Die Königin aller Wissenschaften?

Von der Hirnforschung erhoffen sich alle alles. Zu Unrecht.

Wer die Wahrheit über den Menschen erfahren will, muss sich Bilder schematisierter Gehirne ansehen, in denen bunte Punkte leuchten. Dieses Versprechen der Neurowissenschaften ist allgegenwärtig: kein Powerpoint-Vortrag, kein populärwissenschaftlicher Aufsatz zum Thema, in dem es nicht von diesen Silhouetten wimmeln würde. Die Bilder sind das Ergebnis einer Methode namens Neuroimaging, die Anfang der Neunzigerjahre entwickelt wurde und sich in den vergangenen fünf Jahren endgültig etabliert hat. Der eingefärbte Umriss eines Schädels erscheint seither als Ikone der wissenschaftlichen Erkenntnis schlechthin. Nicht umsonst versuchen drei der fünf meistverkauften Sach-bücher im August 2012 den Geheimnissen des Denkens auf die Spur zu kommen.

So gut wie jede Regung der menschlichen Psyche wird mittlerweile unter dem Hirnscanner identifiziert und dargestellt. Allein in den letzten Monaten erschienen Studien, in denen der Bluff von Pokerspielern an spezifischen neuronalen Signalen erkannt wurde, eine Phobie bei der Konfrontation mit Spinnen, der Unterschied zwischen leidenschaftlicher Liebe und der Zuneigung für Schutzbefohlene oder die Kaufentscheidung für ein bestimmtes Produkt, selbst wenn die Probanden es während der Messung gar nicht bewusst wahrgenommen haben.

Die Neurowissenschaften und ihre bildgebenden Verfahren scheinen also die alte Utopie von der Lesbarkeit des Menschen verwirklicht zu haben. Was die Entzifferungen der Physiognomik vor zweihundert und die Geständnisse in Hypnose und Psychoanalyse vor hundert Jahren nur versprechen konnten, lösen die Hirnbilder endlich ein. Aber ist die Decodierung der Regungen wirklich so unproblematisch? Von den Gesprächen mit Neuroimaging-Forschern, die zum größten Teil keine medizinische, sondern eine psychologische Grundausbildung haben, bleibt immer ihr ausgeprägtes Selbstbewusstsein in Erinnerung. Der alte Zwiespalt, ob es die Sprache oder die Zeichen des Körpers sind, die einen unverstellten Einblick ins Innere des Ich gewähren, besteht für sie 75 Jahre nach Freuds Tod nicht mehr. Nur die messbare Hirnaktivität macht das Wesen des Menschen aus.

Aber gerade weil die Vorsilbe »Neuro-« als Garant wissenschaftlicher Objektivität gilt, lohnt es sich, den Erkenntnisweg der bildgebenden Verfahren, die komplexe Verwandlung von den Messdaten zum Bild, noch einmal genau zu beschreiben. Denn je länger man sich mit diesem Zweig der Hirnforschung beschäftigt, desto mehr erhärtet sich der Verdacht, dass die scheinbar selbstverständlichen Schlüsse häufig auf willkürliche Annahmen zurückgehen und sich unter der hochmodernen Wissenschaft ein eher altertümliches Menschenbild verbirgt.

Neuroimaging ist natürlich überall dort mit besonderen Erwartungen verbunden, wo man sich durch die Hirnsignale die Aufdeckung von Lüge und Täuschung verspricht. Daher ist die künftige Anwendung der Scanner in Gerichtsverfahren eine der größten Ambitionen vieler Forscher. Was weder dem Gottesurteil noch der Folter, weder dem Kreuzverhör noch dem Lügendetektor gelungen ist, sollen nun die neuronalen Muster liefern: verlässlich lesbare Zeichen von Schuld und Unschuld. In den Studien, die es in den vergangenen Jahren zu dieser Frage gegeben hat, müssen die Probanden etwa eine konspirative Tat begehen (einen Tresor im Nebenraum des Labors aufschließen); anschließend werden sie und eine Gruppe »unschuldiger« Probanden im Scanner zu den Vorgängen befragt und müssen die Tat allesamt abstreiten. Aus der Hirnaktivität der Versuchspersonen wollen die Neurowissenschaftler ablesen, wer im Lauf des Verhörs gelogen hat und an der Tat wirklich beteiligt war.

VERBRECHERVORHERSAGE

Auch wenn die neuronale Lügendetektion in den Gerichtssälen noch nicht als Methode der Wahrheitsfindung akzeptiert ist, sehen die Hirnforscher mit großem Optimismus der Anwendung ihrer Erkenntnisse entgegen. In Deutschland ist John-Dylan Haynes wohl der bekannteste und aktivste Neuroimaging-Spezialist. Am Berliner Bernstein Center for Computational Neuroscience leitet der 41-jährige Psychologe derzeit auch eine Pilotstudie, die sich mit der Darstellung von verborgenem »Täterwissen« beschäftigt. Seine Probanden halten sich einige Minuten in vier ganz unterschiedlichen Räumen auf dem Universitätscampus auf – einem Labor, einem Seminarraum oder einem Sekretariat –, und dann werden ihnen im Scanner wiederholte Bilderserien von diesen bekannten sowie vier unbekannten Orten gezeigt. Haynes und seine Mitarbeiter versichern, dass sie anhand der neuronalen Reaktionen mit großer Wahrscheinlichkeit erkennen können, »ob eine Erinnerung realitätsbasiert ist«, ob also die Hirnsignale beim Anblick von Räumen, in denen die Probanden schon einmal gewesen sind, spezifische Muster aufweisen. Diese These hätte für die kriminalistische und juristische Praxis weitreichende Konsequenzen, weil die Anwesenheit eines Verdächtigen am Tatort nun auch ohne Geständnis, Fingerabdruck oder DNA-Spuren nachgewiesen werden könnte.

Aber was genau muss geschehen, bevor ein Hirn in einer Abbildung bunt aufleuchtet? Gegenüber einem Laienpublikum wird dieser Weg gern für vernachlässigenswert erklärt: Den Forschern selbst sichert das Einbehalten ihres Herrschaftswissens Autorität, und die Vermittler im Wissenschaftsjournalismus sind allzu häufig auf spektakuläre Ergebnisse und Erkenntnisse aus, um sich für die fragilen Entstehungsbedingungen dieser Erkenntnisse zu interessieren.

Als maßgebliches Verfahren des Neuroimaging hat sich die »funktionelle Magnetresonanz-Tomografie« (fMRT) durchgesetzt. Diese Variante einer Kernspin-Untersuchung misst Abweichungen in der Versorgung des Hirnblutes mit Sauerstoff. Sauerstoffarmes Blut hemmt das in der Röhre aufgebaute magnetische Feld, sauerstoffreiches verhält sich gleichgültig, sodass ein Anstieg des Sauerstoffgehalts im Blutfluss des Probanden größere Magnetaktivität hervorruft. Es wird also nicht die neuronale Aktivität selbst gemessen, sondern ein physiologischer Effekt, der sich in den Daten des Tomografen erst mit einer Verzögerung von mehreren Sekunden einstellt. Wird der Person in der Röhre also ein Bild gezeigt oder eine Frage gestellt, erkennen die Forscher an der Erhöhung der Magnetaktivität zunächst den veränderten Sauerstoffgehalt im Blut und rechnen von diesem Wert auf eine vorangegangene Erhöhung der Hirnaktivität zurück.

Bilder, die keine Bilder sind

BILDER, DIE KEINE BILDER SIND

Die Messwerte eines analysierten Gehirns, vom Computertomografen in bis zu 40 000 würfelförmige Einheiten unterteilt, sind zunächst nichts als eine endlose Kolonne von Zahlen. Das ist wichtig zu erwähnen, weil es den bunten Hirnbildern ja nicht ohne Weiteres anzumerken ist, dass sie aus einer nachträglichen Visualisierung hervorgegangen sind; als Laie hat man eher den Eindruck, es handele sich um eine Art schematisierte Fotografie, also um eine wie auch immer bearbeitete Aufnahme eines realen, individuellen Gehirns. Das ist nicht der Fall. Der Übergang von den Zahlenkolonnen zum Bild vollzieht sich vielmehr in der Art, dass die Forscher die Messdaten aller Probanden übereinanderlegen und auf diese Weise ein fiktives Standardgehirn erzeugen. Die aufleuchtenden Stellen bezeichnen jene Regionen, in denen ein Computeralgorithmus wiederkehrende neuronale Reaktionsmuster bei der Versuchsgruppe im Ganzen errechnet hat.

In der Selbstdarstellung wie in der wissenschaftsjournalistischen Vermittlung der Hirnforschung wird also eine bestimmte Schwelle geglättet: Die Scans sollen als getreuer Abdruck der menschlichen Psyche erscheinen, doch gleichzeitig wird die hochvermittelte Herstellung dieser Bilder, ihre Gemachtheit, verschleiert oder zumindest so beiläufig wie möglich behandelt.

Ein zweiter kritischer Moment der bildgebenden Verfahren hat mit der Interpretation der Daten zu tun. Für die Hirn-forscher selbst gibt es keinen Zweifel an der verlässlichen Lektüre ihrer Erzeugnisse. Der Traum vom Gedankenlesen, wie ein Aufsatz von John-Dylan Haynes heißt, stehe nun endlich vor seiner Erfüllung. Haynes stellt in diesem Text seine Hypothese vor, dass »mit jedem Gedanken ein einzigartiges, unverwechselbares Muster der Hirnaktivität einhergehen« würde. »Zwei verschiedene mentale Vorstellungen, etwa von einem Hund und einer Katze, haben also unterschiedliche Muster – und wenn ich zweimal an denselben Hund denke, ergibt sich jeweils dasselbe Muster.« Dieser Erkenntnisoptimismus beflügelt das Verfahren des Neuroimaging, und Haynes’ harmonisches Zeichensystem geht sogar so weit, dass er die Ordnung der neuronalen Signale nach dem Vorbild der realen Gegenstände organisiert. Das Vorstellungsmuster beim Denken an ein Motorrad, schreibt er, setze sich aus den Mustern des Autos und des Fahrrads zusammen und nehme im Tomografen damit genau dieselbe Stellung zwischen den Fahrzeugen ein wie das Ding Motorrad auch.

Sind die Synapsen mit unserer Lebenswelt also derart vertraut, dass sie den technischen Unterschied verschiedener Fortbewegungsmittel neuronal nachahmen können? Die Stimmigkeit dieses Modells ist einigermaßen fragwürdig. In der Sprachwissenschaft ist seit mindestens hundert Jahren die Position unwidersprochen, dass zwischen dem bezeichnenden Wort und dem bezeichneten Gegenstand kein natürliches, sondern ein willkürliches Verhältnis bestehe. Die Hirnforschung, als Avantgarde der Wissenschaften vom Menschen gerühmt, nimmt in dieser Hinsicht also eine erstaunlich altbackene Haltung ein (eine Konstellation, die sich immer wieder durch die kulturellen Grundlagen der Neurowissenschaften zieht).

WILLKÜRLICHE INTERPRETATIONEN

Letztlich geht es bei der Interpretation der Hirnscans um die Frage, was im Tomografen tatsächlich gemessen und gelesen werden kann – nicht die Gefühle und Gedanken an sich, wie man der Berichterstattung zufolge oft glauben könnte, sondern allein die Relationen zwischen einem angenommenen Grundzustand der Hirntätigkeit und zeitweiligen Ausschlägen. Doch wie legt man diese Kategorien von Normalität und Abweichung fest? Vor der Lektüre eines Zeichensystems muss immer ein Übersetzungscode stehen, und im Neuroimaging sind dies zwei zentrale Annahmen: dass die Erhöhung des Sauerstoffs im Hirnblut auf gesteigerte neuronale Aktivität zurückgeht und dass dieser Anstieg wiederum auf einer konkreten äußeren Stimulation beruht, zum Beispiel einer Frage oder einem gezeigten Bild. Die erste Annahme ist sogar unter den Hirnforschern selbst umstritten; manche von ihnen halten den genauen physiologischen Ursprung der magnetischen Reaktionen daher für unerheblich. Die zweite Annahme lässt sich etwa in den Versuchen zur Lügendetektion empirisch bestätigen, doch die Ausgangsthese, warum wahrhaftiges Sprechen oder die Sicherheit guter Karten beim Pokern weniger neuronale Aktivität hervorrufe, bedient sich wieder einer so willkürlichen wie altgedienten Setzung über die Natur des Menschen. Täuschung, sagen die Hirnforscher, fordere dem Bewusstsein größere Anstrengung als Ehrlichkeit ab; jede Lüge mache die Unterdrückung der Wahrheit, des ruhigen Grundzustands unseres Denkens und Fühlens, notwendig. Abgesehen davon, dass die Neurowissenschaft hier exakt das (gescheiterte) Programm des Polygrafen-Lügendetektors vor knapp hundert Jahren wiederholt: Das philosophische Menschenbild, auf dem diese Entzifferung der Hirnscans basiert, steht auf wackligen Beinen, spätestens seit Nietzsche Moral und Macht zusammengedacht hat.

Der erste Hirnforscher

DER ERSTE HIRNFORSCHER

Um der Neurowissenschaft ein wenig von ihrer schillernden, nur den Eingeweihten zugänglichen Neuheit zu nehmen, ist es ohnehin sinnvoll, sich mit ihrer historischen Entwicklung zu beschäftigen. Dieser Zugang verschafft deshalb eine aufschlussreiche Perspektive, weil die Hirnforschung selber ihre Geschichtlichkeit ausblendet und ihre Errungenschaften als seit ewigen Zeiten herbeigesehnten und nun endlich möglichen Einblick ins Innerste des Menschen präsentiert. Dass dem Gehirn diese exklusive Bedeutung zugeschrieben wird, ist aber eine relativ junge Erkenntnis. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts kommt dem Organ nur eine vermittelnde Stellung zwischen der Materialität des Körpers und der unteilbaren, nicht lokalisierbaren Seele des Menschen zu. Der deutsche Arzt Franz Joseph Gall ist dann der Erste, der diesen Dualismus radikal bestreitet und das Gehirn allein zum Schauplatz des Menschlichen erklärt. Er unterscheidet 27 Regionen unter dem Schädel – Talente, Eigenschaften, Triebe –, deren normale oder pathologische Ausprägung er sogar von außen, durch Betastung von Erhebungen und Einbuchtungen, zu identifizieren vorgibt. Seine Vortragsreisen Anfang des 19. Jahrhunderts sind öffentliche Spektakel, und er tritt sogar als Gutachter in Gefängnissen auf, um durch seine Hirndiagnosen das Urteil über Verbrecher zu stützen oder infrage zu stellen.

Gall wurde in der Medizingeschichte lange als eine Art Freak beschrieben. Die gegenwärtige Bedeutung der Neurowissenschaften macht ihn jedoch eher zur Stifterfigur eines neuen, hirnzentrierten Verständnis vom Menschen. Wenn es heute tatsächlich neuronale Muster geben soll, in denen sich eine Spinnenphobie oder Mutterliebe abzeichnen, dann geht diese Idee der Lokalisierung von Regungen auf Galls 27 Hirnareale zurück. Bemerkenswert ist jedoch vor allem eine andere Kontinuität: In Dokumenten über das Leben Franz Joseph Galls wird stets seine Ambition als Gesellschaftstheoretiker betont; er begnügte sich nicht damit, physiologische Aussagen über den Zustand des Gehirns zu treffen, sondern ihm ging es um die Konsequenzen dieser Erkenntnisse für das Zusammenleben der Menschen, um den Einfluss seiner Hypothesen auf Belange der Philosophie, der Moral oder der Rechtsprechung.

Das aber ist genau die Position, die auch die prominentesten Hirnforscher zweihundert Jahre später für sich in Anspruch nehmen. Neurowissenschaftler wie Gerhard Roth, Wolf Singer, Manfred Spitzer oder Gerald Hüther sind inzwischen weniger für ihre fachlichen Arbeiten bekannt als für ihre gesellschaftspolitischen Einlassungen. Roth löste um das Jahr 2005 herum eine monatelange Debatte aus, als er das Ende der Willensfreiheit im neuronal determinierten Individuum erklärte. Sieben Jahre später moderiert Manfred Spitzer eine wöchentliche Fernsehsendung auf BR-alpha, und schreibt, wie seine Kollegen, Bestseller zu medienkritischen oder philosophiegeschichtlichen Themen.

ANGRIFF DER UNIVERSALEXPERTEN

Woher rührt die pädagogische Autorität der Neurowissenschaftler? Sie geben vor, mit der Durchleuchtung der zerebralen Windungen dem Geheimnis des Geistes auf die Spur gekommen zu sein, und von dieser Leistung leiten sie die Befugnis ab, sich zu sozialen Fragen aller Art äußern zu können. »Wir müssten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren«, ruft der verzweifelte Danton in der berühmten Eingangsszene von Georg Büchners Drama. Die Hirnforscher des 21. Jahrhunderts glauben diese kommunikative Utopie eingelöst zu haben, und wenn das Neuroimaging den Universalschlüssel zum Verständnis des Bewusstseins liefert, dann gelten die, die diese Apparate bedienen können, auch als Universalexperten für den Zustand der gegenwärtigen Welt.

Diese Gleichung bringt inzwischen Werke wie Digitale Demenz von Manfred Spitzer hervor. Das Buch, auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste vorgerückt, versteht sich als Warnung vor der Gefahr der neuen Medien für die nachwachsende Generation, und von seinem Tonfall her wirkt es wie die Klage eines älteren Mannes, der die moderne Welt nicht mehr so gut versteht. Die Suada legitimiert sich aber durch die neurowissenschaftliche Kompetenz ihres Autors, durch die Erwähnung von Studien, Illustrationen bunter Hirne und Verdikte wie diesen: »Die moderne Gehirnforschung legt nahe, dass wir bei der Nutzung der digitalen Medien in einem größeren Rahmen allen Grund zur Sorge haben.« Einmal notiert Spitzer, er habe »ein unbequemes Buch« geschrieben. Als »Gehirnforscher kann ich aber nicht anders. Ich habe Kinder und möchte nicht, dass sie mir in zwanzig Jahren vorhalten: ›Papa, du wusstest alles – und warum hast du dann nichts getan?‹«

Der Neurowissenschaftler als höchste Erkenntnisinstanz, welche die Verantwortung auf sich nimmt, die Menschheit auf ihren Irrwegen zu korrigieren: Nach einem ganz ähnlichen Prinzip funktioniert der Ratgeber von Gerald Hüther, Was wir sind und was wir sein könnten, der den Untertitel trägt: Ein neurobiologischer Mutmacher. Hier liefert die Hirnforschung nicht die Lizenz zur Medienkritik, sondern zur Lebenshilfe. Die Botschaft des Buches besteht darin, dass sich das »Geheimnis des Gelingens« im Leben »offenbaren« müsse, doch diese spirituellen Weisheiten verkaufen sich deshalb schon in der elften Auflage, weil im gleichen Kapitel auch Worte wie »Temporallappen« oder »Serotoninrezeptoragonist« vorkommen.

Wir leben offensichtlich im Zeitalter einer Theologie des Hirns. Wenn aber alles am menschlichen Erleben zerebral determiniert und konstruiert ist, dann nimmt das Organ unter der Schädeldecke genau jene unhintergehbare Funktion ein, die vor der Epoche der Aufklärung Gott zukam. Auch diese Parallele weist noch einmal auf die vormodernen Grundlagen einer ultramodernen Wissenschaft. Hirnforschung ist die Rückführung des Menschen in seine selbst verschuldete Unmündigkeit.

Illustrationen: Thomas Traum

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