Der Freund, der mich zum Weinen brachte

»Warum bin ich so fröhlich?«, singt die Zeichentrickente Alfred J. Kwak oft. Dabei ist die Kinderserie vor allem: sehr traurig. Hier erklärt ihr Schöpfer seinem größten Fan, warum das so sein muss.

Es beginnt mit einer toten Ente: Ein Mann überfährt sie auf seinem Heimweg mit dem Auto. Er hat sie nicht gesehen, nur plötzlich diesen Schlag gehört. Er hält an, steigt aus, versucht, mit bloßen Händen ein Loch am Straßenrand zu buddeln, um sie zu begraben. Doch es ist Frühling in Holland, der Boden noch hart vom Frost. Er steigt wieder in sein Auto und fährt nach Hause. Am Abend erzählt er seinen Kindern eine Gutenachtgeschichte, wie jeden Tag. Diesmal geht es um eine junge Ente, deren Eltern von einem Auto totgefahren werden. Aus dieser Geschichte ist 20 Jahre später eine TV-Serie geworden, Millionen Kinder kennen den Namen der Ente: Alfred J. Kwak. Ich war eins von diesen Kindern. Alfred war eine Art Freund für mich.

Ich habe früher viel ferngesehen, vor allem seit meine Eltern 1990 eine Satellitenschüssel an unserem Haus in den österreichischen Voralpen installierten. Damals war ich sieben. Ich schloss Freundschaft mit Bugs Bunny, Daffy Duck, der Biene Maja. Doch an die Ente Alfred mit dem niedlichen holländischen Akzent erinnere ich mich am besten. Noch viel später habe ich einen niederländischen Tonfall automatisch mit Alfred verbunden. Als ich zum ersten Mal Linda de Mol im Fernsehen sah, fragte ich meine Mutter, warum die Frau wie eine Ente spricht.

Mein Held ist also eine Ente. Eine gezeichnete Ente. Sie zu treffen ist natürlich schwierig, also treffe ich den Mann, der sie einst als Gutenachtgeschichte für seine Kinder erfunden hat: Herman van Veen. Das Erste, was mir an ihm auffällt, ist sein Akzent. Er spricht wie Alfred. Das macht ihn sofort sympathisch.

Eigentlich ist Herman van Veen seit mehr als 40 Jahren Liedermacher, Clown, Autor und Kabarettist. Ich treffe ihn in einem Schlosshotel in der Provence. Nicht weit entfernt stellt er gerade seine neuesten Gemälde in einer kleinen Galerie aus – mit über 60 hat er auch noch zu malen begonnen. Alfred J. Kwak ist aber bis heute das erfolgreichste seiner Projekte: 52 TV-Folgen über einen jungen Erpel, der allein die Welt entdeckt.

Ich frage van Veen, wie ihm das alles eingefallen ist. »Das ist ein bisschen traurig«, sagt er und erzählt mir von der toten Ente am Straßenrand, das sei irgendwann in den Siebzigern gewesen. Ich finde, diese Geschichte passt genau zu der Serie. Da wurde nicht bloß gelacht, sondern viel geweint, gehadert und gezittert. Und genau das mochte ich. Ich erinnere mich an die schulfreien Tage, wenn meine Eltern in der Arbeit waren: Vormittags liefen manchmal sogar zwei Folgen Alfred hintereinander. Ich saß allein auf der gelben Couch im Wohnzimmer, in meine Bettdecke gehüllt, und sah Alfred zu: wie er unschuldig im Kerker des Königs eingesperrt ist und vor Hunger leise weint; wie er in der Schule wegen seiner Herkunft gemobbt wird; wie er sich prügelt und verliert; wie er von einem Flaschengeist an den Schultern gepackt und in die Luft gerissen wird. Alfred J. Kwak hat mich traurig gemacht. Doch am Ende, im Abspann, kam immer dieses Lied, gesungen von Alfreds Stimme: Warum Bin Ich So Fröhlich? So düster es in seiner Welt auch war, ich wusste immer, am Ende wird er singen.

Hin und wieder habe ich Alfred zusammen mit einem Schulfreund gesehen – bei mir zu Hause, denn seine Eltern hatten ihm die Serie verboten. In der Welt von Alfred ging es um Themen, die im Kinderfernsehen nichts verloren hatten: Tod, Rassismus, Umweltzerstörung, Terrorismus. Ist das wirklich etwas für Kinder? Als ich sieben war, habe ich mir diese Frage nicht gestellt. Jetzt stelle ich sie Herman van Veen.

Van Veen: Ich habe oft gehört, dass Eltern die Serie zu direkt war, zu explizit. Gewisse Tatsachen hält man gern von Kindern fern. Meine große Schattenfigur, der Gegenspieler von Alfred J. Kwak, ist Kra, die Krähe. Sein Vater ist Alkoholiker, seine Mutter ist gar keine Krähe, sondern eine Amsel, aber das versucht er vor allen anderen zu verbergen.

Und es endet auch böse mit ihm: Er wird zum Faschisten, der mit seiner »Nationalen Krähenpartei« den König stürzen will. Für ihn habe ich mir manchmal ein Happy End gewünscht.
Das wäre doch unfair. Gibt es denn ein Happy End im Leben? Kennen Sie eine Geschichte mit Happy End? Es gibt ein End. Das genügt.

Auch in Kindergeschichten?
Natürlich, Alfred J. Kwak nimmt die Kinder ernst. So wie ich meine eigenen Kinder ernst nehme, wenn ich ihnen etwas erzähle. Ich war zum Beispiel eine Zeit lang gefesselt vom Thema Leukämie. Meine Stiftung hat damals Geld gesammelt, um ein Kinderkrankenhaus mit speziellen, keimfreien Räumen auszustatten. Zu der Zeit war ich andauernd unterwegs, habe meine eigenen Kinder wenig gesehen. Irgendwann haben sie mich gefragt: »Was ist Leukämie?« Dann habe ich ihnen eine Geschichte erzählt: Man hat da kleine Monster im Blut, rote und weiße, die einander auffressen. Daraus sind am Ende drei Folgen Alfred J. Kwak geworden.


»Wie würde Alfred das lösen?«

In 52 Folgen kommt Alfred um die Welt: in den Dschungel, in die Wüste, ans Meer.

Ich erinnere mich gut an die drei Episoden, in denen Alfred diese mysteriöse Krankheit bekämpfen muss, die ein ganzes Land befallen hat (er findet die Heilung schließlich auf dem Mond). Das Wort »Leukämie« kommt darin nicht vor. Und auch die Folgen über den Nahostkonflikt oder das Dritte Reich sind keine Geschichtsstunden – ich habe die ernsten Themen als Kind nicht einmal erkannt. Aber mir war trotzdem klar, dass es bei Alfred um mehr geht als in anderen Kinderserien. Wenn ich heute das Wort »Monopol« lese, fällt mir immer das fiese Krokodil mit dem Zylinderhut ein, das alle Fische der Welt fangen will, damit es den Fischpreis ganz allein bestimmen kann.

Alfred J. Kwak begegnet solchen Machenschaften mit scheinbarer Naivität. Er fragt so lange »Warum?« und »Wieso tust du das?«, bis seinem Gegenüber irgendwann die Antworten ausgehen. Das ist sein ganzes Geheimnis, und genau das hat mich damals so fasziniert: das Versprechen, dass man die Bösen nicht mit Laserschwertern oder Kanonen, sondern mit den richtigen Fragen besiegen kann.

Für einen Erwachsenen klingt das etwas pathetisch, und genau deshalb passt es so gut zu Herman van Veen, über den es in Zeitungsporträts heißt, er sei ein »tiefgründiger Poet«, oder ein »träumerischer Weltverbesserer«. Seit Jahrzehnten engagiert er sich für Kinderrechte, bei der Unicef und in seiner eigenen Stiftung. In seinen Liedern und Gedichten geht es meistens um seine Vorstellung von einer besseren Welt.

Auch in unserem Gespräch kommt er immer wieder auf sein großes Thema zurück, die Rechte von Kindern. Er sagt Sätze wie: »Wenn wir die Kinderrechte ernst nehmen würden, gäbe es keinen Krieg, nicht einmal eine Finanzkrise. Und auch Alfred weiß das. Es steckt viel von mir in ihm drin.« Van Veen, der sich sein Leben lang für Schwache einsetzte, hat einen Kinderhelden geschaffen, der wie er sein soll.

1976 hatte Alfred in einem Musiktheaterstück seinen ersten öffentlichen Auftritt. Benannt ist er übrigens nach van Veens Freund Alfred Biolek, der ihm einst zu seinem ersten Auftritt in Deutschland verhalf. Es folgen weitere Theaterstücke, dann eine Comicreihe, und schließlich, Ende der Achtziger, die TV-Serie, die van Veen mit eigenen Liedern vertont hat. Sie wurde ein Welterfolg: Kwak wurde in die USA verkauft, nach Japan, China und in viele Länder Afrikas. Der »Troubadour« van Veen hat vieles ausprobiert in seinem Leben, manches hat funktioniert, manches nicht. Aber diese eine Sache, die ist größer geworden als er selbst, die kleine Ente wird ihn und auch mich überleben. Wie fühlt sich das an? Macht einen das stolz?

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Van Veen: Stolz? Ich weiß nicht. Lassen Sie mich mit einer Geschichte antworten: Ich habe zwei Episoden über die Apartheid geschrieben, über ein Land, in dem die weißen Gänse ein ziemliches Problem mit den schwarzen Enten haben. Alfred heiratet dann eine dieser schwarzen Enten, Winnie. Es war eines der größten Dinge für mich, dass diese beiden Folgen in Südafrika ausgestrahlt wurden. Später wurde ich vom African National Congress eingeladen, um ein Konzert in Kapstadt zu geben. Ich habe sogar Nelson Mandela getroffen. Das habe ich alles Alfred zu verdanken.

Sie sprechen über ihn, als ob es ihn wirklich gäbe.
Alfred ist jemand. Manchmal fühlt es sich so an, als ob er ein Sohn wäre. Ich verstehe ihn. Ich höre sogar auf ihn und frage mich: »Wie würde Alfred das lösen?«

Gibt es ein Thema, das zu komplex ist für eine Kindersendung?
Herman van Veen schweigt fast eine Minute, bevor er antwortet. Um ganz sicher zu gehen, müsste ich erst mit Alfred sprechen. Aber ich glaube, ich weiß so ein Thema: Pädophilie. Aber vielleicht würde Alfred selbst da einen Weg finden.

Van Veen ist jetzt 67, er hat drei Enkelkinder, und eigentlich könnte er es jetzt
etwas ruhiger angehen lassen. Eigentlich. Gerade ist seine neue CD erschienen, auf Deutsch und Niederländisch, nun tourt er auch wieder in Deutschland, außerdem ist er jetzt ja Maler, nebenbei schreibt er immer noch Gedichte und Musiktheaterstücke. Und er arbeitet an einem Kinofilm.

Van Veen zieht sein iPad aus der Tasche und zeigt mir einen kurzen Filmclip: »Darf ich vorstellen? Alfred Junior.« Auf dem Display sehe ich die Computeranimation einer kleinen, braunen Ente, sie sieht noch sehr provisorisch aus, wie sie da über den Bildschirm wackelt. »Es ist der Sohn von Alfred und Winnie, eine Cappuccino-Ente, ein Multikulti-Kind«, sagt van Veen. Er will 2013 einen Animationsfilm ins Kino bringen. »Wissen Sie«, sagt er, »ich brauche neue Geschichten für meine Enkelkinder. Alfred passt nicht mehr in diese Zeit. Sein Sohn aber schon.« Und zum ersten Mal bin ich ein bisschen traurig, dass ich selbst noch keine Kinder habe. Alfred Junior würde ihnen bestimmt gut gefallen.

ALFRED J. KWAK
Die Ente Alfred Jodocus Kwak hatte 1976 ihren ersten öffentlichen Auftritt in einem Musiktheaterstück. Die TV-Serie lief ab 1990, gewann eine Menge Preise und wurde in viele Länder der Welt verkauft. Alfred verliert seine Eltern und seine Geschwister bei einem Autounfall und wird vom Maulwurf Henk adoptiert. Alfreds Erfinder, der Niederländer Herman van Veen, ist Sänger und Schriftsteller. Sein 1973 erschienenes Album Ich hab’ ein zärtliches Gefühl machte ihn in Deutschland bekannt.

Set Design: Nina Lemm/liganord.de; Styling-Assistenz: Elena Mora.

Foto: Attila Hartwig

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