»Bei sexueller Gewalt geht es weniger um Lust, als um Macht«

Die Soziologin Monika Schröttle erklärt, warum Gewalt gegen Frauen aus unserer Gesellschaftsstruktur folgt, welcher Ort für sie am gefährlichsten ist und mit welchem neuen Angebot es Frauen erleichtert werden soll, Übergriffe zu dokumentieren.

Monika Schröttle ist Sozialwissenschaftlerin, Professorin an der TU-Dortmund, und leitet seit Jahren Studien, die sich mit sexueller Gewalt an Frauen und Männern beschäftigen.

An welchem Ort sind Frauen am stärksten gefährdet, Opfer sexueller Gewalt zu werden?
Nicht in schlecht beleuchteten Unterführungen, im Wald oder dunklen Parkhäusern, obwohl solche Orte Frauen oft Angst machen und sie hier Vermeidungsstrategien entwickeln. Statistisch gesehen passieren jedoch die wenigsten Gewalttaten an solchen Angstorten. Die größte Gefahr besteht in der eigenen Wohnung durch den Partner oder Ex-Partner und oft in Situationen, die mit männlichem Machtverlust zu tun haben. Das wissen aber viele Frauen nicht.

Welche Situationen können das sein?
Die Frau will sich trennen, die Machtverhältnisse in der Beziehung ändern sich, zum Beispiel, weil sie beruflich aufsteigt oder Kinder bekommt. Ändern sich die Machtverhältnisse, wird oft Sexualität mit Macht durchgesetzt, gegen Willen der Frau.

Ein Verbrechen zu beweisen, ist dann oft schwierig. Gerade bei sexueller Gewalt gibt es kaum je Zeugen, es steht Aussage gegen Aussage.
Das ist ein schwer zu lösendes Problem, zumal auch der rechtsstaatliche Grundsatz »Im Zweifel für den Angeklagten« eine wichtige juristische Errungenschaft ist. Was wir aber ändern können, ist, dass die Frau, die Opfer geworden ist, sich bei einer Fachberatung beraten lässt und unterstützt wird, bevor sie zu Gericht geht.

Gibt es die bei der Polizei?
Da auch, aber es gibt auch Frauennotrufe, ein bundesweites Hilfetelefon sowie Beratungsstellen in allen größeren Städten. Dort erfahre ich als betroffene Frau, was ich bei einer Anzeige und polizeilichen Befragung zu erwarten habe, und wie ein gerichtliches Verfahren verläuft. Es kann auch sein, dass unter bestimmten Umständen einer Frau nicht geraten wird, zur Polizei oder vor Gericht zu gehen. Das Opfer muss einschätzen können, was erwartet mich da, stehe ich das durch, will ich das? Die Beratung drängt zu nichts.

Stellen Sie fest, dass die MeToo-Debatte Auswirkungen hat auf die Art und Weise, wie Männer und Frauen miteinander umgehen?
MeToo stößt eine wichtige gesellschaftliche Debatte an. Auch junge Frauen sehen, wie virulent das Thema weiterhin ist. In der Gender-Forschung ist das Problem seit Jahrzehnten bekannt. Leider scheinen die Zahlen über sexuelle Gewalt an Frauen fast gar nicht zurückzugehen, und zwar weltweit nicht. Durch MeToo wird immerhin in der breiteren Öffentlichkeit sichtbar, was die Forschung schon länger weiß: Das hohe Ausmaß von Gewalt gegen Frauen und Mädchen.

Wie sehen die tatsächlichen Zahlen aus?
Die Ergebnisse für Deutschland zeigen, fast jede siebte Frau erlebt im Laufe ihres Erwachsenenlebens sexuelle Gewalt, also erzwungene sexuelle Handlungen. Von sexueller Belästigung sind mindestens 60 Prozent der Frauen betroffen. Von Ausnahme zu sprechen, wäre also falsch, es sind schon sehr viele Frauen damit konfrontiert worden.

Diese Zahlen scheinen ja, MeToo hin oder her, ziemlich unbekannt. Woran liegt das?
Frauen sprechen zumeist nicht über sexuelle Übergriffe. Sie trauen sich oft nicht, über erlebte Gewalt zu sprechen. Hier liegen wichtige Probleme: Das eine ist das Schweigen. Schweigen über das, was Frauen von Männern angetan wird, ist ein Grund, warum Männer sich so verhalten können. Frauen müssen sich wehren und Männer anklagen, dann können auch andere Frauen sehen: Wir sind nicht allein.

Und das andere Problem?
Ist die Scham. Die ist ein ganz wichtiger Grund, warum Frauen sich nicht wehren gegen sexuelle Belästigung und Gewalt. Frauen suchen häufig die Schuld bei sich, denken, sie hätten etwas falsch gemacht, hätten weniger trinken, einen längeren Rock anziehen müssen, sie hätten dem Mann falsche Signale gesendet oder hätten sich besser schützen können. Der Mythos, eine Frau sei selbst schuld, wenn ihr sexuelle Gewalt angetan wird, ist schwer auszulöschen. Solange eine Gesellschaft patriarchalisch geprägt ist, gib es tausend Gründe, die Frauen verantwortlich zu machen für Gewalt, die Männer ausüben.

So, wie man im Fall des Regisseurs Dieter Wedel zum Teil den Frauen die Schuld in die Schuhe schiebt, weil sie ihn in einem Hotelzimmer besuchen und nicht weglaufen, wenn er ihnen im Bademantel öffnet.
Im Fall Wedel ist sehr interessant zu sehen, wie sexuelle Gewalt eingebettet ist in Machtstrukturen. Bei sexueller Gewalt geht es weniger um sexuelle Lust, als um Macht. Einige Männer gehen davon aus, dass sie ihnen zusteht, und versuchen darum, den Willen der Frauen zu brechen. Das zeichnet auch am stärksten den Vergewaltiger aus. Wenn sich also die MeToo-Debatte öffnen würde für eine Diskussion gesellschaftlicher Machtstrukturen, wäre viel geholfen.

Wie häufig zeigen Frauen sexuelle Gewalt an?
Nach bisherigen Studien wenden sich nur acht Prozent aller Betroffenen von Vergewaltigungen an die Polizei und nur fünf Prozent der Frauen bringen jemals eine Vergewaltigung zur Anzeige. Nur ein Bruchteil der Angeklagten wird verurteilt. Das ist in allen europäischen Ländern ähnlich. Wir haben es also mit einem Verbrechen zu tun, das weitgehend nicht angezeigt wird. Die Aussage, Frauen würden massenhaft Männer denunzieren, ist vor dem Hintergrund dieser Zahlen nicht aufrechtzuerhalten. Das Problem ist nicht, dass viele Männer zu Unrecht angeklagt würden, sondern dass Täter weitgehend nicht verfolgt werden und straffrei ausgehen.

Alles, was Sie sagen, klingt ziemlich erschreckend: Frauen werden genauso oft Opfer sexueller Gewalttaten wie früher, Täter werden kaum je angeklagt, Frauen suchen die Schuld bei sich. Hat sich denn gar nichts verbessert?
Doch, das gesellschaftliche Klima hat sich verändert und verbessert. Man glaubt Opfern jetzt mehr, auch vor Gericht. Früher hieß es ständig, es werde Missbrauch mit dem Missbrauch betrieben, eine Frau wolle nur die Existenz von jemandem kaputt machen. Man hat also wieder das Opfer verantwortlich gemacht. Das hat sich sehr gewandelt. Und auch die Unterstützung für Opfer konnte durch verschiedene Angebote ausgebaut werden. Trotzdem existieren immer noch bestimmte Mythen, wie sich ein »richtiges Opfer« angeblich verhält. Die sind auch in den Köpfen von Richtern und Staatsanwälten vorhanden. Alle, die sich fachlich mit dem Thema auseinandersetzten, wissen zum Beispiel, dass Frauen gerade bei sexualisierten Beziehungstaten oft nicht sofort zur Polizei gehen und zunächst versuchen, auf der Beziehungsebene zu agieren, also private Lösungen zu suchen und nicht die Polizei oder andere Institutionen einschalten. Sie schämen sich, waschen sich nach der Tat, gehen nicht zum Arzt und berichten Dritten gegenüber erst viel später über die Tat.

Also ist der Umstand, dass eine Frau erst spät eine Tat anzeigt, kein Beleg dafür, dass ihr nichts angetan wurde?
Nein. Hier herrscht auch bei Richtern und Staatsanwälten oft Unkenntnis. Gerade für sie wäre es aber wichtig zu wissen, wie Opfer sich häufig nach sexueller Gewalt verhalten und was der Hintergrund dafür ist. Hilfreich ist aber auch, dass betroffene Frauen mehr über Möglichkeiten der Unterstützung wissen. Zum Beispiel gibt es inzwischen rechtsmedizinische Untersuchungen, zumindest in den großen Städten, da können Frauen anonym hingehen und dokumentieren lassen, ob blaue Flecken oder Spuren einer Vergewaltigung festzustellen sind. Dies kann eine Frau dann gegebenenfalls später im Falle einer Anzeige verwenden; bis dahin werden die Unterlagen aber ärztlich verwahrt. Das vereinfacht später die Beweisführung, wenn sich zum Beispiel Gewalttaten in Beziehungen häufen. Der Nachweis wird dann viel einfacher. Ganz leicht wird es nie sein, aber es gibt dann Belege, die sich vor Gericht verwerten lassen.

Trotzdem klingt es so, als würde es noch mindestens viele Jahrzehnte dauern, bis sich daran etwas ändert?
Es dauert sicher, aber wir sollten zugleich ungeduldig sein und aktiv Veränderungen einleiten. Es hilft viel, wenn die Gesellschaft informiert ist, den Opfern geglaubt und mit Mitgefühl und Unterstützung reagiert wird. Als zum Beispiel an die Öffentlichkeit kam, dass Jungen in Institutionen wie Kirchen oder Internaten häufig Opfer von sexueller Gewalt wurden, ging die Gesellschaft sehr gut und solidarisch damit um. Das war entscheidend dafür, dass sich nach und nach immer mehr Betroffene gemeldet haben. Manchmal habe ich mir gedacht, es wäre toll gewesen, wenn die Gesellschaft auch früher ebenso solidarisch reagiert hätte bei der vielen Gewalt, die Mädchen und Frauen angetan wird.

Wie viele Männer werden falsch beschuldigt?
Dazu gibt es keine verlässlichen Zahlen, weil Täter in der Regel die Tat bestreiten. Alle, die jedoch die anonymen Dunkelfeldbefragungen bei Frauen kennen, wissen, wie wenige Taten zur Anzeige gelangen und wie selten diese zur Verurteilung und Sanktionierung führen.

Welche Möglichkeiten haben Frauen zu verhindern, Opfer einer Vergewaltigung zu werden?
Da sexuelle Gewalt am häufigsten durch Partner oder Ex-Partner verübt wird, gehen die klassischen Anweisungen am eigentlichen Problem vorbei. In Partnerschaften ist das meist ein schleichender Prozess: Die Männer fangen nicht sofort mit schwerer körperlicher Gewalt an, sondern mit psychischer Gewalt, die Frau wird runter gemacht. Sie fühlt sich zunehmend klein und schlecht. Das ist oft Teil der Vorbereitung. Erste Hinweise, dass Gewalt sich aufbauen kann, sind zum Beispiel extrem kontrollierende und eifersüchtige Partner, die versuchen, die Frau nach und nach von Freundinnen, Familie und Bekannten zu isolieren.

Immerhin 23 Prozent der Taten werden von Unbekannten begangen. Was können Frauen dazu beitragen, dass sie gar nicht erst Opfer von Unbekannten werden?
Ich glaube, die Frage ist so falsch gestellt, da ja auch Männer und die Gesellschaft eine Verantwortung tragen, wenn Frauen Opfer von Gewalt werden. Würden Sie die Frage, wie Sie dazu beitragen können, rassistische Übergriffe zu vermeiden, auch Migranten stellen?

Wichtige Frage, darüber muss ich nachdenken.
Trotzdem gibt es natürlich auch Möglichkeiten für Frauen, Selbstbehauptung und Selbstverteidigung, zum Beispiel in WENDO-Trainings zu üben und damit in bestimmten Situationen ihren Handlungsspielraum zu erweitern. Wenn Frauen zum Beispiel ein ungutes Gefühl haben, sollten sie dem folgen und es ernst nehmen. Gerade Überfälle sind oft Schocksituationen, in denen viele Frauen sich nicht mehr bewegen und nicht reagieren können. Selbstbehauptungstraining kann helfen, in solchen Situationen zu schreien oder sich körperlich zur Wehr zu setzen. Bei Überfällen besteht eine große Chance, die Gewalt abzuwenden. Problematisch ist unsere ansozialisierte Haltung, dass Frauen nicht Akteurinnen von Gewalt sein können. Das machen sich Täter zunutze.

Eine Frau soll also kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie sich wehrt?
Nein, sie ist nicht schuld und hat jedes Recht ihre körperliche Integrität zu verteidigen. Aber Selbstverteidigung hilft in engen Beziehungen oft wenig; das ist oft ein längerer Prozess, sich aus gewaltgeprägten Beziehungen zu lösen und ein Leben frei von Gewalt aufzubauen; oft sind die Frauen durch die Gewalt psychisch und gesundheitlich beeinträchtigt und es braucht Zeit, wieder neue Stärke zu gewinnen. Wichtiger ist aber, dass wir als Gesellschaft Verantwortung übernehmen, um Gewalt gegen Frauen zu beenden. Wir dürfen das Problem nicht verwalten. Es kommen immer neue Opfer, aber die Männer verändern sich nicht. Dabei sind sie das Problem. Die Struktur verleitet einen Teil der Männer dazu Macht zu missbrauchen. Und da müssen wir jetzt ran. Aber das erfordert Mut und Entschlossenheit. Von Männern wie von Frauen.

Warum von Frauen?
Auch sie müssen ihr Männerbild verändern. Sätze wie: Ich will schließlich keinen Softie als Mann, sollten Frauen einfach hinterfragen. Auch können Frauen durchaus ihre natürliche Autorität und Integrität leben und aufhören, sich freiwillig den Männern unterzuordnen. Egalitäre Geschlechterverhältnisse auf struktureller und personaler Ebene herzustellen, ist eine gemeinsame Aufgabe und wichtige Voraussetzung, um Gewalt gegen Frauen und Mädchen langfristig zu beenden.

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