»Er legte sich vor mir auf die Kreuzung und fing sofort das Schlafen an«

Wer das Oktoberfest besucht, muss anschließend irgendwie nach Hause kommen – auch diejenigen, die mehr als oans, zwoa g’suffa haben. Neun Taxifahrerinnen und Taxifahrer schildern ihre skurrilsten Wiesn-Erlebnisse

Das Einzige, was auf der Wiesn noch schwieriger zu bekommen ist als ein freier Tisch an einem Samstagabend: ein Taxi.

Foto: Fritz Beck

»Es war wie bei Romeo und Julia«

»Sie sind meine letzte Rettung!«, rief mir ein junger Mann zu. Es war zwei Uhr in der Nacht, und ich machte gerade meine letzte Runde um den Hauptbahnhof. Ich fuhr zu ihm.
»Wieso denn das?«, fragte ich.
»Ich war mit meinen Kommilitonen auf dem Oktoberfest, und jetzt finde ich sie nicht mehr. Ich habe solche Sehnsucht nach meiner Frau, bitte bringen Sie mich zu ihr.«
»Wo wohnt Ihre Frau denn?«
»Na, in Wien.«
»Ach, du bist doch betrunken. Das ist außerdem sehr teuer.«
Ich hatte schon seit dem Mittag gearbeitet und mich auf mein Bett gefreut. Der Mann ließ aber nicht locker und erkundigte sich nach dem Preis. »Wie viel hast’n?«, fragte ich ihn. Dann ging er auf die Bank und kam mit 750 D-Mark zurück, es war alles, was er hatte. »Okay, wir machen das«, sagte ich, »aber ich muss auf der Fahrt zwischendurch mal schlafen.« »Macht nichts, ich bin auch müde«, sagte er.

So fuhren wir die knapp 450 Kilometer nach Wien. Zweimal fuhr ich während der Fahrt von der Autobahn und legte mich kurz aufs Ohr. Nach knapp fünf Stunden kamen wir in Wien an einem prächtigen Altbau mit schmiedeeisernen Balkonen an. Der Mann stieg aus, gab mir sein Erspartes und hat geklingelt, geklingelt, geklingelt. Auf einmal ging im ersten Stock die Balkontür auf, und heraus trat eine Frau in einem kurzen weißen Nachthemd, mit wallenden Haaren bis über die Schultern. Er, immer noch in Lederhosen, schrie zu ihr hoch: »Ich liebe dich, ich liebe dich! Ich wollte nur bei dir sein!« – »Ich liebe dich auch!«, rief die Frau zurück und beugte sich über das Balkongeländer. Es war wie bei Romeo und Julia. Die Liebesrufe gingen eine Weile hin und her. Dann winkte der junge Herr mir noch einmal zu und verschwand durch die Tür.
Elisabeth W.

»Akzeptieren Sie auch Hendlmarken?«

Ich fuhr mal einen Mann, dem am Ziel erst einfiel, dass er alle seine Sachen, inklusive Geld, auf dem Oktoberfest verloren hatte. Das heißt – fast alle seine Sachen. Das Einzige, was er bieten konnte, waren Hendlmarken. »Akzeptieren Sie die auch?«, fragte er. Was blieb mir anderes übrig? Ich willigte ein, er gab mir alle seine Hendlmarken. Insgesamt waren die fünfzig Euro wert. Im Endeffekt war es ein gutes Geschäft für mich, denn die Fahrt hätte nur 25 Euro gekostet, und so viele Hendl hätte ich sowieso nicht allein essen können. Am nächsten Tag hatte ich noch mal Glück. Zufällig stieg eine Wiesnbedienung zu mir ins Taxi. Ich erzählte dem Herrn meine Geschichte vom Vortag, und er bot an, mir die Hendlmarken abzukaufen.
Haluk Ersoy

»Er hatte nur einen ganz knappen Slip an«

Ich fuhr nachts um drei durch die Straßen, als ich sah, wie jemand zwischen den parkenden Autos den Arm hochriss. Ich bremste, ein junger Mann kam hervorgesprungen. Er hatte nur einen ganz knappen Slip an, war barfuß und stieg schnurstracks in mein Taxi. Ich war baff und wusste nicht, was ich mit dem Kerl anfangen sollte.
»Bitte, bitte, schmeißen Sie mich nicht raus«, jammerte er.
»Was ist denn passiert?«, fragte ich.
Der Mann antwortete nicht. Stattdessen bat er mich, ihm kurz mein Handy auszuleihen, damit er seine Frau anrufen konnte.
»Du, ich hab keine Sachen mehr!«, rief er in den Hörer.
»Ja, ich weiß schon«, hörte ich seine Frau erwidern.
Plötzlich hielt er mir wieder das Handy hin, nun hatte ich die Frau direkt am Ohr. »Mei, bittschön bringen Sie meinen Mann nach Hause, die Polizei sucht ihn schon überall«, sagte sie und legte auf.

Während der Mann neben mir zitterte und versuchte, sein Höschen irgendwie mit den Händen zu verdecken, erzählte er, was passiert war. Er war mit seinen Arbeitskollegen auf dem Oktoberfest ge­wesen. Sonst trinkt er nie. Das haben die Kollegen ausgenutzt und ihn abgefüllt. Irgendwann klinkte er sich aus der Gruppe aus und ging auf die Wiese beim Festgelände. In seinem Rausch dachte er wohl, er sei zu Hause, zog sich aus und legte sich zum Schlafen auf das Gras. Nach ein paar Stunden wachte er auf, weil ihm so kalt war, und lief verwirrt in die Stadt. Währenddessen hatte die Polizei die Kleider und Papiere gefunden, die er auf der Wiese zurückgelassen hatte, und seine Frau verständigt.
Ich drehte die Heizung auf Vollgas und fuhr den armen Kerl nach Hause. Vor dem Haus wartete seine Frau im Bademantel und empfing ihren Mann mit Tränen in den Augen.
Jutta Waldbrunner

»Er legte sich vor mir auf die Kreutung und fing sofort das Schlafen an«

Da gab’s mal einen ziemlich schicken Herrn, der auf der Bayerstraße nahe der Hackerbrücke stand, in Anzug und Krawatte, aber offensichtlich ziemlich betrunken. Ich wollte wissen, wo es hingehen soll.
»Arnuuuullllstraße«, lallte der Herr.
»Meinen Sie die Arnulfstraße?«, fragte ich.
»Ja! Arnuuuullllstraße und dann weiter.«
Er ist eingestiegen, und ich habe ihn einmal über die Hackerbrücke gefahren, die Arnulfstraße liegt ja genau auf der anderen Seite.
»So, Arnulfstraße. Und jetzt?«, fragte ich.
Dann hat er ziemlich die Augen verdreht, mir einen Fünfzig-Euro-Schein in die Hand gedrückt und gesagt: »Arnuullstraße und jetzt gute Nacht.«

Er stieg aus, legte sich vor mir auf die Kreuzung und fing sofort das Schlafen an. Da waren drei oder vier Spuren in jede Richtung. Da hätte ich natürlich nicht wegfahren können, er wäre dort definitiv überfahren worden bei all dem Verkehr. Ich habe das Taxi unter ziemlich viel Hupen mit Warnblinker so hingestellt, dass er geschützt war. Ich habe probiert, ihn zu wecken, aber er schlief tief und fest. Als ich dann versuchte, ihn von der Straße zu zerren, bemerkten uns einige Passanten.
»Lassen Sie den Mann liegen! Den haben Sie gerade überfahren, das haben wir genau gesehen!«, schrien die mir zu.
Da musste ich natürlich etwas schmunzeln und entgegnete: »Na, dann haben Sie ja auch sicher die Polizei gerufen, oder?«
»Ja klar, die kommt gleich!«

Tatsächlich trafen die Beamten 15 Minuten später ein. Klar, ein Taxifahrer, der einen Gast überfahrt – da kommen die sofort. Als sie den Fahrgast laut schnarchend auf der Straße liegen sahen, mussten sie aber auch grinsen und meinten, sie kümmern sich darum und ich dürfe ruhig weiterfahren.
Urs Schmidt

»Geld oder Arschtritt!«

Ich pickte einen Mann bei der Bavaria auf. Er sagte mir, wohin er wollte, ein Katzensprung. Als wir da waren, offenbarte er mir, dass er kein Geld dabeihatte. Es ging um vielleicht zehn Euro, die Polizei zu holen hätte sich nicht gelohnt. Während der Wiesnzeit haben die außerdem andere Sorgen als einen abgezogenen Taxler. Trotzdem war ich sauer. Den Aufwand mit Adressentauschen und so weiter wollte ich mir nicht antun, aber einfach davonkommen sollte mir der Fahrgast auch nicht.
»Jetzt überleg’s dir ganz genau. Hast du nicht irgendwo noch Kleingeld?«, fragte ich. Er verneinte, und so stellte ich ihn vor die Wahl: »Geld oder Arschtritt!« Was dann kam, hatte ich nicht erwartet. Der Herr brachte sich für den Tritt in Position, als wäre es das Normalste auf der Welt.
Max Weiland

»Sie schauten mich an, stiegen aus und rannten weg«

Zu mir stiegen zwei betrunkene Amerikaner ins Taxi, die ich an einen Campingplatz fahren sollte. Wir waren fast dort, da erbrach sich der eine über den anderen. Ich hielt sofort an.
»Dafür müssen Sie Strafe zahlen«, sagte ich. Die beiden stiegen aus, schauten mich an und rannten dann weg, der eine in Richtung Wald, der andere über die Straße. Ich fuhr dem einen mit dem Auto hinterher.
»Ich bin Amerikaner, lass mich in Ruhe!«, schrie mir der Kerl zu.
»Und ich bin Iraker, ich lass dich nicht in Ruhe! Ich rufe die Polizei!«, schrie ich zurück.

Ich fing ihn schließlich ein und nahm ihn mit zum Campingplatz, kurz danach rückte die Polizei an. Der zweite Kumpel war da immer noch verschwunden. Die ganze Aktion hätte die beiden Männer 250 Euro gekostet, der Mann konnte aber nur mit 100 Euro dienen. Die Polizei riet mir, ein Foto von seinem Ausweis zu machen und eine Rechnung an seine Heimatadresse zu schicken. Der Mann wohnte in Florida. Das Geld habe ich bis heute nicht gesehen, den Amerikaner, der in den Wald flüchtete, auch nicht.
Rafi Jabar Salman

»Ich fahr jetzt ewig schon Taxi, und so einen Schmarrn hat mir noch keiner erzählt!«

Ich bin zur Wiesn mit dem Taxi immer an der Bavaria oben gestanden, denn da mussten die Gäste den Hang hochklettern. Wer diesen Härtetest überstanden hat, den hat man in der Regel fahren können, weil diese Gäste nicht so besoffen waren. An einem sonnigen Nachmittag um zwei steh ich also an der Bavaria. Da kommt ein hübsches Mädchen daher, vielleicht 22 Jahre alt. Sie hat den hinteren Teil von ihrem Rock nach vorne gezogen und hält ihn zusammengeknüllt in der Hand. Sie steigt ein und will zur Nordseestraße. Ich beginne sie dorthin zu fahren und bemerke nach kurzer Zeit: Es riecht unangenehm. Ich drehe mich zu ihr: »Du hast dir in die Hosen gemacht.« Sagt sie: »Nein! Ich bin auch nicht betrunken!«
»Ich hab auch nicht gesagt, dass du betrunken bist. Ich hab gesagt, du hast dir in die Hosen gemacht.«
»Nein, das stimmt nicht«, sagt sie und ist natürlich fix und foxi. »Wissen S’, ich bin mit meinen Eltern zum Essen auf die Wiesn gegangen, dann wollte ich rausgehen und hab mich auf ein Bankerl gesetzt, weil ich meine Ruhe haben wollte, und auf die Bank hatte irgendeiner draufgekackt.«
»So ein Schmarrn!«, sage ich. »Ich fahr jetzt ewig schon Taxi, jahrzehntelang, und so einen Schmarrn hat mir noch keiner erzählt!« Daraufhin sagt sie: »Ich kann’s Ihnen beweisen!« Sie dreht sich um, zieht den Rock hoch und zeigt mir ihren sauberen Schlüpfer und den ganzen Dreck, der im Rock drinnen war. »Ist schon recht, ich glaub’s dir schon!«, sag ich. Darauf sie: »Wir müssen jetzt zu mir nach Hause in die Nordseestraße, dort müssen Sie kurz warten, bis ich mich umziehe, und wir fahren wieder zurück zur Wiesn.«
»Das geht nicht, den Gestank halte ich bis dahin nicht aus«, sag ich. »Ja, aber wie machen wir das jetzt? Ich hab meinen Eltern nicht mal Bescheid gegeben, dass ich weg bin!« Die Arme war schweiß-überströmt und den Tränen nahe, sie hat mir echt Leid getan.
»Weißt du was, du packst deinen Rock zamm, wir schmeißen den in den Kofferraum, ich gebe dir meine Süddeutsche, und die legst du über den Schoß drüber.« Das haben wir dann so gemacht, und ich habe sie nach Hause gefahren. Beim Aussteigen hat sie den Rock gar nicht mehr angezogen, weil sie einen Zugang zum Haus hatte, wo sie niemand gesehen hat. Sie hat sich schnell gewaschen, umgezogen und ist mit mir wieder zurück zur Wiesn gefahren.
Hans Meissner

»Er begrub den Consulter inklusive Laptop unter sich«

Mitarbeiter von Consultingfirmen erkennt man gleich. Die Herren sind stets in feinen grauen Zwirn mit dezenter hellblauer Krawatte gekleidet. Und selbstverständlich darf auch beim Oktoberfestbesuch der Laptop nicht fehlen.
Um halb zwölf in der Nacht, im für die Taxler größten Rummel des Wiesnabends, hatte mal so ein junger Consulter auf dem Beifahrersitz meines Wagens Platz genommen, seinen Laptop auf den Knien ausgebreitet, die Taxifahrt zu einem Hotel geordert und sich in eine Exceltabelle vertieft. Ich fuhr los in Richtung Osten.

An einer Kreuzung war die Ampel rot, und ich versank einen Moment in meinen Gedanken. Plötzlich wurde ich durch das Geräusch der Beifahrertür aus meiner Entspannung gerissen: Ein sehr bayerischer Herr, mit sehr bayerischer Figur, in sehr bayerischer Lederhose war gerade dabei, es sich auf dem Beifahrersitz bequem zu machen, und nannte mir das Ziel »Ramersdorf«. Dabei schien ihn nicht zu stören, dass ich bereits einen Fahrgast hatte, denn er nahm ohne mit der Wimper zu zucken Platz und begrub so den Consulter inklusive Laptop unter sich. Der folgende Disput war lang, schlussendlich setzte sich aber der Consulter durch. Kurz danach lieferte ich ihn – wenn auch ein wenig verknittert – an seinem Hotel ab.
Roland Arnberger

»Wir fahren los. Er schnarcht. Sie weint«

Erster Wiesnsamstag, 16:30 Uhr. Ich lade am alten Messeplatz vier Italiener aus, die unheimlich lange brauchen, die Taxe zu zahlen. Da sehe ich das Unglück auf mich zuwanken: ein Pärchen in Tracht. Sie stützt ihn. Ich komme nicht mehr davon. »Sind Sie frei?«
Er wird auf den Beifahrersitz gehievt. Gut so, da habe ich ihn unter Kontrolle. Sie schlüpft nach hinten: »Nach Unterschleißheim ins Hotel bitte.«
Wir fahren los. Er schnarcht. Sie weint. Ich eröffne das Gespräch: »Nach vier Stunden schon so dicht.«
»Ja, wir sind heute Morgen um drei in Köln losgefahren. Waren um neun im Hotel. Haben uns umgezogen und waren um elf auf der Wiesn am bestellten Tisch. Heute ist nämlich unser Hochzeitstag. Und dann trinkt der fünf Maß in vier Stunden. Und jetzt, was soll ich denn jetzt machen?«
»Ich kann Sie wieder mit zurücknehmen, wenn Sie wollen.«
»Was soll ich denn allein als Frau auf der Wiesn?«
»Das stimmt allerdings.«
Und sie heult und heult und heult. Er schnarcht und grunzt und schnarcht und grunzt.
»Sie sind ja noch nüchtern?«
»Ich mag kein Bier.«
»Mein Vorschlag: Wir laden Ihren Mann in Ihr Auto. Sie gehen auf Ihr Zimmer, duschen, checken aus und fahren zurück nach Köln. Sie sind dann gegen Mitternacht zu Hause und haben noch einen schönen Sonntag vor sich. Er schläft eh die nächsten sechs Stunden.«
»Ja, so machen wir es. Da vorne steht unser Auto.«
Hilmar Schopf