»Frauen sind schnell beleidigt«

Wie ist es eigentlich, wenn man immer und überall die Schönste ist? Ein Gespräch mit Sophie Marceau über Eitelkeit, Neid und SCHNEEWITTCHEN.

SZ-Magazin: Frau Marceau, bei Schneewittchen sind Neid und Eitelkeit die beherrschenden Motive. Darum gleich die Frage, auch wenn sie wenig charmant ist: Sind Sie eitel?
Sophie Marceau: Ja. Nur ein Beispiel: Wenn ich mein Gesicht in Großaufnahme auf der Leinwand sehe und wenn dann jede Falte eine Länge von mindestens zwei Metern hat, ist das ein Anblick, der mir zu schaffen macht.

Ist das der Moment, in dem Sie Botox in Erwägung ziehen?
Nein. Das ist der Moment, in dem ich beim Beleuchter ein schmeichelhafteres Licht einfordere.

Dabei könnten Sie doch ganz beruhigt sein. Sie sind jetzt 45, sehen aber aus wie 30. Schauspielerinnen sagen an dieser Stelle gern, das läge an den Genen und fünf Litern Wasser am Tag.
Papperlapapp. Das ist vor allem harte Arbeit. Ich gehe früh schlafen und selten aus. Oft liege ich schon im Bett, während die Kinder noch auf sind. Ich esse diese ganzen schrecklich gesunden Sachen, ich mache viel Sport, und wenn ich drei Kilo zugenommen habe, kriege ich schlechte Laune. Ich habe sogar das Rauchen aufgegeben, was mir wirklich nicht leicht fiel. Nur der Rotwein, der bleibt. Ich bin Französin.

Machen Sie das, weil von Ihnen als Schauspielerin erwartet wird, makellos auszusehen?
Ich stehe vor der Kamera, seit ich 13 bin. Die längste Zeit meines Lebens. Da weiß man irgendwann nicht mehr, ob man das macht, weil man muss oder weil man so ist. Ich bilde mir ein, ich bin so. So vernünftig, so diszipliniert. Ich kenne es nicht anders. Meine Eltern haben es mir vorgelebt.

Ihre Mutter war Verkäuferin, Ihr Vater Lastwagenfahrer. Was haben sie Ihnen vorgelebt?
Richtige Malocher waren sie, reell, ehrlich. Mit einem großen Ethos. Es war oft anstrengend für sie, aber sie waren unglaublich stolz auf ihre Arbeit, wollten sie immer so gut wie möglich machen. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter einmal zu spät kam. Wie soll ich sagen: Meine Maschine bin ich selber. Und die muss funktionieren und gut gewartet werden.

Wie ist das eigentlich, wenn man immer die Hübscheste von allen ist?
Wie kommen Sie darauf? Ich finde, ich sehe okay aus. Hübsch, aber nicht bedrohlich hübsch.

Immerhin waren Sie schon mit zwölf bei einer Model-Agentur unter Vertrag. Wessen Idee war das?
Meine, ich wollte mir ein bisschen Taschengeld dazuverdienen. Mal ins Kino gehen, mal was zum Anziehen kaufen.

Wie wäre es mit Zeitungaustragen gewesen, Babysitten?

Babysitten bei uns im Viertel, bei all den Leuten, die genauso wenig Geld hatten wie wir? Im Supermarkt um die Ecke habe ich gefragt, ob ich Kisten auspacken könnte. Sie sagten, ich sei noch zu klein, zu schwach. In der Zeitung habe ich dann eine Anzeige gefunden von dieser Model-Agentur. Wie praktisch, sie lag gleich gegenüber von dem Kaufhaus, in dem meine Mutter arbeitete. Sie war dagegen, meinte, das würde doch sowieso nichts bringen.

Und? Brachte es was?
Ich wurde nicht ein einziges Mal gebucht. Meine Mutter war wütend. Um in die Agentur aufgenommen zu werden, musste man Fotos machen lassen. Die waren teurer als unsere Weihnachtsgeschenke.

Dann kam La Boum, und Sie wurden zum begehrtesten Teenager der Welt, und alle Jungs hatten nur noch Augen für Sie. Wie fanden Ihre Mitschülerinnen das?
Die kannten mich ja schon vorher, das machte es einfacher. Ich war eine von ihnen, die es zufällig geschafft hatte, beim Film zu landen. Die kleinen Biester witterten ihre Chance. Fragten: »Hey, Sophie, du sitzt jetzt doch an der Quelle. Kannst du mir nicht auch einen Job besorgen?« Schlimm wurde es, als wir aus dem Vorort nach Paris zogen. Ich wechselte auf ein privates Gymnasium, das funktionierte überhaupt nicht, dann ging ich wieder auf eine staatliche Schule, was es nicht besser machte.

Was war denn so schlimm?
Ich war Sophie Marceau! DAS war schlimm. Eine Marke, eine Projektionsfläche, nicht von dieser Welt. Zwischen mir, Sophie Maupu, wie ich eigentlich heiße, und diesem Kunstprodukt da klaffte eine Lücke so breit wie eine Schlucht, die sich nicht schließen ließ. Neid, Hass, das ganze Programm. Alles drehte sich ja nur um mich. Mir war das unangenehm, und die anderen waren genervt. Ich wurde angestarrt, aber niemand redete mit mir, weil keiner wusste, wie er mich ansprechen sollte. Mit 17 konnte ich nicht mehr und verließ die Schule.

Wie ist das bei Ihnen? Sind Sie neidisch?

Ich halte Neid für eine legitime Gefühlsäußerung. So menschlich. Nichts, wofür man sich schämen müsste. Wir werden doch schon früh darauf konditioniert. Ich war neidisch, wenn mein Bruder mehr auf dem Teller hatte als ich. Oder er eine neue Hose bekam und ich nicht.

Sind Frauen dabei extremer als Männer?
Weiß ich nicht, ich kenne beides. Männer gehen sportlicher damit um. Es spornt sie an, wenn jemand besser ist als sie. Frauen stellen sich gleich mal infrage. Warum bin ich nicht so gut wie die? Was ist falsch an mir? Und damit das keiner merkt, ziehen sie über die andere her.

Valérie Trierweiler, die Lebensgefährtin des neuen französischen Präsidenten François Hollande, hetzte öffentlich gegen seine Ex-Partnerin Ségolène Royal. Ist das typisch weiblich?

Absolut! Und sehr französisch dazu. Ich kann beide Frauen nicht ausstehen. Aber in dem Fall gehört meine Sympathie Madame Trierweiler. Was für eine Show! Ganz großes Kino. Ich liebe solche Dramen, das hat schon was von Shakespeare.

Wie muss man sich das bei Ihnen vorstellen? Sie sitzen mit Ihrem Mann Christopher Lambert, der mal der Highlander war, auf der Couch, schauen Filme und lästern über Kollegen?
Ich rege mich gern auf. Und ärgere mich maßlos, wenn ich einen guten Film sehe und es spielt jemand mit, der überhaupt nicht spielen kann. Was für eine Verschwendung.

Denken Sie manchmal: Die Rolle, die Juliette Binoche spielt oder Julie Delpy, hätte ich auch gern gehabt?
So denke ich nicht. Sie wissen doch, ich bin sehr vernünftig. Neid führt einem auch immer die eigene Unzulänglichkeit vor Augen. Und ich bin, wenn man so will, eine ungelernte Arbeitskraft. Ohne Schulabschluss, ohne klassische Theaterausbildung. Auch nach 30 Jahren in diesem Job bin ich manchmal unsicher, denke, irgendwann kommt mir jemand drauf, dass ich eigentlich gar nichts kann. Wenn ich das Handwerk gelernt hätte, würde ich mich vielleicht etwas sicherer fühlen. Wenn ich eine Juliette Binoche oder Julie Delpy um etwas beneide, dann darum: Sie kommen aus einem intellektuellen Umfeld oder gingen auf eine Schauspielschule, sie wurden ganz anders vorbereitet. Bei uns zu Hause gab es keine Bücher.

Als Sie anfingen, wer hat Sie unterstützt? Hatten Sie eine Mentorin?
Sie meinen, Catherine Deneuve hat mich an angerufen und gesagt: »Kindchen, ich geb dir mal einen guten Rat«? Amüsante Vorstellung! Alles, was ich weiß, weiß ich von Männern. In der Zeit der La Boum-Filme war es Claude Pinoteau, der Regisseur. Wir waren auf Reisen, um den Film vorzustellen. Er zeigte mir die Welt. Dann kam Andrzej Zulawski, der Vater meines Sohnes. Wir waren 17 Jahre zusammen. Er war viel älter und viel klüger als ich. Er brachte mich zum Denken.


»Als Chefin bin ich wie ein Mann.«

Haben Sie überhaupt Freundinnen?
Oh ja. Es werden immer mehr, je älter ich werde. Ich komme gut mit ihnen zurecht. Mir gefällt das Kapriziöse an den Frauen, sie wollen immer alles analysieren, in die Tiefe gehen, alles ergründen. Eine Frau redet nie einfach so mit einem, wie das Männer tun, sie will immer mehr, eine Verbindung schaffen.

Mit wem arbeiten Sie lieber? Männern oder Frauen?

Mit Männern ist es effizienter. Alles, was ich an Frauen schätze, finde ich beim Arbeiten hinderlich. Sie haben Befindlichkeiten, vermischen Privates mit Beruflichem, nehmen alles so persönlich und sind schnell beleidigt.

Zwei Mal haben Sie selbst Regie geführt. Wie sind Sie als Chefin?
Wie ein Mann. Sehr cheffig. Das Filmgeschäft ist sehr hierarchisch aufgebaut und wird immer noch von Männern dominiert. Wenn ihr Vorgesetzter mal eine Frau ist, testen sie aus, wie weit sie gehen können. Sie verhalten sich wie meine Kinder. Man versucht es erst auf die sanfte Tour. »Würdest du bitte dein Zimmer aufräumen?« Das wiederholt man fünf Mal. Passiert natürlich nichts. Beim sechsten Mal haut man auf den Tisch. Und plötzlich geht’s. Beim Film haue ich gleich auf den Tisch. Wie die Männer auch. Klare Ansagen, schnelle Entscheidungen. Niemals zögern. Niemals.

Wären die Frauen weiter, wenn sie untereinander solidarischer wären?
Mich regt es auf, dass mit »weiter« nur die große Karriere gemeint ist. Da, wo ich herkomme, haben die Frauen immer gearbeitet. Das hatte nichts mit Emanzipation zu tun. Es war eine Notwendigkeit. Als mein Bruder und ich klein waren, hat meine Mutter zwar pausiert, aber sie fing wieder an zu arbeiten, als ich sechs wurde. Wenn wir aus der Schule kamen, passten Nachbarn auf uns auf. Das verstehe ich unter Solidarität.

Sie haben auch in Hollywood gearbeitet, spielten in James Bond 007 – Die Welt ist nicht genug und Braveheart. Ist dort der Druck, gut auszusehen, größer als in Frankreich?
Es ist schrecklich. Für Frauen über 40 ist es dort eine Katastrophe. Ich bin froh, dass alle Drehbücher, die mir angeboten werden, so schlecht sind. Da fällt es mir leicht abzusagen. Ich mag nicht arbeiten in einem Land ohne Geschichte. Wo das größte Kulturgut die Jeans ist, die ja streng genommen von einem Deutschen erfunden wurde.

Was genau ist die Katastrophe?
Hollywood arbeitet mit Stereotypen. Man wird lebenslang festgelegt. Einmal sexy, immer sexy. Und wenn man wie Meg Ryan mit 50 immer noch die süße Kleine sein soll, wird es lächerlich. Und dann lassen viele etwas an sich machen, Botox, Schönheitsoperationen, und es wird noch lächerlicher. Man sieht es ja immer. Und es sieht nie besser aus.

In Frankreich dürfen Schauspielerinnen in Würde altern?
Ich bilde es mir zumindest ein. Carla Bruni sieht aus, als wolle sie den Alterungsprozess aufhalten. Was ist mit ihr passiert? Von allem zu viel.

In Ihrem Land werden auch schöne Frauen ernst genommen, dürfen Politikerinnen sich elegant kleiden und wie Frauen aussehen. Unsere Kanzlerin Angela Merkel wird öffentlich gegrillt, wenn ihr Kleid einen Ausschnitt hat.
Ach, das lag an Sarkozy. Der hat sich die ganzen hübschen Dinger ins Parlament geholt.

Ist Schönheit heute wichtiger als vor 30 Jahren?
Es geht um nichts anderes mehr. Interessiert irgendwen mein neuer Film? Nein. Das Einzige, was interessiert, ist, welches Kleid ich bei der Premiere trage. Das sind halt die Mechanismen des Kapitalismus. Das Geschäft mit der Schönheit wird ausgeschlachtet, und jeder verdient daran. Nur ich nicht.

Und damit Sie auf dem roten Teppich besonders hübsch aussehen, engagieren Sie einen Stylisten, der sich um Ihre Garderobe kümmert?

Wollen Sie mich beleidigen? Sprachen wir nicht eben über die Selbstbestimmung der Frau? Und dann soll ich mich fühlen wie eine Dreijährige, der von Mutti die Anziehsachen rausgelegt werden? Das kriege ich gerade noch selber hin. Auch ohne Abitur.

Interessiert Sie Mode?
Doch. Ich ziehe mich gern hübsch an, mache mich auch gern zurecht, wenn es der Anlass erfordert. Das ist Teil meines Jobs, und Sie wissen ja, ich bin eine gewissenhafte Arbeiterin.

Wie ist das bei Ihren Kindern?
Meinem Sohn, er ist 17, ist das alles zu viel. Diese Marken, dieser Labelwahn, er verweigert sich komplett. Kürzlich waren wir bei Lacoste, Schlussverkauf. Ich wollte ihm ein paar Polo-Shirts kaufen. Er schaute mich entgeistert an und sagte: »Mama, spinnst du, ich lauf doch nicht umsonst Werbung für die.« Das fand ich gut.

Zum Schluss noch eine gemeine Frage: Was passiert, wenn Ihre Tochter hübscher wird als Sie?
Noch besteht keine Gefahr. Sie ist erst zehn.

Sophie Marceau
»La Boum - die Fete« machte die 13-Jährige 1980 zum Teeniestar. Um ihr Image loszuwerden, spielte sie 1988 in dem Erotikfilm »Abstieg zur Hölle« - mit Claude Brasseur als ihrem Ehemann, der in »La Boum« noch ihren Vater gab. Danach war sie auch in internationalen Produktionen zu sehen wie »Braveheart« und dem Bond-Film »Die Welt ist nicht genug«. Inzwischen dreht sie vor allem in Frankreich. Am 20. September kommt »Und nebenbei das große Glück« in die Kinos, eine Liebesgeschichte zwischen der reichen Frau eines Managers und einem verarmten Jazzmusiker - eine Kömodie mit viel Slapstick. Seit 2007 ist Sophie Marceau mit dem Schauspieler Christopher Lambert (»Highlander«) zusammen. Vor Kurzem haben sie geheiratet.

Fotos: dpa

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