Geh, komm. Bleib doch.

Vor zehn Jahren zeigte Helmut Lang seine letzte Kollektion. Auf die Modewelt kann er heute gut verzichten, die Modewelt auf ihn aber nicht.

Haben Sie je Sehnsucht verspürt nach etwas, was unwiederbringlich verloren ist? Dieses Gefühl voller Wehmut, dem die Portugiesen einen eigenen Namen gegeben haben: saudade? Auch die Modebranche hat einen Namen dafür: Helmut Lang. Zehn Jahre ist es jetzt her, dass Lang sein Modelabel aufgegeben hat. In den Schränken der Lang-Jünger hängen immer noch die Kleider, längst vom vielen Tragen abgewetzt oder verblasst, als traurige Erinnerungsstücke an bessere Zeiten. Aber für Lang gibt es keinen Rücktritt vom Rücktritt.

»Ich bereue nichts im Leben«, sagte er 2006 in einem Interview. Das Jammern überlässt er der Branche, die seinen Abschied nie verwinden konnte. Jede Saison gibt es Designer, die sich von Langs Ästhetik inspirieren lassen. Die Internetseite style.com identifizierte allein in den Frühjahrskollektionen 2014 ein Dutzend Geistesverwandte, von Céline, Givenchy und Victoria Beckham bis zur Crème de la Crème der neuen Generation wie Alexander Wang, Joseph Altuzarra und Proenza Schouler. Das Bekenntnis zur Luxussportbekleidung, zu sehen in den kommenden Herbst- und Winterentwürfen – eine einzige Reminiszenz an Helmut Lang.

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Lang verließ 1986 seine Heimatstadt Wien, um in Paris auszustellen. 1997 zog er mit seinen Modeschauen nach New York weiter. Fünf Jahre später kehrte er nach Paris zurück, dort präsentierte er im Oktober 2004 seine letzte Kollektion, für die Frühjahr- und Sommersaison 2005. Auf seiner Wikipedia-Seite findet sich eine Auflistung der Innovationen für jedes Jahr seiner Laufbahn – schon beim Durchlesen sollten bei jedem Nachwuchsdesigner die Ideen sprudeln. Zum Beispiel die Frühjahr- und Sommersaison 1996: »Einsatz von Schärpen, förmlicher und Festtagskleidung sowie verrutschten Dessous.« Skurrile Details, die Langs Ruf als Meister des Minimalismus konterkarieren.

Aus dem zwitterhaften Konzept, auf dem seine Arbeiten fußten, entstand eine Eleganz, minimalistisch und opulent zugleich. Er hatte das besondere Talent, Grenzen zu verwischen. So wie Lang in seinen Entwürfen und auf dem Laufsteg Männer- und Frauenmode durcheinanderwirbelte, konnte er einer Seidenbluse den Anschein geben, sie sei aus durchsichtigem Plastik geschneidert, oder aus der Verbindung von Spitze und Latex eine Art Taucher-Couture schaffen. Oder Abendgarderobe so umwandeln, dass sie als Alltagskleidung tragbar war. Lang schuf die vollkommene urbane Kleidung und war damit seiner Zeit weit voraus.

»Ich habe wohl einfach oft den richtigen Instinkt«, sagte Lang 2006. Es leuchtet ein, weshalb dieser Instinkt über all die Jahre bei anderen Designern auf starken Wiederhall stieß: In der Mode wird daraus eine Art Unvergänglichkeit. Der belgische Modeschöpfer Raf Simons zum Beispiel demonstrierte dies, als er im Oktober 2012 den Applaus für seine erste Prêt-à-porter-Kollektion für Dior in Langs gestreifter Jeansjacke aus dem Jahr 1996 entgegennahm. »Niemand sonst konnte einem Kleidungsstück mit einem, zwei oder drei Streifen einen solch urbanen Chic verleihen«, sagt Simons.

Aber es war nicht nur, was Lang tat, sondern auch wie er es tat. Bei Modeschauen zeigte er Herren- und Damenkollektionen gemeinsam. Die Models, die er aussuchte, der Einsatz von Musik, die Frisuren, das Make-up – alles wirkte wie ein ausgesprochen moderner Kontrapunkt zu den Exzessen, die in der Modewelt der Neunzigerjahre üblich waren. »Lang war revolutionär«, sagt Juergen Teller, der ihm zu weiten Teilen seine Karriere als Modefotograf verdankt. »Für mich war seine Haltung entscheidend. Ich war jung, ein Außenseiter, und ihm fiel meine Gabe auf, das zu dokumentieren, was er schuf. Abgesehen von Roxanne Lowit machte damals niemand Aufnahmen hinter der Bühne. Wir schufen eine neue Art der Modefotografie.«

Und eine neue Art von Werbung gleich mit: Teller erinnert sich, wie begeistert er war, als er das erste Mal eines seiner Backstage-Fotos auf den Dächern der New Yorker Taxis sah – in einer Werbung für Helmut Lang. »Das war das erste Mal, dass ein Designer so etwas tat, und nicht nur eine Seite in der Vogue buchte.« Auch das wirkt bis heute nach: Das Londoner Magazin Industrie, das die Modewelt kunstvoll seziert, zeigt in seiner jüngsten Ausgabe eine mehrseitige Bildstrecke über Langs »visuelles Erbe«. Heute noch kann jede seiner Werbekampagnen als idealtypisch für maximale Medienwirkung gelten. Die britische Designerin Phoebe Philo scheint das bei den Kampagnen für Céline verinnerlicht zu haben, was auch die Wahl des Fotografen zeigt: Juergen Teller.

Lang tut, was ihm Spaß macht.

Vermutlich hat sich der Außenseiter Lang in dem jungen Außenseiter Teller wiedererkannt. Lang hatte nie vor, Modedesigner zu werden. An seiner Karriere lässt sich ablesen, wie erfinderisch Not machen kann: In ganz Wien fand Lang nichts, was er gern anziehen wollte, darum ließ er es für sich anfertigen. Er hatte kein Geld, darum war es »nichts Spezielles, nicht nur billige Effekthascherei. Es waren immer Dinge, von denen ich überzeugt war; was mir eben zum jeweiligen Zeitpunkt am besten gefiel. Was aus einem selbst kommt, hat eine gewisse Wahrhaftigkeit.« Wahrhaftigkeit heißt Glaubwürdigkeit – eines der großen Ziele in der Mode. Darum war und ist Lang noch immer eine Inspiration, gerade für junge Designer. Oder wie Raf Simons sagt: »Es lag an ihm und Martin Margiela, dass ich überhaupt auf die Idee kam, Mode zu entwerfen.«

Diese beständige Zuneigung der Branche ist ein weiterer Grund, warum Lang so schnell nicht vergessen sein wird. Die britische Mode-Journalistin Sarah Mower erinnert sich wehmütig: »Er war der Designer für eine ganze Generation von Mode-Insidern. Er schuf die Uniform, die wir alle trugen.« Es spricht aber auch einiges für folgende These: Gerade weil sich Lang vor zehn Jahren zurückzog, löst er heute so starke Emotionen aus. Designer ächzen heute fast alle unter der stetig wachsenden Last an Verpflichtungen und der Tyrannei der immer schneller wechselnden Modezyklen. Der Burn-out lauert, die Flucht bleibt nur ein Traum. Helmut Lang jedoch lebt diesen Traum.

»Er war nicht frei, er war angekettet«, sagt Juergen Teller und meint die üblichen Vertragsverpflichtungen der Branche. Aber Lang schaffte das Unmögliche. Zwar bekam er Gerüchten zufolge hundert Millionen Dollar von Prada, damit er die Marke verlässt. Doch er ging als freier Mensch.* Und was er seitdem mit dieser Freiheit angefangen hat, lässt ihn als Ideal noch heller strahlen.

Als Teenager strebte Lang nach einem Leben als Künstler. Zur Mode kam er durch Zufall, der sich allerdings als Glücksfall erwies. In der Folge verband er Kunst und Mode auf eine Weise miteinander, die auf Jahrzehnte stilbildend sein sollte. Doch nun richtet Lang sein Augenmerk einzig und allein auf seine Kunst. Seine Modeschauen nannte er früher schon gern séances de travail – Arbeitssitzungen –, was er für weniger anmaßend hielt und für moderner als das permanente Streben nach Neuem, wie es die Modewelt diktiert. Bei seiner Kunst scheint er einen ähnlichen Ansatz zu verfolgen: Bisher zeigt sie sich skulptural und organisch, mit einem klaren Interesse an Texturen. Lang greift darin auf eigene Erlebnisse zurück, am deutlichsten zu sehen in den Skulpturen, die er 2011 auf Long Island ausstellte. Nach einem Brand in seinem Kleiderarchiv in der Spring Street schredderte er die verbliebenen Reste, mischte sie mit Harz und Pigmenten und formte sie zu langen, silbernen, birkenähnlichen Röhren. Das Ergebnis zeigt die gestraffte Eleganz seiner Kollektionen, gepaart mit einem Gruselfaktor.

Grusel überkam den Betrachter auch bei den Gummiskulpturen – abstrakte Totempfähle und Gesteinsformationen – die er 2012 in einer New Yorker Galerie ausstellte. Ein Sprecher teilte der Öffentlichkeit mit – Lang bleibt so interviewfeindlich wie eh und je –, dass wir von dem Werk, an dem Lang derzeit arbeitet, »dieselbe kontinuierliche Integrität« erwarten dürfen.

Lang tut, was ihm Spaß macht. In zwei Jahren wird er sechzig, doch diesem Datum, das für die meisten Menschen einen großen Einschnitt darstellt, wird er wenig Bedeutung beimessen. Auch darin liegt eine Erklärung, warum er auf die Modewelt so eine große Faszination ausübt: Er ist nicht einfach nur der Tretmühle der Mode entkommen, er hat sich auch der Diktatur der Zeit entzogen, die die Mode mit eiserner Faust regiert. »Ich wollte neugierig bleiben und unverbraucht und auf unschuldige Weise über Dinge nachdenken. Es fällt unheimlich schwer, sich seine Unschuld zu bewahren, wenn man in dieser Modenummer steckt.« Das hat Lang in all den Jahren geschafft: sich seine Unschuld zu bewahren. Damals, 2006, gab er »Entwicklung und Fortschritt, Glück und Erfüllung« als persönliche Ziele an. Die zurückliegenden Jahre lassen den Schluss zu, dass er sehr gut vorangekommen ist. Was wiederum heißt, dass Lang für viele aus der Branche auch weiterhin ebenso inspirierend wie beneidenswert sein wird.

Doch eines wird Helmut Lang nie wieder sein: Modedesigner.

Helmut Lang

Der Österreicher hat nie Mode studiert, sie aber trotzdem revolutioniert. 1986 gründete er sein Label in Paris, das der exaltierten Mode der Neunzigerjahre nüchternen Minimalismus entgegensetzte und bis heute als wegweisend gilt. 1999 wurde die Firma von Prada übernommen, Lang zeigte seine letzte Kollektion 2004 und lebt seither als Künstler in den Hamptons. Die Marke Helmut Lang existiert weiter und gehört inzwischen zum japanischen Konzern Fast Retailing.

(Fotos: Axel Siebmann/access, Elfie Semotan)

* in einer früheren Version des Artikels hieß es aufgrund eines Übersetzungsfehlers, dass H. Lang gerüchteweise 100 Millionen an Prada bezahlt hätte. Wir bedauern den Irrtum.

Fotos: Juergen Teller

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