Ein Mann, ein Becher

Viele Praxen und Kliniken haben sie, aber keiner redet darüber: Räume, in denen Männer masturbieren, um eine Samenprobe zu gewinnen. Wir haben uns die Zimmer angeschaut und mit den Medizinern gesprochen, die sie einrichten und betreiben.


Praxisklinik für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie - Grevenbroich
Prof. Dr. Christian Gnoth, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe: »Wir halten unsere Spenderäume sehr schlicht. Da soll keine verruchte Atmosphäre herrschen – auch aus Respekt vor den Ehefrauen der Männer. Die Zeitschriften kaufen unsere medizinisch-technischen Assistentinnen. Man kann schon sagen, dass die Räume und das, was in ihnen passiert, eher totgeschwiegen werden. Weder vorher bei der ärztlichen Besprechung noch anschließend fragen wir oder die Patienten danach. Das Hauptproblem für die Männer ist die Konfrontation mit einer der jungen medizinisch-technischen Assistentinnen. Sie geben den Männern den Becher für das Ejakulat und führen sie in den Raum. Die Patienten fragen sich dann: Wartet sie draußen? Ist sie in Eile? Will sie, dass ich schneller bin? Ist der Becher voll genug? Manchmal sind sie richtig erleichtert, dass der Sexualakt – nach vielen gescheiterten Fortpflanzungsversuchen – nun künstlich, abgelöst von Lust und Zwang, vollzogen wird. Ich merke immer wieder, wie sehr wir in traditionellen Rollenmustern stecken. Die Frage, was eine künstliche Befruchtung kostet, kommt meistens von den Männern. Früher, als ich mit Anfang dreißig mit Patienten über ihre Zeugungsfähigkeit sprach, wurde ich manchmal wie ein Konkurrent behandelt. Inzwischen hat sich das entspannt.«

Zentrum für Reproduktionsmedizin - Essen
Prof. Dr. Thomas Katzorke, ärztlicher Leiter: »Der Raum soll einen modernen und seriösen Eindruck machen, Gelsenkirchener Barock ist eher nicht unser Stil. Das Pornovideo lassen wir in Dauerschleife laufen, aber ohne Ton, sonst würde man es auf dem Gang hören. Wenn minderjährige Männer – das sind dann eigentlich immer Krebspatienten – den Raum nutzen, schalten wir den Fernseher aus. In Essen leben viele Menschen mit Migrationshintergrund, deswegen arbeiten wir manchmal mit Dolmetscher. Manche der Patienten wollen aus religiösen Gründen nicht masturbieren, in diesem Fall gehen dann häufiger die Frauen mit in den Raum, auch sonst erlauben wir das natürlich. Es waren auch schon Paare zusammen im Raum, die bereits ein Baby haben. Die haben den Kinderwagen dann einfach im Vorraum abgestellt. Die Samenspender, die den Raum öfter nutzen, brauchen meistens keine Stimulation. Die haben Routine, das sind Profis. Dagegen haben Patienten mit Kinderwunsch manchmal Versagensängste. Die bleiben lange in dem Raum und kommen mit hochrotem Kopf wieder raus. Ganz selten kommt es vor, dass ein Urologe unterstützende Potenzmittel verschreibt oder die Patienten ihre Probe in einer ›Urobox‹ von zu Hause mitbringen. Das ist ein Harnprobenbehälter, der aber auch für eine Ejakulatprobe verwendet werden kann.«


Städtisches Klinikum - München
Dr. Volker Beer, Chefarzt: »Dieser Raum ist einer unserer Ambulanzräume. Hier werden auch andere Untersuchungen durchgeführt, zum Beispiel zur Vorsorgeuntersuchung oder bei Harnsteinerkrankungen. Wenn ein Mann eine Ejakulatprobe abgeben muss, holen wir aus dem Nebenzimmer einen Paravent und stellen ihn so auf, dass der Mann sich etwas abschirmen kann. Der Raum wird dadurch kleiner, irgendwie intimer und wärmer. Auch wenn es merkwürdig klingt, weil die Männer selbstverständlich allein in dem Raum sind, aber nach unseren Erfahrungen tun sie sich leichter, wenn da diese Trennwand steht, vor allem weil vor der Tür ein langer Krankenhausflur vorbeiführt, man also Schritte und Stimmen hören kann. Videos, Hefte oder Bilder gibt es bei uns nicht. Soweit ich weiß, hat auch noch nie jemand danach gefragt. Die Vorstellung, dass man zur Stimulation unbedingt erotische Filme oder Fotos anschauen muss, stimmt nicht. Es funktioniert meistens auch so sehr gut.«

Abteilung für Klinische und Operative Andrologie, Universitätsklinikum - Münster
Raphaele Kürten, medizinisch-technische Assistentin: »Bei uns gibt es zwei Räume, einer ist extra für Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung gebaut worden. Da gibt es breitere Türen und einen Alarmknopf, man kann einen Rollstuhl oder auch ein Bett hineinschieben. Für viele dieser Menschen ist etwas psychologische Betreuung von uns vorher wichtig. Sie brauchen ganz viel Ruhe. Wir achten auch darauf, dass niemals mehrere Patienten vor den Räumen warten oder sich gegenseitig sehen. Es soll kein Zeitdruck aufkommen. Mit dem Video, das bei uns läuft, sind wir noch nicht ganz zufrieden. Wir hätten gerne einen Film, in dem mehrere kurze, in sich abgeschlossene Sequenzen laufen. Im Moment hat der Film eine Handlung, sodass es vorkommt, dass Männer länger als nötig im Raum bleiben und die Kabine blockieren, weil sie den Film zuende schauen wollen.«

Privatambulanz für Männergesundheit - Münster
Susanne Orlowski, Gesundheits- und Krankenpflegerin: »Morgens kontrolliere ich, ob die Reinigungskraft den Raum ordentlich gesäubert hat. Ich lüfte und prüfe, ob das Video funktioniert. Es wäre unangenehm für die Patienten, wenn sie herauskommen müssten, um zu sagen, dass der Film nicht läuft. Manche Männer fangen als Übersprungshandlung an zu kichern, wenn ich ihnen den Raum zeige. Wir führen hier auch Vasektomien, also Sterilisationen durch. Dazu gehört eben, dass wir nach einer Operation dann untersuchen, ob wirklich keine Spermien mehr im Ejakulat vorhanden sind. Männer mit abgeschlossenem Kinderwunsch lassen sich sterilisieren. Und manche Männer lassen eine Sterilisation auch wieder rückgängig machen, etwa wenn sie eine neue Frau kennengelernt haben. Wir kontrollieren dann nach der Refertilisierung, ob wieder ausreichend Spermien vorhanden sind.«

Kinderwunschzentrum Altonaer Straße - Hamburg
Katja Götzky, Medizinische Fachangestellte: »Wie soll man einen Raum schön gestalten? Welche Bilder hängt man auf? Und welche Farben verwendet man? Das ist so unglaublich schwer zu entscheiden. Jeder hat ja seine eigenen Vorstellungen. Wir haben zwei Räume, diesen hier mit Sitzgelegenheit, in den anderen haben wir eine Liege gestellt, weil es für manche Patienten im Liegen leichter ist. Marilyn Monroe gilt als das Urbild der Frau. Sie ist erotisch, aber nicht zu sexuell oder pornografisch, deswegen haben wir sie hier als Wandschirm aufgestellt. Die Männer halten meistens den Blick gesenkt, wenn sie in den Raum gehen. Vorher besprechen wir mit ihnen die Formalitäten und prüfen ihre Identität. Man spürt, dass viele sich schämen, deswegen ist es ganz wichtig, besonders diskret aufzutreten. Es fällt auch auf, dass bei uns in der Praxis selbst Paare kaum untereinander sprechen.«

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Die Idee zu dieser Fotoserie stammt von meinem besten Freund. Es ist sieben Jahre her, als die Ärzte ihm die Diagnose mitteilten: Krebs, mit 29. Ihre Empfehlung: Er solle seinen Samen konservieren lassen, denn es sei möglich, dass er durch die Chemotherapie zeugungsunfähig würde. Ein paar Tage später betrat er zum ersten Mal einen Raum in einer Klinik in Heidelberg, um zu masturbieren.

Es gibt keinen offiziellen Namen für diesen Raum. In den Praxen und Kliniken heißt er Animationsraum, Ejakulationsraum, Separée oder Stube. Es ist ein Zweck- und Leistungsraum, in dem pornografische Bilder Männern dabei helfen sollen, Fantasien zu entwickeln. Ein Ort, an dem Selbstbefriedigung zum Zweck der Fortpflanzung betrieben wird. Der Druck, Lust zu empfinden, steht oft in Kontrast zum existenziellen Befund, den die Abgabe der Proben nach sich zieht: Das Ejakulat der Patienten wird im Labor auf Zeugungsfähigkeit untersucht. Oder es wird konserviert und zur künstlichen Befruchtung aufbereitet.

Einige Monate später hatte mein Freund die Chemotherapie abgeschlossen. Nun wurde die Qualität seiner Spermien in regelmäßigen Abständen untersucht. Da er in verschiedenen Städten wohnte, besuchte er unterschiedliche Räume. Irgendwann war klar, dass er auf natürlichem Weg keine Kinder mehr zeugen würde. Er sagte mir, wie gern er Vater würde, gleichzeitig wusste er, dass das nur mit der Samenprobe gelingen könnte, die er damals, vor der Chemotherapie, in Heidelberg abgegeben hatte.

Er beschrieb mir die Räume, ihre Atmosphäre, ihre Einrichtung und wie er sich darin gefühlt hatte. Er war an Orten gewesen, über die nicht gesprochen wird. Vielleicht wollte er deshalb so viel darüber reden. Ein halbes Jahr später besuchte ich einige der Räume mit einem Kollegen. Und ob in München, Grevenbroich oder Hamburg, jeder Raum war beides, menschlich und alltäglich, aber auch künstlich und aseptisch, und erzählte etwas über die, die ihn einrichten, und die, die ihn besuchen.

In den Interviews mit den Ärzten und medizinischen Angestellten offenbarte sich die Sprachlosigkeit, die sich auf diese Räume gelegt hatte. In den Praxen sei es oft still, sagten viele. Die Paare im Wartezimmer redeten kaum miteinander. Der Druck, sich als potent zu erweisen, sei groß. So groß wie die Angst davor, es nicht zu sein, und die Scham. Mein Freund erzählte eher von praktischen Schwierigkeiten. Zum Beispiel, dass es gar nicht so leicht sei, im Stehen in einen Becher zu ejakulieren.

Die Videos und Fotos in den Räumen zeigen vor allem Bilder von Frauen mit langen Haaren und großen Brüsten. Neosexuelle Formen und Minderheitensexualitäten fehlen. Doch in dem fehlenden Diskurs liegt trotz mancher Ratlosigkeit auch etwas anderes – eine rührende Form der Menschlichkeit, ein Bemühen darum, dass etwas Neues entstehen kann. In diesem ersten Raum in Heidelberg hat für meinen besten Freund tatsächlich etwas Neues begonnen. Er ist vor drei Jahren Vater geworden. Durch künstliche Befruchtung. Sein Kind heißt Ole.

Fotos: Christa Pfafferot und Felix Poplawsky

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