Wie ein umgekehrtes Ghetto

In deutschen Städten gibt es Gegenden, die man als Jude nicht betreten sollte. Unsere jüdische Kolumnistin erklärt, wie sich das anfühlt – und unter welchen Umständen sie dann doch in die sogenannte No-go-Area geht. 

»Natürlich möchte ich mich überall frei und sicher bewegen dürfen, selbst dann, wenn ich mit fünf Davidsternen um den Hals und einem Hund namens Schlomo das Haus verließe.«

Foto: Alexa Vachon

Wenige Minuten Fußweg von meinem Elternhaus in der Kölner Nordstadt entfernt liegt ein türkisches Viertel. An der Hand meiner Mutter lief ich beinahe jeden Samstag durch die mittelalterliche Eigelsteintorburg über eine schmale Straße, die fast bis zum Dom führt, zur stadtbekannten Weidengasse. Wenige hundert Meter Bosporus, auf denen man Baklava, türkische Pizza, frisches Gemüse und Lammfleisch in sämtlichen Formen kaufen kann. Ich mochte die Ausflüge in die Weidengasse immer sehr, da sie mich an unsere Urlaube in Israel erinnerten, die Lebensart in der Weidengasse ähnelte jener, die wir auch zu Hause kultivierten. Orient trifft Okzident, Nutella trifft Fladenbrot, Kartoffelbrei trifft scharf gewürztes Fleisch. Wir sprachen zu Hause mit deutschen Vokabeln durchzogenes Hebräisch und liebten das mit slawischem Akzent gesprochene Deutsch meiner bulgarischen Großmutter, die immer nur Mark, nie Markt sagte. Komm, Linda, wir gehen zum Mark, und wir gingen auf den Markt. Einen Spruch wie »Deutschland den Deutschen«, über den die Nachrichten Anfang der Neunzigerjahre oft berichteten, hatte ich noch nie gehört.

Alle Geschäfte rochen nach Kreuzkümmel und die Männer nach großzügig aufgetragenem Rasierwasser. Da man uns fast überall seit Jahren kannte, wurden wir herzlich begrüßt, meine Mutter meistens auf Türkisch, wegen ihrer dunklen Locken und ihres olivfarbenen Teints. Ich, große Augen, pralle Wangen, lockere Zunge, erhielt überall ein Stück Wurst oder einen dieser türkischen Kaugummis in buntem Papier, die viel versprachen, um dann nach gar nichts zu schmecken. Ich liebte diese Dinger. Schon als Siebenjährige kannte ich den Ausdruck Mashallah – wie Gott es will – , weil ich so vom Bäcker überschwänglich begrüßt wurde, wenn ich wieder ein Stück gewachsen war.

Die Metzger, die Kassiererinnen im Supermarkt und die Männer im Imbiss wussten, dass wir Juden sind. Und wer es nicht wusste, erkannte es spätestens am Fünfmarkstückgroßen Davidstern, der zu jeder Tages- und Nachtzeit funkelnd auf dem Dekolleté meiner Mutter thronte. Sie nahm ihn nie ab. Nicht zu Zeiten des ersten Golfkriegs, nicht in den Wochen der zweiten Intifada und auch nicht während des Gaza-Krieges im Jahr 2014. Politik spielte damals kaum eine Rolle. Wir waren Juden, sie waren Muslime, und wir waren alle Kölner.

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Wer die Weidengasse nicht kennt, würde sie heute aufgrund ihrer Merkmale als No-go-Area für Juden bezeichnen. Eine Gegend, durch die man unter keinen Umständen mit Kippa laufen sollte oder mit einem glänzenden Davidstern auf der Brust, die man bestenfalls sogar ganz meidet. Vor zehn Jahren kannte ich dieses Wort noch nicht, mit meinem Umzug nach Berlin lernte ich es kennen: Neukölln mit der berüchtigten Sonnenallee, der Wedding, wo mich viele Straßenzüge an die Weidengasse erinnern, und einzelne Abschnitte und Bahnhöfe der U-Bahn, die gefährlich für Kippaträger sind. Für mich, die Kölnerin, die die rheinländische Art des »Jeder Jeck is anders« verinnerlicht hatte, bedeutete mein neues Berliner Zuhause auch den Abschied von meiner Unbefangenheit.

War ich bloß naiv? Nein, denn natürlich fühlte ich mich auch in Köln als Jüdin nicht immer sicher und willkommen. Auch dort wird die Synagoge Tag und Nacht bewacht, werden Feste zu Israels Geburtstag peinlich genau auf sämtliche Sicherheitsvorkehrungen überprüft. Ich sah Neonazis auf dem Ebertplatz marschieren und geriet in der Schule einmal fürchterlich mit einem Mitschüler aneinander, der mich mit Sprüchen über die jüdische Weltverschwörung provozierte. Doch das waren berechenbare Orte und an einer Hand abzählbare Begebenheiten, die mein Leben nur bedingt einschränkten.

Die Spielregeln änderten sich, als ich nach Berlin zog. Ich spürte schnell, dass ich nun in einer Stadt mit vier, nicht nur einer Million Menschen lebte. Schmelztiegel, Multikulti, Sarrazin, der Tanz auf dem Vulkan, plötzlich ergaben all diese Schlagworte, die ich in Köln über Berlin hörte, Sinn. Denn alles war extremer und enger, aber auch riesiger und aufregender. Ich zog damals in eine der mit Altbauten gesäumten Seitenstraßen des Ku'damms, wo seit jeher Juden, Künstler und Schriftsteller ein Zuhause fanden. In der Nähe meiner Wohnung befand sich die Synagoge der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde und so sah ich erstmals Männer in schwarzen Anzügen, mit Schläfenlocken und schwarzen Hüten durch meine Nachbarschaft laufen. Und obwohl ich selbst mit extremer Orthodoxie nichts anfangen kann, gefiel mir dieses Straßenbild. Es fühlte sich nach New York, Paris oder London an.

Als im Sommer 2014, während des eskalierendes Krieges zwischen Israel und der Hamas in Gaza, Demonstranten Schulter an Schulter über den Ku'damm liefen und »Juden ins Gas!« riefen, als Tageszeitungen immer öfter von Angriffen gegen Kippaträger berichteten und die jüdische Gemeinde ihren religiösen Mitgliedern riet, sämtliche Gegenden mit hohem muslimischen Bevölkerungsanteil zu meiden, verstand ich, dass mein Metropolenleben auch seine Schattenseiten hat. Auch heute verfolge ich irritiert die Nachrichten, wenn die aufgebrachte Menge am jährlich stattfindenden »Al-Quds-Tag« wenige Hundert Meter Luftlinie von meiner alten Wohnung entfernt den Adenauerplatz kreuzt. Dieser Feiertag wurde von der iranischen Republik ins Leben gerufen, er wird zu Massendemonstrationen gegen Israel genutzt, bei der die »Befreiung Jerusalems von den zionistischen Besatzern« gefordert wird. Der Ton ist rau, die Wut ist groß, der Staat Israel und Juden aus aller Welt werden in einen Topf geworfen. Meine Fingerspitzen waren eiskalt und unter meinen Achseln bildete sich kalter Schweiß, als ich vor Jahren am Demonstrationszug vorbeilief. 

Es fiel und fällt mir schwer, die unsichtbaren Grenzen einer No-go-Area zu akzeptieren. Natürlich möchte ich mich überall frei und sicher bewegen dürfen. Selbst dann, wenn ich mit fünf Davidsternen um den Hals und einem Hund namens Schlomo das Haus verließe. Meine Eltern erzogen mich zu einer selbstbewussten Frau und ermutigten mich immer, meine jüdische Herkunft nicht zu verheimlichen. Gleichzeitig kann ich mich an kaum eine Zeit erinnern, in der das Narrativ der gepackten Koffer innerhalb der jüdischen Gemeinde in Deutschland – und ganz Europa – keine Rolle spielte. Das Bild der fliehenden Juden ist eines, mit dem ich mich nie identifizieren wollte, während ich in den letzten Jahren einige Freunde verabschiedete, die Deutschland verließen und nach Israel zogen, weil sie ihre Heimat wie eine sich immer weiter ausbreitende No-go-Area wahrnahmen. Ich hatte und habe keine gepackten Koffer, Deutschland war und ist mein Zuhause. Und doch habe ich Verständnis für ihre Entscheidung, ein Leben an einem Ort ohne Flickenteppich aus No-go und Yes-go führen zu wollen.

Man könnte mir natürlich entgegnen, dass eine No-go-Area nicht das Ende der Welt sei. Ist es auch nicht. Aber ich empfinde dieses Wort nicht bloß als nett gemeinte Handlungsempfehlung, wie sie vor einigen Tagen der Antisemitismusbeauftrage der Bundesregierung, Felix Klein, aussprach. »Ich kann Juden nicht empfehlen, jederzeit überall in Deutschland die Kippa zu tragen«, sagte er und fügte im gleichen Gespräch hinzu, dass er seine Meinung »im Vergleich zu früher leider geändert habe«. Früher war wohl mehr Lametta und weniger Antisemitismus. Während die Politik vor kurzer Zeit No-go-Areas noch auf multikulturelle Ballungszentren beschränkte sah, resigniert Klein also nun vor der deutschen Landkarte und weitet den Sorgenradius auf »nicht jederzeit und überall« aus.

Für mich sind No-Go-Areas Symptom einer erkrankten Gesellschaft, die unser Miteinander vergiftet.  Denn was soll eine No-go-Area eigentlich sein, wenn nicht ein umgekehrtes Ghetto? Wo endet Eingrenzung und wo beginnt Ausgrenzung? Ich kaufe mein Fleisch und trinke meinen stark gezuckerten Schwarztee am liebsten in Neukölln, ein Bezirk im Südosten Berlins, dessen Bewohner oft türkische oder arabische Wurzeln haben. Als Jüdin unerkannt, weil ich meine Davidsternkette nur selten trage und es Momente gibt, in denen es auch mir scheißegal ist, was mein Gegenüber von Juden hält. Die Welt ist nun mal kein Abklatsch der 800 Meter langen Weidengasse, wo man sich über jeden Zentimeter mehr Linda freut und mit Mashallah kommentiert.

Ich habe den Gedanken »Was wäre, wenn …« schon öfters bis ans Äußerste durchgespielt. Was wäre, wenn aus einer No-go-Area plötzlich zehn, hundert werden würden? Mein Verlobter, der in der Schweiz geboren wurde und aufgewachsen ist, kennt das mittlerweile und versteht den morbiden Humor, den jüdische Familien – zumindest meine – beim Abendessen rauslassen. Was wäre, wenn es für Juden wieder richtig gefährlich werden sollte in Deutschland? Selbst als Familie sind wir uns uneins, meine Mutter würde nach Israel ziehen, mein Vater ginge dorthin, wo meine Mutter ihm sagt, dass er hingehen soll, mein Bruder würde sicherlich in einem sicheren Bunker in Köln bleiben wollen. Und ich? »Ich nehme euch dann alle mit in die Schweiz!«, sagte mein Verlobter lächelnd in die Runde. »Wir würden wie die Waltons alle in einem Haus leben.«

Die Chance wäre groß, dass sich unser Mehrgenerationen-Haushalt in eine No-go-Area für alle Beteiligten verwandelt. Aber, immerhin, wir wären sicher.

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