Die Gewissensfrage

Darf man ein Geschenk des ehemaligen Partners, das mit großer Mühe gestaltet wurde, lieblos entsorgen?

Aus psychologischer Sicht könnte man fragen, ob Sie mit Ihrem damaligen Freund wirklich schon völlig abgeschlossen haben. Der Frankfurter Psychoanalytiker Tilmann Habermas etwa schreibt in seinem Buch Geliebte Objekte von Dingen, die als Stellvertreter einen anderen symbolisieren, den das Individuum vermisst. Dazu gehören »Geschenke, die der andere selbst verfertigt hat und die somit auf dessen Tätigkeit verweisen und intensiver mit seinem Körper in Kontakt waren«. Vielleicht meldet sich auch ein schlechtes Gewissen, weil Sie damals jemandem »das Herz gebrochen« haben und das nicht symbolisch am hölzernen Stellvertreter wiederholen wollen. Oder Sie fürchten, dass Ihnen nie wieder jemand derart »sein Herz schenken« wird.

Das alles können nur Sie beantworten, und damit nähert man sich meines Erachtens auch schon der Lösung. Man kann zwar, wie Kant in seiner Vorlesung über Ethik, Pflichten gegenüber leblosen Sachen als indirekte Pflichten gegenüber der Menschheit ansehen. Man kann diesen Gedanken aber auch von der anderen Seite her betrachten: dass es zum einen keine direkten Pflichten gegenüber Sachen gibt und dass zum anderen die Pflichten gegenüber Menschen überwiegen. Und der dabei relevante Mensch sind hier, nachdem die Beziehung mit dem Herzensschnitzer beendet ist, in erster Linie Sie selbst.

Das Holzherz repräsentiert die Arbeit, Liebe und Mühe, die für seine Herstellung aufgewandt wurden. Die sollte man auch achten, aber nicht so weit, dass Sie als Mensch auf ewige Zeiten, Gedeih und Verderb an einen sperrigen Gegenstand gekettet sind, nur weil Ihnen den einmal jemand geschenkt hat. Sie können das Herz dazu nutzen, sich über Ihre damit verbundenen Gefühle klar zu werden. Aber wenn die nicht entgegenstehen, dürfen Sie den Gegenstand ruhigen Gewissens entsorgen.

Literatur:

Tilmann Habermas, Geliebte Objekte. Symbole und Instrumente der Identitätsbildung, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2. Auflage 2012. Dort insbesondere das Kapitel 6.4 Vergegenwärtigung des abwesenden Anderen, S. 305ff.

Immanuel Kant, Eine Vorlesung über Ethik, herausgegeben von Gerd Gerhardt, Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1990, Kapitel IX. [Von den Pflichten gegen Nichtmenschliches] 2. Von den Pflichten gegen leblose Sachen, S. 258

Zum Verhältnis zu Gegenständen immer wieder lesenswert: Jean Baudrillard, Das System der Dinge. Über unser Verhältnis zu den alltäglichen Gegenständen, Campus Verlag, Frankfurt am Main, 3. Auflage 2007

Illustration: Serge Bloch