»Ich bin nicht blind und habe noch beide Beine«

Der Schauspieler Hugh Laurie im Interview über die Vielschichtigkeit des Blues, die Klavier-Tradition von New Orleans und sein erstes Album, auf dem er sich an Stücken von Jelly Roll Morton, James Booker und Professor Longhair versucht.

Foto: Warner Music

Anfangs war ich skeptisch. Man hat ja schon viele Alben gehört, auf denen Schauspieler musikalisch dilettieren, meist ohne ihre eigene Peinlichkeit auch nur zu erahnen. Hier kam hinzu, dass sich Hugh Laurie ausgerechnet an alten Blues- und Jazzsongs aus New Orleans versuchen musste, einer von mir hoch geschätzten, rhythmisch und emotional komplexen Musik. Die Hürde war also hoch, doch als ich Lauries Album Let Them Talk dann hörte, war schnell klar, dass es keinen Grund gibt, das Werk abzutun.

Auf Anhieb sympathisch ist die Emphase, mit der Laurie für diese Songs eintritt. Er scheint sie wirklich zu lieben und ist im Lauf einer langjährigen Beschäftigung mit dieser Musik tief in die Materie eingedrungen. Dafür spricht auch die ausgesprochen geschmackvolle Songauswahl mit Liedern von Jelly Roll Morton, Leadbelly, Leroy Carr, Robert Johnson, Snooks Eaglin, James Booker, Professor Longhair, Sister Rosetta Tharpe und den Mississippi Sheiks. Was er dazu zu sagen hat, deckt sich mit Ideen, die ich schon oft hier im Blog thematisiert habe, nämlich dass die alten Bluessongs dank ihres thematischen Reichtum, ihres Witzes und ihrer Weisheit auch heute noch frisch klingen und neueren Liedern in vielerlei Hinsicht überlegen sind. Immer schön, wenn man in seinen randständigen Ansichten bestätigt wird. (Hugh Lauries Produzent Joe Henry hat in einem Interview, das ich vor anderthalb Jahren mit ihm führte, übrigens in etwa dasselbe gesagt.)

Weiterhin ist Lauries musikalische Darbietung überzeugend. Er ist natürlich nicht der Wiedergänger von Professor Longhair, aber wenn man bedenkt, wie weit entfernt er dank seiner Herkunft und seines Status' als Hollywood-Star von diesen Songs sein müsste, ist es schon beachtlich, wie überzeugend er sie rüberbringt. Dabei kommt ihm seine clevere Produzentenwahl zugute. Joe Henry hat tolle Alben von Allen Toussaint und Aaron Neville produziert und als Experte für Musik aus New Orleans zu gelten. Mit der Tatsache, dass Laurie kein Musik-Profi ist, geht er auf kluge Weise um: Zusammen mit Studiocracks wie Jay Bellerose und Greg Leisz spannt er ein Sicherheitsnetz unter Laurie auf, das dessen Gesang und Klavierspiel effektiv in Szene setzt. Die Musiker spielen dabei eher zurückhaltend, um Laurie nicht in den Schatten zu stellen, aber doch effektvoll genug, um das Album musikalisch zum Funkeln zu bringen. Vor einigen Wochen hatte ich Gelegenheit, mit ihm zu sprechen.

Sie sind ganz schön mutig, Herr Laurie.
Danke, aber wieso finden Sie das?

Viele Leute dürfte es befremden, dass Sie auf Let Them Talk, Ihrem ersten Album, ganz altmodische Musik spielen, Blues und Jazz aus New Orleans.
Ich würde mich selbst darüber wundern, wenn es um jemand anderen ginge.

Auf den ersten Blick wirkt Ihre Platte wie der Egotrip eines Superstars.
Was soll ich tun? Ich liebe diese Songs, und ich singe sie schon mein ganzes Leben lang. Diese Musik hat viel mehr mit mir zu tun als die Figur Dr. House, die ich im Fernsehen darstelle.

Tatsächlich merkt man bald, dass es Ihnen ernst ist, auch weil Sie so schön Klavier spielen. Woher können Sie das?
Ich verbringe jede freie Minute am Klavier. Und ich verehre seit Jahrzehnten die großen Pianisten aus New Orleans – Leute wie Professor Longhair, James Booker und Dr. John.

Was ist das Besondere an diesen Musikern und an der Tradition, in der sie stehen?
Das Klavier ist auch ein Percussion-Instrument. Die Pianisten aus New Orleans haben rhythmische Muster erfunden, mit denen sich das Klavier ein bisschen wie ein Schlagzeug spielen lässt. Dieser Sound hat eine nahezu körperliche Wirkung auf mich: Da zittere ich vor Freude.

Bei Bach und Beethoven nicht?
Weniger. Ich schätze Bach und Beethoven, in einer Folge von Dr. House habe ich sogar mal etwas von Bach gespielt. Mein Problem ist aber, dass ich nicht so gut Noten lesen kann. Es dauert also recht lange, bis ich mir ein Stück von Beethoven angeeignet habe.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit dem Blues?
Ich bin mir nicht mehr hundertprozentig sicher, was der erste Bluessong war, den ich gehört habe; ich glaube, es war »I Can’t Quit You Baby« von Willie Dixon. Aber ich weiß noch genau, dass diese Musik auf mich wie ein elektrischer Schock wirkte, sehr kraftvoll, sehr lebendig. Mir war sofort klar, dass das die Musik meines Lebens sein würde.

Wissen Sie, warum ausgerechnet der Blues Ihre Seele zum Klingen bringt?
Im Blues steckt viel Melancholie und Traurigkeit, aber genauso viel Witz und Lebensfreude. Ich sehe den Blues als meisterhaft ausbalanciertes Abbild der gesamten menschlichen Existenz: Die Spannung zwischen Dur und Moll ist wie die Spannung zwischen Leben und Tod.

Sie sind der erfolgreichste TV-Schauspieler der Welt, ein Millionär, ein gut aussehender Mann, von vielen beneidet …
Ich weiß nicht, von wem Sie reden.

Eigentlich sind Sie keiner, der von sich behaupten darf, den Blues zu haben!
Es stimmt, ich bin nicht blind und habe noch beide Beine. Aber der Blues darf doch nicht nur von tragischen Figuren gespielt werden! Schon in den Zwanzigern gab es viele Bluessänger, die so populär waren wie später die Rockstars.

»Ich bin fest überzeugt, dass viele Leute nur deshalb Schauspieler werden, weil sie sich hinter anderen Figuren verstecken wollen. Im Blues kannst du keine Maske tragen«

Sie hatten mit Depressionen zu kämpfen. Hat Sie diese Krankheit für den Blues empfänglich gemacht?
Möglich. Da müsste man wohl einen Psychiater fragen. Wobei ich sagen möchte, dass ich keine besonders schwerwiegenden Erfahrungen mit der Depression hatte. Ich habe gute und schlechte Tage, wie jeder von uns. An einem schlechten Tag spiele ich vielleicht einen langsamen Blues, an einem guten Tag einen schnellen. Beides bringt mir Trost.

Einige der Songs auf dem Album sind mehr als hundert Jahre alt. Was macht diese Lieder so langlebig?
Das ist eine Frage, über die ich viel nachgedacht habe. Ich interessiere mich sehr für die Schöpfer dieser Songs und für ihre Lebensläufe. Nehmen Sie zum Beispiel den Musiker Jelly Roll Morton, 1885 geboren, der als junger Mann in den Bordellen von New Orleans Klavier spielte und dort nach eigener Aussage den Jazz erfand. Das Leben, das dieser Mann lebte, ist unglaublich weit entfernt von uns. Aber jedes Mal, wenn ich eine Platte von ihm auflege, ist es, als stünde er plötzlich mitten im Raum. Als Entertainer hatte er so viel Flair, dass er auf wundersame Weise immer noch wie ein Zeitgenosse wirkt, zumindest auf mich.

Aber auf andere?
Meine Hoffnung ist, dass die Leute mein Album unvoreingenommen anhören. Es wäre schön, wenn sie einen Moment ihrer Zeit für diese außergewöhnlichen Musiker und ihre Gedanken übrig hätten. Einige Zeilen von Jelly Roll Morton oder Leadbelly, dem berühmten Folksänger, sind so exquisit – wenn du wirklich hinhörst, werden sie dich auch bewegen.

Lernt man in einem Jelly-Roll-Morton-Song mehr über das Leben als in einer Episode von Dr. House?
Der Tag ist lang genug, um sich beidem zu widmen.

Was ist schwieriger für Sie, Musik machen oder als Schauspieler arbeiten?
Als Musiker bin ich ein blutiger Anfänger. Vor Kurzem hatte ich in New Orleans einen Auftritt, Sir Tom Jones und die Soulsängerin Irma Thomas waren dabei meine Gäste. Zusammen haben die beiden rund hundert Jahre Bühnenerfahrung – und für mich war es der allererste Auftritt! Ich bin schon lang Schauspieler und weiß ungefähr, wie man das macht. Aber ich weiß so gut wie nichts über die Musik.

Im Blues geht es darum, die eigenen Gefühle möglichst ehrlich in Musik zu übersetzen. Ist das nicht viel leichter, als in eine fremde Rolle zu schlüpfen?Ganz falsch: Ehrlich zu sein ist immer schwieriger, als sich zu verstellen. Ich bin fest überzeugt, dass viele Leute nur deshalb Schauspieler werden, weil sie sich hinter anderen Figuren verstecken wollen. Im Blues kannst du keine Maske tragen.

Für mich steht die emotionale Aufrichtigkeit dieser Songs im Gegensatz zur Glamourwelt von Los Angeles, wo Sie leben und wo Dr. House entsteht.
Ich will Ihnen nicht Ihre Illusionen rauben, aber das Bild, das man sich vom Leben in Los Angeles macht, hat wenig mit der Realität zu tun. Mein Arbeitsalltag ist überaus prosaisch: Ich stehe früh auf, arbeite 15 Stunden lang in einem großen Gebäude ohne Fenster, dann fahre ich nach Hause und lege mich ins Bett. Kein Whirlpool, kein Champagner. Wie auch immer das Glamour-Leben aussehen mag – ich lebe es nicht.

Würde Dr. Gregory House Ihr Album gefallen?
Hm. Ich glaube schon. Aber wahrscheinlich würde er es nicht zugeben, sondern sagen: Was soll dieser Egotrip? Was glaubt dieser Typ eigentlich, wer er ist?!

Hugh Lauries Album »Let Them Talk« (Warner) erscheint am 29. April.