Cappuccino serviert er eine Geschichte nach der anderen. Die meisten enden mit: »Das ist die Wahrheit. So ist das, Freunde!« Es geht unter anderem darum, dass man fünf Kilometer Vorsprung braucht, um einem Eisbären zu entkommen, und dass Segler-Beziehungen meist an unterschiedlich interpretierten Wetterberichten scheitern.

Die Gipsy Life muss an der Schleuse Ottendorf noch mal zur Werft, Mainkilometer 345, ein letzter Check vor der großen Fahrt. Wir wünschen Glück und gehen von Bord.

Am nächsten Tag nimmt uns der Herzog von Franken auf der MS Rubertus mit. »Herzog von Franken«, das steht auf der Mütze von Peter Schrenker, und fragt man ihn, wer das denn sei, sagt er: »Das ist mein Therapeut.« In Wirklichkeit ist der Herzog von Franken ein Bier, aber das verrät Schrenker nicht jedem. Er wollte die Schifffahrt schon lange aufgeben, aber er ist wie ein Stück Treibholz, das die Wellen immer wieder an Bord geworfen haben, sagt er. Es hat ihn einmal um die Welt gespült, zwei Jahre Rucksack-Leben, ein Dutzend Berufe, sogar Erntehelfer in Australien war er schon. Aber am Ende landete er doch immer auf einem Schiff. Jetzt steht er mit einer Selbstgedrehten im Mund vorn auf der Rubertus und macht den Frachter am Poller einer Schleuse fest.

Peter Schrenker hat nur angeheuert, das Schiff gehört nicht ihm. Er wohnt nur auf dem Wasser, wenn er dafür bezahlt wird. Seit seine Frau weg ist, lebt er in der Bienenhütte, die ihnen früher zusammen gehörte, vier Winter ist er schon da. Das Dach hat er mit Hanf abgedichtet und im Sommer hegt er seine beiden Bienenvölker, 17, oft 18 Kilo Honig gibt das. Ein gutes Leben, sagt er.

Der Main ist schmal, die Schiffe sind langsam, die Menschen auf den Wiesen am Ufer so nah, dass man ihre Gespräche hören kann. Die meisten schauen uns hinterher, und ein Mensch, der einem Schiff hinterherblickt, sieht immer sehnsüchtig aus. Aber so roman-tisch, wie man vom Ufer aus denkt, ist das Leben an Bord nicht. »Die Romantik hat der Quirl da kaputt gemacht«, sagt Schrenker und zeigt auf den rotierenden Balken des Radars, das für die Kapitäne Nebel und Dunkelheit durchblickt. Die Schifffahrt ist zwar sicherer geworden dadurch. Aber wenn ein Schiff in Dunkelheit und Nebel fahren kann, dann heißt das, dass es das auch muss.

Schleuse Würzburg, Gründonnerstag, 6.00 Uhr: Im Steuerhaus der MS Gratias steht neben dem Steuerhebel von Kapitän Peter Kruijt ein Babyfon, Kindersicherungen verschließen die Steckdosen. Kruijt ist 25, seine Frau Florianne 28, Tochter Jacoline 4, Sohn Corne anderthalb. Eine kleine Familie in ihrem schwimmenden Haus, das im Laderaum gerade 2000 Tonnen Sonnenblumenkerne nach Amsterdam trägt. Am Heck weht die holländische Flagge.

In Kruijts Vertrag steht, dass die Gratias am Sonntag nicht fahren muss. Stattdessen: Anlegen, Ausflug, Spielplatz. Die Kinder sehen zwar einiges von Europa, noch be-vor sie zur Schule gehen, aber die Länder ziehen meist nur am Fenster vorbei. Und es kommen kaum mal andere Kinder zum Spielen an Bord der Gratias.

Holland hat ein anderes Verhältnis zur Schifffahrt als Deutschland. Der Containerunfall auf dem Rhein Anfang April war zehn Tage lang eines der wichtigsten Themen in den Nachrichten, und so wie die holländische Öffentlichkeit sich um die freie Fahrt auf den Flüssen sorgt, so sorgt sie für die Menschen, die auf ihnen unterwegs sind. Zum Beispiel: Kinder aus Schifferfamilien können schon in der Grundschule Internate besuchen. Auch in Deutschland gab es für die Kinder der Binnenschiffer Heime, in denen sie wohnen konnten, wenn die Eltern unterwegs waren. Die meisten haben zugemacht. Es fahren kaum mehr Familien aus Deutschland über die Flüsse, meist bleibt die Mutter mit den Kindern an Land.

Auf der Gratias ziehen die Kilometer dahin, Peter Kruijt steuert mit seinem Sohn auf dem Schoß, wir machen mit Jacoline eine Kissenschlacht in der Wohnung. Abends schauen wir die holländische Version von Pleiten, Pech und Pannen, minutenlang nur die schönsten Schiffsunfälle.

Für Karfreitag hat uns der Boot-Sport-Club Nautilus 1972 e.V. in Aschaffenburg zum Backfisch eingeladen. Klaus Reymer holt uns mit der MS Desiree 2 ab, ein Motorboot mit Bierflaschenhalter und 1,40 Meter breitem Bett im Freien. Ein Freizeitboot, ein Spaßschiff, ein rotes Tuch für Binnenfrachter. Was man wissen sollte: Das Verhältnis von Sportbootfahrern zu Berufsschiffern ist ungefähr das von Autofahrern zu Lkw-Piloten. Nur dass alle Funkgeräte an Bord haben und sich gegenseitig beschimpfen können.

Im Nautilus-Clubhaus hängen Wimpel von der Decke und Pokale füllen die Vitrinen, nach dem Backfisch stehen wir an der Theke mit Klaus & Klaus & Klaus: Condor-Klaus, Goldkettchen-Klaus und Trekker-Klaus. Condor-Klaus heißt so, weil er bei Condor in Frankfurt arbeitet. Goldkettchen-Klaus heißt so wegen seiner Goldkettchen und Trekker-Klaus hat bei MAN Traktoren gebaut. Das örtliche Bier wiederum heißt Schlappeseppel, und Goldkettchen-Klaus warnt uns, wir mögen doch nicht zu viel davon trinken, das gebe einen schlappen Seppel. Was Männer sich eben so zurufen, wenn sie abends an einer Theke unter sich sind. Es ist zwar Karfreitag, aber es ist auch Clubabend, da kann, nein, da muss man was trinken.

Goldkettchen-Klaus bestreitet weite Teile des Abends allein, zum Beispiel mit der Geschichte, wie er einmal beim Formel-1-Rennen am Hockenheimring einen Herzinfarkt vorgetäuscht hat, um sich reinzuschmuggeln. Den Infarkt spielt er noch einmal sehr realistisch vor. Klaus ist ein wenig, nun, vollschlank würde man vielleicht sagen. Letztens war er in Kur, erzählt er, und nahm binnen vier Wochen 16 Kilo ab – da unterbricht ihn eine Frau: »Wenn du 16 Kilo abnimmst, ist das, als wenn ein Panzer eine Schraube verliert.« Gelächter, Schlappeseppel, Prost.

Später erzählt Goldkettchen-Klaus erst einen Witz, in dem es um ein KZ geht, und dann noch einen mit »zwei Negern«, und an der Theke macht sich betretene Stille breit. Condor-Klaus sagt: »Lass mal gut sein jetzt«, und dann will auch Goldkettchen-Klaus’ Frau nach Haus, also aufs Boot, das vorn im Yachthafen liegt, da muss er mit.

Im Clubhaus treffen wir noch Edmund Ackermann, der sich hier ein neues Boot gekauft hat, die MS Schnuffel. Mit ihr fährt er am nächsten Tag nach Hause und bis Mainz nimmt er uns mit. An Bord macht Edmund Ackermann erst mal eine Flasche Sekt auf. Später am Nachmittag dann: ein seltsamer Warnton, Ackermann prüft nervös die Instru-mente, aber dann ist es doch nur sein Mobiltelefon. Ein besorgter Anruf, ob bei ihm alles in Ordnung sei: Auf dem Rhein hat es einen Yachtunfall mit zwei Toten gegeben, kurz vor Mainz. Aber da sind wir noch auf dem Main, gerade schauen die Hochhäuser des Frankfurter Bankenviertels spöttisch auf unser Schiffchen herab.

Erst in der Abenddämmerung schlägt der Main vor uns einen Bogen nach rechts und weitet seinen schmalen Lauf zu einem Strom, breit wie ein See. Vor uns Mainz, unter uns der Rhein, um uns herum ein Stau aus Frachtschiffen. Sperrung wegen des Unfalls, Bergungsarbeiten. Die eine Leiche wurde gefunden, die andere scheint abgetrieben zu sein. »Vor dem Rhein habe ich ein bisschen Angst, der ist heimtückisch«, sagt Ackermann.

Flussromantik sei etwas für Touristen, hat Kapitän Stapf gesagt, und bitte, hier sind sie: Am Ostersonntag besteigen wir in Mainz die MS Boppard, ein Ausflugsschiff, das uns an der Loreley vorbei nach Koblenz bringt. Weil die Loreley eine Pflichtaufgabe für Touristen ist, wie das Brandenburger Tor und der Kölner Dom, kann man an so einem Ausflugsschiff die Lage der Weltwirtschaft ablesen. Derzeit im Hoch: China. Osteuropa: stabil auf niedrigem Level, Zuwächse bei den Indern; Japan und USA sinkend im Langzeittrend.

Barbara Nilsson kam aus Texas, um die Burgen zu bestaunen, die sich im Rheintal an die Felswände klammern. Zwölfmal war sie mit ihrem Mann Weldon schon in Deutschland, auf ihrer Visitenkarte steht Retirees, Ruheständler. Beide loben den guten Wein und die deutschen Parkhäuser. Unterhalb der Loreley bekommt das Schiff Schlagseite von all den Touristen, die mit ihren Kameras nach Steuerbord stürzen: Amani aus North-Carolina, Candido Cleber aus Brasilien mit Sohn Davi,4, und die ruandische U-18-Nationalmannschaft.

Es sind Geschichten aus aller Welt, die Günter Billig hört, der auf der Boppard hinter der Theke arbeitet. Seine eigene konnte nur in Deutschland spielen. Unter seinen Thüringer Dialekt haben sich mit den Jahren die Wellen der rheinischen Satzmelodie geschoben. Billig war seit 25 Jahren nicht mehr in Ostdeutschland, damals hieß es noch DDR. »Ich war ein Typ, der den Mund nicht halten konnte.« Er wollte ausreisen und schrieb Protestbriefe in den Westen. Die Stasi verhaftete ihn wegen Agententätigkeit und Landesverrat. Anderthalb Jahre Gefängnis. »Dann hat Strauß mich rausgekauft.« Er durfte in den Westen, aber nicht mehr zurück. Nicht, als seine Eltern starben; auch nicht, als sein Bruder starb. Nach der Wende wollte er nicht mehr. »Man muss ja immer damit rechnen, jemand zu treffen, der einem Unschönes angetan hat.« Er schweigt, sein Unterkiefer mahlt, und plötzlich hat er keine Zeit mehr für uns.

Ostermontag, morgens um sechs. Der Rhein hat keine Schleusen, der Rhein ist eine Autobahn und nicht für Anhalter geschaffen. Wir müssen einen kleinen Umweg machen, zwei Kilometer die Mosel hinauf zur Schleuse Koblenz, wo Frachter aus Frankreich, Luxemburg oder dem Saarland ein letztes Mal stoppen. Dahinter fahren sie eine Linkskurve in den Rhein, beäugt von Kaiser Wilhelm I., der als Denkmal über das Deutsche Eck wacht.

Die MS Inachos nimmt uns an Bord, ein holländischer Frachter. Unbeladen donnern wir den Rhein hinab, mit zwanzig Kilometer pro Stunde, so schnell waren wir lange nicht. Wir fahren unserem Reisekoller davon. Schifffahrtsromantik kann sich abschleifen wie Flusskiesel. In den ersten Tagen haben wir stundenlang auf dem Gangbord gesessen und zugesehen, wie das Ufer für uns abgespult wird; nicht reden, nicht Musik hören, nur gucken, das reichte. 800 Kilometer später sagt Achim, der Fotograf: »Diese Reise hat schon ihre Längen.« Er bekommt dabei einen Blick wie Käpt’n Ahab, wenn er vom weißen Wal spricht.

Wenn wir die Kapitäne und Steuermänner fragen, ob ihnen nicht manchmal langweilig wird, sagen sie nein. Gegen Langweile haben sie Satellitenfernsehen und Radio, Zeitschriftenlesen am Steuer ist auch kein Problem, das ist nicht ver-boten. Aber auch nicht so richtig erlaubt. Einer unserer Kapitäne hat gerade Herr der Ringe durchgelesen. Fahrend.

Wahrscheinlich sind wir auch deswegen immer so gern an Bord genommen worden, weil wir Boten vom Land waren. Menschen mit Geschichten, die die Schiffer noch nicht kannten – und vor allem: Menschen, die die Geschichten der Schiffer noch nicht kannten.

Dem Schiffskoller entkommen wir dank des Programms am Ufer: Bonn, Köln, Düsseldorf, alle zwei Stunden eine andere Stadt. Regierungsviertel, Dom, Fernsehturm. Die Inachos setzt uns in Duisburg an Land. Im Hafen entdecken wir das Auto der Stapfs: Die Coburg liegt in Duisburg. Wir rufen Kapitän Stapf an und verabreden uns für den nächsten Tag. Achtzig Kilometer sind es noch bis Holland, vier Stunden Zeit.

Die Stapfs erzählen, wie schön Ostern mit der Familie war, wir erzählen von Abenteurern auf dem Weg nach Lappland, Vereinsleben am Karfreitag und Touristen an der Loreley. Zwanzig Kilometer vor der Grenze schießt ein Schiff der Wasserschutzpolizei auf uns zu und meldet sich über Funkkanal 10: Hinter uns solle etwas im Rhein treiben, könnte eine tote Kuh sein, ob wir etwas gesehen hätten? Haben wir nicht. Über Funk hören wir kurz darauf die Warnung an den Rest der Schifffahrt: Wasserleiche gefunden, bitte Abstand halten. Ein Mann, 30 bis 50 Jahre alt, der schon Monate im Wasser gelegen haben muss. Er ist auch Wochen später noch nicht identifiziert.

Schließlich schiebt sich das Städtchen Lobith am Ufer neben die Coburg, der Endpunkt unserer Reise. Rechts liegt Holland, links noch Deutschland, hier an der Grenze schwimmt eine Tankstelle im Wasser, direkt daneben ein Supermarkt mit eigenem Schiffsanleger, dort gehen wir von Bord. Wolfgang und Anni Stapf winken aus ihrem Glashaus, in dem die Petunien in den vergangen elf Tagen ein ganzes Stück gewachsen sind. Der Motor grollt und singt einen Ton höher, der Propeller schäumt das Wasser des Rheins auf, und langsam gleitet die Coburg in die Mitte des Stroms und weiter zu Tal, immer weiter mit dem Wasser der Flüsse, die uns hergetragen haben. Wir stehen auf dem Anleger, der leicht schwankt; winken, bis wir den Schriftzug Coburg am Heck nicht mehr lesen können – und Menschen, die einem Schiff hinterherschauen, sehen immer sehnsüchtig aus.

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