Einer flog übers Ziel hinaus

Seit dem Film Pulp Fiction gilt Regisseur Quentin Tarantino als Wunderkind Hollywoods. Mit seinem neuesten Film beweist er wieder einmal: Wie die meisten Kinder kann er nicht aufhören zu spielen.

Extravagant gekleidete Regisseure seien ihm suspekt, hat Steven Spielberg mal gesagt: weil sie Wert auf Selbstdarstellung legen, wo es doch allein um ihre Filme gehen müsste. Nach dieser Definition macht Quentin Tarantino alles falsch. Er ist ein Exhibitionist, zu seinen Ritualen zählt es, sich bei Dreharbeiten den Szenen entsprechend zu verkleiden. Schon bei seinem Debüt Reservoir Dogs trug er am Set immer schwarzen Anzug und weißes Hemd – wie die Killer im Film. Die Aufnahmen zu Kill Bill leitete er gern im quietsch-gelben Kampfdress (für die Actionszenen).

Seine Fans lieben ihn dafür. Ob der Popstar unter Amerikas Filmemachern im »Pussy
Wagon« (dem Vehikel aus Kill Bill) durch Los Angeles kurvt oder den Produzenten Don Murphy verdrischt, weil der ihn mal kritisiert hat – Tarantino kann sich alles erlauben. Superstars liegen ihm zu Füßen, wenn er ein Drehbuch fertig hat. Das Feuilleton hofft bei jedem seiner Filme wieder, dass er das US-Kino im Alleingang rettet. Und nicht einmal der Produzent Harvey Weinstein wagt es, ihn zu Änderungen zu zwingen – weil seine Firma Miramax bis heute von dem Ruf lebt, den ihr Pulp Fiction verschafft hat. Dabei sind die Einspielergebnisse seiner Filme schwankend, die Qualität auch, auf den Klassiker Pulp Fiction folgte der zähe Jackie Brown, dann kam Kill Bill, zwei endlose Teile, die nicht recht zueinanderpassten, es war nicht immer klar, wohin das alles führen soll. Tarantino macht, was er will, aber ab und zu darf man sich schon fragen, warum man ihm eigentlich dabei zusehen soll, wie er im Grunde immer nur seine Jugenderinnerungen abarbeitet.

Jetzt haben er und Robert Rodriguez (Sin City) zwei blutige Filme gedreht, in den USA liefen sie als Double-Feature unter dem Kombi-Titel Grindhouse. Die Handlung von Tarantinos Hälfte Death Proof passt auf ein Kinoticket: Kurt Russell spielt einen psychopathischen Stuntman, der junge Frauen in vorsätzlichen Unfällen tötet.
Unser Reporter war beim Filmdreh.

SZ-Magazin: Was glauben Sie – wie viele Leute außer Ihnen wissen, was der Titel »Grindhouse« bedeutet?
Quentin Tarantino:
Jeder, der sich für Genrefilme interessiert. Und wer bitte tut das nicht?

Nun ja …
Aber genauer muss es sowieso heißen: jeder, der sich für Sub-Genres interessiert. Es sprechen ja immer alle von »Horrorfilmen«, dabei ist das nur ein Oberbegriff für ganz viele Strömungen! Es gibt Zombiefilme, Geisterfilme, Slasherfilme, Monsterfilme, Female revenge movies …

Das ist jetzt vielleicht etwas speziell.
Nein! Warten Sie ab – in manchen Zombiefilmen werden die Opfer durch Bisse zu Untoten, in anderen durch chemische Experimente. Das sind elementare Unterschiede!

Herr Tarantino, das ist reines Insider-Wissen. Was ist überhaupt ein Grindhouse?
Das waren früher die Kinos, in denen Trash-Filme liefen. Spottbillige Streifen, ohne Stars, sensationslüstern, oft miserabel – also herrlich!

Tarantino beginnt irr zu kichern, er springt auf. Er leuchtet geradezu. Ein eigenartiger Kerl: das heisere, hyänenhafte Lachen, wenn er sich freut; das schiefe Grinsen, wenn er weiß, dass er provoziert. Er wirkt im besten Sinne manisch. Und ein wenig autistisch. Denn Tarantino (der übrigens auch bei diesem Interview am Set seines Films ein Chirurgen-Shirt trug) lebt komplett in seinem Privatuniversum.
Er sieht seinem Gegenüber fast nie in die Augen. Vielleicht deutet das ja auch auf das Problem hin, das seine Filme zunehmend bereiten: Man hat den Eindruck, er dreht sie nur noch für sich selbst – sein Gegenüber, den Zuschauer, hat er aus dem Blick verloren. Tarantino steht ständig kurz vor der Explosion. Er wirkt wie ein durchgedrehter Prediger, der gar nicht genau weiß, wem er eigentlich predigt. Spricht man mit seinen Freunden und Kollegen, dann merkt man: Auch ihnen ist er oft etwas unheimlich.

Robert Rodriguez: Man muss sich echt anstrengen, um selbst mal ein paar Sätze loszuwerden. Inzwischen bin ich bei Story-Meetings dazu übergegangen, alles mitzuschreiben, was er sagt. Zehn Ideen pro Stunde, Mann!
Kurt Russell: Der Kerl kannte jeden meiner Filme! In- und auswendig. Dürften mehr als 50 sein. Warum merkt er sich das alles? Sind doch nur Filme, oder?
Sydney Tamiia Poitier (Darstellerin in »Death Proof«): In seinem Kopf ist nicht der geringste Platz für was anderes als Filme. Er hat der Crew seine Grindhouse-Favoriten gezeigt. Das waren Mini-Festivals in seinem Privatkino! Er wechselte die Poster an den Wänden und suchte passende Trailer aus.

Manche sagen, Tarantino sei der Erfolg zu Kopf gestiegen. Aber schon 1994 in Cannes, bevor Pulp Fiction den Hauptpreis gewann, war er selbstbewusst, irrlichternd, voller Pläne: »Ich werde Western drehen und Vampirfilme«, sagte er damals, »billige Schmuddelfilme und teure Epen – ich will einfach der verdammt noch mal beste Regisseur Amerikas sein.«

Aber dann hat sich Tarantino selbst den Job schwerer gemacht. Er war der Auslöser dafür, dass die Filmbranche sich in den Neunzigerjahren radikal veränderte. Die Grenzen zwischen unabhängigem und kommerziellem Kino verwischten zusehends, Pulp Fiction war so etwas wie der Startschuss. Plötzlich konnten Filme gleichzeitig Avantgarde und Mainstream sein, massenwirksam genauso wie skurril. Das Kino wurde tarantinoisiert, das beweisen heute Regisseure wie Christopher Nolan (Memento), Tony Scott (Domino) oder Steven Soderbergh (Ocean’s Eleven), deren Story-Sprünge und sprücheklopfende Charaktere deutlich auf Tarantino aufbauen.

Nur: Vom Meister selbst wird mehr erwartet als bloße Variationen seines Stils. Wenn sein Name auf dem Plakat steht, will das Publikum verblüffende Schlenker, Ideen und Fantasien – aber die Überraschungseffekte bleiben allmählich aus. Stattdessen: zu viele Insider-Witze, aufeinandergetürmte Trash-Kino-Zitate und Retro-Mätzchen, die zwar irgendwie Halbstarken-Charme besitzen, denen man im Detail aber nicht mehr bedingungslos folgen mag. Als er Death Proof bei den Filmfestspielen in Cannes vorstellte, wurde viel gegrinst, aber das war es dann auch schon.

Herr Tarantino, ist es nicht langsam mal genug mit der Retro-Welle?
Egal, die Grindhouse-Filme haben mich geprägt. Die Action vor der Leinwand war damals oft wilder als die Filme selbst! Der Saal voll Zigarettenrauch, Nutten und Freier in der letzten Reihe, dubiose Typen … Da lag immer Gefahr in der Luft. Es gab Messerstechereien zwischen Gangs!

Hatten Sie da keine Angst?
Doch, natürlich, das war ja der Kick! Ha, wenn es nach mir ginge, könnten sich die Gangs auch jetzt bei meinem Film Gefechte liefern!

Sie träumen von einem Film, der die Leute richtig rasend macht.
Ja! Das beste Kompliment zu »Death Proof« kam von einer Freundin, sie ist Mutter und Hausfrau, sehr nett. Und sie sagte: »Man, I wanna fuck someone up after this!«

Grindhouse ist in den USA gefloppt. Die Kritiken waren freundlich, trotzdem ist Death Proof im Original nicht viel mehr als eine Retro-Fingerübung. Für den europäischen Markt wurde der Film jetzt umgeschnitten und verlängert, zudem läuft er hier nicht als Teil des Double-Features (Rodriguez’ Film kommt im August). Vielleicht wird er ja so erfolgreicher. Aber das Grundproblem wird auch dramaturgische Kosmetik kaum beheben können: Nach Pulp Fiction wollte man das Drehbuch auswendig lernen – in Death Proof wird eher geschwätzt. Kein Satz bleibt hängen, die Figuren finden sich allesamt zu cool, um wirklich cool zu sein.

Nach dem schwachen Filmstart prophezeiten Blätter wie Entertainment Weekly und Los Angeles Times einen Karriereknick. Tarantino sei zu kindisch, erzählerisch zu undiszipliniert, er berausche sich nur noch an obskuren Obsessionen. Was neulich noch revolutionär war, steht jetzt in der Kritik. Nicht leicht für Tarantino, der als Regisseur bisher noch nie richtig unter Beschuss stand.

Er hat ein allzu selbstverliebtes Experiment gewagt, er scheitert an den Maßstäben, die er selbst gesetzt hat – doch das muss nicht schaden, vielleicht wird Death Proof für Tarantino zum Denkzettel. In Statements nach dem US-Kassendebakel sagte er zwar: »Ich bin stolz auf meinen Flop.« Doch aus seinem Umfeld ist zu hören, dass der Liebesentzug ihn hart traf. Vielleicht wird es Zeit, umzudenken.

Könnten Sie sich auch mal einen Film vorstellen, der mit ganz wenigen Dialogen auskommt?
Kaum. Ich fühle mich zu Menschen hingezogen, die viel reden. Ich bin ein Schwamm, ich sauge Sätze auf. Ich habe Hunderte von Notizbüchern voller Dialoge, die nur auf passende Figuren warten!

Was würden Sie machen, wenn Sie nicht mehr über Filme sprechen dürften?
Oh, falls ich irgendwann mal nicht mehr über Filme sprechen sollte, dann liege ich vermutlich im Koma.

Gibt es überhaupt Filme, die Sie noch nicht kennen, aber unbedingt noch sehen wollen?
Ja. Aber höchstens vier.