Die Gewissensfrage

Sollte man einem guten Freund noch ein zweites Geschenk kaufen, wenn das erste unerwartet günstig ausgefallen ist?

»In unserem Freundeskreis gilt die Vereinbarung, dass wir uns zu Geburtstagen Geschenke im Wert von etwa zwanzig Euro machen. Nun steht der Geburtstag einer Freundin an, und wir anderen fünf schenken ihr gemeinsam eine Wochenendreise. Diese habe ich günstig im Internet ersteigert, sodass sie statt 105 Euro nur mehr 60 Euro gekostet hat. Damit haben wir aber unser Budget unterschritten. Sollen wir nun noch ein Zusatzgeschenk für 40 Euro dazukaufen?« Cordula I., Rostock

Fast hätte ich Ihre Frage beiseitegelegt: Ich mochte sie nicht wirklich, sie erschien mir mehr als Rechenaufgabe denn als Gewissensfrage. Andererseits lässt sich das Problem durch Rechnen nicht lösen, im Gegenteil, es scheint erst dadurch zu entstehen. Zudem geht es auch um Gerechtigkeit, und damit wären wir doch im Bereich der Moral, sogar in ihrem Zentrum.

Bei Fragen der Gerechtigkeit ist man gut beraten, bei Aristoteles nachzusehen. In seinen Kategorien handelt es sich bei Ihrer Geschenkerunde um den Austausch im freiwilligen Verkehr. Dabei soll laut Aristoteles das Gerechte in der arithmetischen Proportionalität stehen, also das eine dem anderen entsprechen. »Darum muss auch alles, wovon es Tausch gibt, vergleichbar sein. Dazu ist das Geld bestimmt und ist sozusagen eine Mitte.« Insofern wäre es sinnvoll, sich strikt am Geldwert zu orientieren.

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Allerdings ist das gegenseitige Beschenken kein gewöhnlicher Austausch, er findet seinen Grund in der Freundschaft. Auch beim Thema Freundschaft ist Aristoteles die erste Adresse, und tatsächlich findet man bei ihm Überlegungen, ob man das, was man dem Freund gibt, nach dem Nutzen des Empfängers oder nach der Leistung des Gebenden bemisst. Aristoteles meint, dass es bei einer Freundschaft, die man nur zum gegenseitigen Nutzen pflegt, dann auch auf den Nutzen des Empfängers ankomme, bei einer echten Freundschaft, einer Tugendfreundschaft hingegen auf die Absicht oder Intention des Gebenden.

Was bedeutet das konkret? Zunächst geht es Aristoteles nicht um den Aufwand, sondern um die Absicht, und die war bei Ihnen ja, Ihrer Freundin mit einer Reise, die einen bestimmten Wert hat, eine Freude zu bereiten – und nicht einen Geldbetrag auszugeben. Viel wichtiger scheint mir aber, worauf Aristoteles in diesem Zusammenhang hinweist: »Bei einer echten Freundschaft auf Grund der Tugend gibt es keine Vorwürfe.« Und damit landet man am Ende wieder beim Gefühl vom Anfang: Das Nachzählen und Rechnen hat – sofern man nicht Geschäfte miteinander macht – in einer echten Freundschaft eigentlich nichts verloren. Noch etwas dazuzukaufen, weil das eigentliche Geschenk billiger war als gedacht, würde mir das Schenken unter Freunden zu sehr auf einen reinen Austausch reduzieren.

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Das Thema interessiert Sie? Dann lesen Sie doch hier weiter:

Aristoteles, Nikomachische Ethik, hier zitiert in der Übersetzung von Olof Gigon, dtv, München, 5. Auflage 2002
Zur Gerechtigkeit im freiwilligen Verkehr: 5. Buch, 1131b 33 – 1132a1
Zum Geld beim Tausch: 5. Buch 1133a 19-20
Zum Geben in der Freundschaft: 8. Buch 1163a 10 – 22

Im griechischen Original nennt Aristoteles, das worauf es beim Geben unter echten Freunden, ankommt, „prohairesis“. Olof Gigon übersetzt das mit „Absicht“, Ursula Wolf (Rowohlt Verlag, Reinbeck bei Hamburg 2006) mit „Vorsatz“ und Franz Dirlmeier (Akademie Verlag und Reclam Verlag 1986) mit „Intention“

Illustration: Marc Herold