Den Osten kosten

Ein Drittel aller Westdeutschen war noch nie im Osten. Dabei gibt es da zauberhafte Alleen, grandiose Schlösser, riesige Seen. Wenn unsere Reisetipps Sie nicht locken, dann können Sie sich auch einmauern lassen.

Thüringen, Mühlhausen

Das idyllische Städtchen Mühlhausen in Thüringen.

Ich bin eine von diesen Ignoranten: War noch nie in Thüringen. Nur durchgefahren auf dem Weg nach Berlin, das war alles. Kürzlich musste ich nach Mühlhausen; nicht ins Elsass, sondern nach Mühlhausen, Thüringen. Und schon in Sekunde eins, als ich von der Autobahn auf die Landstraße Richtung Gotha abbiege, bin ich Fan! Was für eine liebliche, hügelige Landschaft! Was für ein sanftes Licht, das sich in den Laubkronen bricht! Und warum haben sie diese tollen Alleen hier, ich dachte, die gibt es nur in Mecklenburg-Vorpommern (da war ich natürlich auch noch nicht)?

In Mühlhausen dann quartiere ich mich in einem x-beliebigen Hotel ein, schon da sind die Leute freundlich bis zur Aufdringlichkeit, man empfiehlt mir einen Rundgang durch die nahe Altstadt – ach so, haben die hier auch. Moment, was ist denn das für eine Altstadt? Nahezu vollständig umgeben von einer Stadtmauer, Gassen, die sich zu großen Plätzen öffnen, schiefe, putzige Fachwerkhäuser wechseln sich ab mit Bürgerhäusern aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, kaum Bausünden, fast alles renoviert, Straßen mit altem Kopfsteinpflaster, so uneben, dass man nicht mal Rad fahren könnte. Dazu elf Kirchen aus dem Mittelalter, in einer, Divi-Blasii, war Bach 1707 Organist. Hier könnte man sofort einen Film drehen, der in Prag 1780 spielt, ohne eine Satellitenantenne entfernen zu müssen. Aber eigentlich sollte ich schweigen und mich schämen.

Susanne Schneider

Übernachten: Mirage Hotel, Karl-Marx-Str. 9, 99974 Mühlhausen, Tel. 03601/43 90, www.mirage-hotel.de. DZ ab 99 Euro.

Das Land der Alleen

Mecklenburg-Vorpommern, Ostseebad Sellin

Solche Alleen gibt es in Deutschland nur mehr dort, wo die Autofahrer lange nichts zu sagen hatten: zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern.

Je langsamer man fährt, desto größer das Landschaftsglück. Auf der L 29 zwischen dem Ostseebad Sellin, Putbus und Altefähr sollte man sich unbedingt an diese Devise halten: Vor einem tut sich eine Kathedrale aus Bäumen auf, nur wenige Sonnenstrahlen fallen durch das grüne Dach. Wie durch ein Fenster sieht man durch die Kastanien, Eschen, Berg- und Spitzahorne hinaus in die hügelige Landschaft Rügens.

Mecklenburg-Vorpommern ist berühmt für seine Alleen. Rund 4300 Kilometer gibt es hier. Nur Brandenburg hat mehr, nämlich 12 000 Kilometer. Dass die noch stehen, ist ein Glücksfall der Geschichte. In Westdeutschland wütete in den Sechzigerjahren eine Anti-Alleen-Kampagne. Die Straßen wurden nach Maßgabe der autovernarrten Gesellschaft umgerüstet – und knapp 50 000 Kilometer Alleenbestand abgeholzt. Der ADAC sprach von »Todesbäumen«. Die behäbige Planwirtschaft der DDR stellte einen natürlichen Schutz für Alleen dar. Es gab einfach weniger Autos und damit weniger Gründe, die historischen Wegbegrenzungen umzusägen.

Die ältesten Bäume in Mecklenburg-Vorpommern sind 250 Jahre alt. Gleich hinter dem Ostseebad Sellin beginnt die knapp 3000 Kilometer lange Deutsche Alleenstraße.

Felix Denk

Übernachten: Ferienwohnungen Gut Grubnow, Grubnow Nr. 7, 18569 Neuenkirchen, Tel. 0172/ 402 02 80, Ab 60 Euro.

Alles ist Friede


Brandenburg, Großer Seddiner See / Wildenbruch

Der Seddiner See in Brandenburg.

Es ist sein Traum vom Glück: Bootsverleiher, hat Gerhard Polt mir einmal erzählt, das wäre er gern geworden. Libellen und Fische lärmen nicht. Ab und an einen Ruderer abkassieren. Ein Bier trinken. Das Wasser ein glattes, glänzendes Laken. Ein friedliches Leben eben.

Der bayerische Kabarettist könnte vom Großen Seddiner See geträumt haben. Ein See mit der Gestalt eines Seehundes, das würde ihm gefallen. An der Nasenspitze dieser Robbe liegt der Ort Wildenbruch. Ein paar Häuser nur, Stallungen aus rotem Klinker, eine Feldsteinkirche mit wuchtigem Fachwerkturm, der kleine Friedhof daneben. Und die Linde, aber davon später.

Man geht die paar Schritte die Dorfstraße runter (sie heißt Dorfstraße, diese Straße durchs Dorf). Im Weizenfeld leuchten blau die Kornblumen und rot der Klatschmohn. Eine sandige Badebucht unterbricht den ansonsten dichten Schilfgürtel. Zwei Bänke, Schatten. Wer es geruhsam will, hat nun seinen Platz schon gefunden.

Theodor Fontane schreibt über diesen Landstrich: »Alles ist Friede; die ganze Welt ein Idyll.« Und Rainald Grebe singt: »In Brandenburg, in Brandenburg, ist wieder jemand gegen einen Baum gegurkt, was soll man auch machen mit 17, 18 in Brandenburg? Es ist nicht alles Chanel, es ist meistens Schlecker, kein Wunder, dass so viele von hier weggehen, aus Brandenburg« (sehr schön auf youtube). Von Menschen überlaufen ist die Gegend wirklich nicht.

Ein Wanderzeichen sagt: Seeumrundung 10,3 Kilometer. Meist Waldpfad, mal Feldweg, dann geht es (im Uhrzeigersinn laufend) durch die Dörfer Kähnsdorf und Seddin, blühende Holunderbüsche duften, eine Ringelnatter überquert den Pfad. Geschulte Augen erkennen, wo die DDR ästhetisch überlebt hat. Auch ein Rätsel der modernen Architektur ist zu bestaunen: Bei Neubauten verwenden sie gern glasierte Dachziegel in den Farben Blau und Braun, wie man es sonst von den Pagoden Südkoreas kennt. Und immer wieder Badestellen. Für Schwimmer: Der Seddiner See ist ein Flachwasser, man muss schon weit rauswaten, bis es einigermaßen tief wird. Dafür hat man seine Ruhe, denn Motorboote sind verboten.

Am nördlichen Ufer ragen ein paar Stege ins Wasser. Hinsetzen und auf den See starren. Auf den See zu starren ist Meditation. Es überkommt einen dabei, wie
Gerhard Polt es nennt, eine tiefe »Tranquilität«. Darüber sinnieren, mit welchem Getier man dieses Stück Erde teilt: Zweifarbige Beißschrecke, Neuntöter, Bluthänfling, Große Moosjungfer, Ampfer-Grünwidderchen … Die Fische haben hier lustige Namen wie Ukelei, Güster und Karausche.

Und zurück in Wildenbruch wartet die »Linde«, ein Gasthof der bilderbuchhaften Sorte mit einem gigantischen Kastanienbaum im Garten und feiner Weinkarte. Zum Wohlsein, was sonst. Da wundert einen nicht, dass auch der Schriftsteller Wig-laf Droste vom Brandenburgischen ergriffen wurde. Er war jüngst für einige Monate als Stadtschreiber engagiert (allerdings nördlich von Berlin) und bündelte seine Eindrücke unter dem Titel: Auf sie mit Idyll! Es klingt wie ein Schlachtruf, doch es ist eine Schmeichelei.

Norbert Thomma

Übernachten: Gasthof Zur Linde, Kunersdorfer Str. 1, 14552 Wildenbruch, Tel. 033205/623 79. DZ ab 110 Euro.

Königliche Eleganz

Sachsen, Schloss Gaußig

An diesem Ort möchte selbst ein Wessi Ossi sein: Schloss Gaußig in Sachsen.

Auch wenn alles hier so aussieht: Auf »Schloss Gaußig« müssen Sie beim Abendessen im Kaminsaal die Konversation nicht auf Französisch führen. Wie ein Graf fühlen darf man sich trotzdem. Das im Stil des palladianischen Klassizismus umgestaltete Barockschloss im sächsischen Teil der Oberlausitz verströmt Eleganz.
Das fängt schon mit dem Landschaftspark nach englischem Vorbild an: In weiten Serpentinen ziehen sich Wege durch ein dreißig Hektar großes Gartenensemble mit See, einem Pavillon und einen mit üppigen Rhododendren gesäumten Kanal. Im Schloss, in dem schon König Friedrich August III., Sachsens letzter König, übernachtete, ist alles wie ehedem erhalten: Das Vestibül mit ionischen Säulen, alte Gemälde in den Salons, viktorianische Himmelbetten in den 16 Zimmern, deren Tapeten auf die Bettbordüren in Senfgelb, Moosgrün oder Pompejanisch-Rot abgestimmt sind. Nur der Spa-Bereich mit drei Saunen und Pool entspricht moderneren Vorstellungen von Zerstreuung.

Einen echten Schlossherrn gibt es auch: Andreas Graf von Brühl-Pohl ist das seit 2005. Wenn der mal nicht zugegen ist, darf man sich seine Gemächer anschauen. Überraschung: Sie sehen genauso aus wie der Rest des Schlosses.

Felix Denk

Übernachten: Schlosshotel Gaußig, An der Kirche 2, 02633 Gaussig/OL, Tel. 035930/55227, DZ ab 145 Euro.

Päuschen machen


Sachsen-Anhalt, Elsteraue

Ein Fahrradstop in Sachsen-Anhalt.

Der Schweizer Fondsmanager Thomas von Ledersteger hat einiges gesehen von der Welt. Als er mit dem Fahrrad von Potsdam nach Genf unterwegs war, auf
dem Weißen-Elster-Radweg, und an einer verfallenen Fabrikantenvilla mitten im Wald eine Pause einlegte, dachte er sich: »Die Landschaft hier ist ja so schön wie in der Toskana.« In einem Nebengebäude standen einige Pferde, mit dem Auto ist das Grundstück nur schwer zu erreichen. Idylle pur.

Der passionierte Radfahrer kaufte das 200 Jahre alte Gebäude kurz-entschlossen, ließ das Nötigste nach und nach renovieren, stellte eine patente Wirtin ein und eröffnete einen Fahrradstop, mit kleiner Werkstatt und Imbiss. Zwei Jahre ist das her, mittlerweile machen an einem guten Tag schon 70 Radfahrer Halt, um sich mit Würstchen, Bier und Limonade zu stärken. In Kürze werden sie auch übernachten können.

Lars Reichardt

Übernachten: Fahrradstop Louis Jacob, Bornitzer Weg 1, 06729 Göbitz, Tel. 0179/266 97 17, info@louis-jacob.de
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Fotos: Manfred Paul

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