Ein Rotwein für Rebellen

Kann ein Getränk politisch sein? Dem Barolo wird das nachgesagt. Aber hat der Rotwein aus dem Piemont heute noch dieselbe Bedeutung wie zu Zeiten der »Toskana-Fraktion«?

Foto: Maurizio Di Iorio

Die Geschichte von Politik ist immer auch eine Geschichte des Trinkens. Es gibt unzählige Anekdoten darüber, welche historischen Entwicklungen nicht zustande gekommen wären, wenn Politiker X nicht Politiker Y unter den Tisch gesoffen hätte. Umgekehrt wird eine bestimmte Art der Politik gern geschmäht, indem man sie mit einem Getränk in Verbindung bringt, Stichwort »Champagner-Sozialismus«. Interessanterweise trifft das meistens die Linken, zumindest hat man noch nie von »Jägermeister-Rechten« oder »Futschi-Nationalisten« gehört. Wahrscheinlich, weil Linken ein größerer Hang zum Hedonismus nachgesagt wird. Oder man bringt sie schon allein farblich mit Rotwein in Verbindung.

Ein bestimmter Rotwein ist dann auch der Signature-Drink eines linken Flügels, der »Toskana-Fraktion« nämlich. Der Barolo hat mit der Toskana nichts zu tun, er kommt nämlich aus dem Piemont. Und er ist kein Wein, der sich leicht genießen lässt. Der Barolo hat etwas Intensives, Raues, manchmal Schrilles, er ist eine Mischung aus hellen und dunklen Noten wie Veilchen, Teer und Lakritz, die man nur verstehen kann, wenn man viele Weine gekostet hat. So wie man, um moderne Kunst zu schätzen, wissen muss, worauf sie aufbaut.

Dennoch wurde der Barolo zum Symbol einer Generation, die erst auf die Barrikaden stieg und dann den Marsch durch die Institutionen antrat – und sich irgendwann im Genießertum verhedderte, aber in einer Art von Genießertum, die etwas Selbstgefälliges, Bastahaftes hat, so wie der späte Gerhard Schröder. Sein österreichisches Pendant, der sozialdemokratische Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, wird vor allem mit folgender Anekdote im historischen Gedächtnis haften bleiben: Er nannte José Manuel Barroso, den früheren Präsidenten der EU-Kommission, einmal ver­sehentlich »Barolo«.

Nun jährt sich 1968 zum 50. Mal, und da wurde einiges über diese Generation geradegerückt. Zum Beispiel die Annahme, es wären vor allem die jungen Männer in den Hörsälen oder auf der Straße gewesen, die Revolution machten. Das sei ein Mythos, schreibt die Historikerin Christina von Hodenberg in ihrem Buch Das andere Achtundsechzig. Tatsächlich hätten vor allem die Frauen jene Umwälzungen angestoßen, die in unserer Gesellschaft bis heute wirken: indem sie sich für Verhütung einsetzten, Kitas gründeten, die Männer im Haushalt mit anpacken ließen. Oder sich auch mal bemerkbar machten, wenn man sie ignorierte. Wie jene linke Studenten-Aktivistin, die eines Tages ein Säckchen voll Tomaten in den Hörsaal mitnahm und sie kurzerhand auf den männlichen Kommilitonen pfefferte, der sie nicht zu Wort kommen lassen wollte. Der berühmte Tomatenwurf von 1968, der vieles veränderte – »der Funke im Pulverfass« sei das gewesen, meinte die Frau später.

Und was heißt das jetzt? Dass man unbedingt mal wieder nach Italien sollte, gerade an jenen Novembertagen, an ­denen der Nebel tief über den Hügeln hängt, von dem die Nebbiolo-Traube, aus der der Barolo gewonnen wird, ihren Namen hat. Man sollte über die engen Straßen durch die Weinberge kurven, sich irgendwo eine Osteria suchen und Pasta mit Trüffeln oder ein Wildgericht essen, zu denen der Barolo besonders gut passt. Man sollte unbedingt all das genießen, was Italien so schön macht. Aber wer zur Toskana-Fraktion gehören möchte, sollte ab jetzt Tomatensaft trinken.