Was soll das?

Jeder kann seine Texte singen, doch kaum jemand versteht seine Musik. Ein klärendes Gespräch mit Herbert Grönemeyer.

Damals, im Übungsraum in Wattenscheid: Ein paar coole Typen, alle schon 17, 18 Jahre alt, hantieren mit ihren Instrumenten und blicken erwartungsvoll zu dem Jungen aus Bochum hinüber, der vorsingen will. Man einigt sich auf einen Doors-Song, und als die Band anfängt zu spielen, tritt Herbert Grönemeyer, 13, ans Mikrofon. »Ich sprach zwar kein Englisch, aber habe trotzdem da reingeröhrt«, erinnert sich Grönemeyer. »Ich sang damals schon so wie heute.«

Mit diesem Urschrei begann vor fast vierzig Jahren die Laufbahn von Herbert Grönemeyer. Aus dem blonden Jüngling wurde Deutschlands größter Popstar und die Stimme, die einst die Bandmitglieder in Wattenscheid erschauern ließ, schallte im vergangenen Juni um die Welt, als Grönemeyer als Herold des deutschen Pop bei der Eröffnungsfeier der Fußball-WM auftrat. Heute erscheint nun das neue Album 12, Ende Mai beginnt Grönemeyers Stadiontournee, für die bereits mehr als 800000 Tickets verkauft wurden – eine an Erfolgen reiche Karriere steuert somit auf eine weitere Serie von Höhepunkten zu. Wenn man nun fragt, was Grönemeyer so weit nach oben gebracht hat, scheint die Antwort auf der Hand zu liegen: Seine Musik wird es wohl gewesen sein, Lieder wie Männer und Mensch, die zur akustischen Grundausstattung der vergangenen Jahrzehnte gehören. Doch obwohl jeder diese Lieder im Ohr hat und Grönemeyers markanten Gesangsstil, die »Mischung aus Sang und Schrei« (FAZ), parodieren kann, fällt bei näherer Betrachtung auf, wie wenig über seine Musik bekannt ist. Wie entsteht sie? Aus welchen Elementen und Einflüssen ist sie zusammengesetzt? Warum ist Herbert Grönemeyer dauerhaft erfolgreich, während die anderen Deutschrock-Größen der Achtziger inzwischen kleinere Brötchen backen? Was genau will Grönemeyer mit seinen Liedern zum Ausdruck bringen? Es ist auch eine Geringschätzung des Kulturguts Popmusik, dass solchen Fragen trotz Grönemeyers langer Karriere und medialer Allgegenwart kaum nachgegangen wird.

Die kuriose Leerstelle im Zentrum seiner Rezeption bereitet Grönemeyer sichtlichen Verdruss. »Meine Frau hat schon in den Achtzigern beklagt, dass ich immer nur als eine Art Polit-Denker hingestellt werde. Bis heute hat sich wenig geändert. Kein Mensch fragt mich nach meiner Musik.« Nun trägt Grönemeyer eine nicht kleine Mitschuld daran, schließlich macht er Lieder mit politischem Inhalt und äußert sich gern zu Themen wie der Wiedervereinigung und der Armut in der Dritten Welt. Das scheint viele vom Kern der Sache abzulenken. »Die Musik ist für mich das absolut Tragende – meine Lieder leben zu mindestens 80 Prozent von der Musik.« Und die Texte? »Würzsalz, das ich am Schluss darüber streue.«

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Um den Musiker Herbert Grönemeyer zu verstehen, muss man in ihm einen Fan erkennen, der sich jene ursprüngliche Leidenschaft für Popmusik bewahrt hat, die einst am Beginn der Karriere stand. Grönemeyer geht in Clubs, pflegt eine Plattensammlung von mehreren tausend Exemplaren und betreibt eine kleine Plattenfirma für interessante Musik aus verschiedenen Stilrichtungen. »Ich beschäftige mich sogar eher noch mehr mit Popmusik, seit ich in London wohne. In England ist Pop, anders als in Deutschland, eine Art kultureller Grundton. Da wirst du zwangsverpflichtet, dich der Musik zu stellen.«

Immer wieder hat Grönemeyers Fan-Tum zu Wendungen in seiner Karriere geführt. So versuchte er in den Achtzigern, die urbane Hektik der Berliner NdW-Band Ideal auf seinen im Kohlenpott verwurzelten Liedermacher-Rock zu übertragen. Mitte der Neunziger entdeckte er Acts wie Massive Attack und Tricky und pries Drum & Bass als Musik der Zukunft; Einflüsse, die entscheidend waren für das Album Bleibt alles anders, mit dem Grönemeyer 1998 seinen Sound modernisierte. Zahlreiche weitere Elemente aus seinem musikalischen Erfahrungsschatz hat Grönemeyer merklich oder unmerklich in seine Lieder eingewoben, und wer wollte, könnte erforschen, welche Bedeutung die Polit-Rocker Floh De Cologne oder der verschmitzte Liedermacher Ulrich Roski für das Werk Herbert Grönemeyers hatten.

Während sich die Urszene der Karriere in jenem Übungsraum in Wattenscheid zutrug, spielt die Urszene von Grönemeyers Musikbegeisterung in der Bochumer Huestraße – in Charlys Plattenladen. »Da bin ich nach der Schule immer hin. Es gab drei Plattenspieler mit Kopfhörern und man konnte sich die LPs anhören, die einen interessierten – auch wenn man kein Geld hatte, um irgendwas zu kaufen.« Die wenigen Platten, die sich die drei Grönemeyer-Brüder leisten konnten, liefen zu Hause in Dauerrotation, dazu wurde mit einem Telefunken-Tonbandgerät Rockmusik im Radio mitgeschnitten. »Das war eine tolle, wichtige Zeit, weil ich alles aufsaugte und mich mit viel Hingabe mit Musik beschäftigen konnte.«

Als Teenager vertiefte sich Grönemeyer in die Lieder von Leonard Cohen, Elton John und Bob Dylan; am folgenreichsten erwies sich jedoch die Begegnung mit der Musik von Randy Newman. Auf den ersten Blick scheint der Zyniker mit dem Schildkrötengesicht rein gar nichts mit schunkeligen Mitgröl-Hymnen wie Kinder an die Macht gemeinsam zu haben. Andererseits ist auch klar, welche Gemeinsamkeiten der junge Herbert Grönemeyer zwischen sich und Randy Newman sah: Hier war ein Musiker, der abseits der gängigen, Blues-dominierten Rockschemata komponierte, trotz seiner sperrigen Stimme Erfolg hatte und dabei Klavier spielte. So wurde Newman zum lebenslangen Vorbild.

Mit neun Jahren bekam Herbert Grönemeyer Klavierunterricht. »Ich genoss eine typisch gutbürgerliche Klavierausbildung, habe aber nie viel geübt. Stattdessen habe ich relativ schnell angefangen, mich selbst beim Singen zu begleiten – sehr reduziert, auf meine Art und Weise.« Die Folgen sind bis heute zu hören: Das Klavier prägt Grönemeyers Kompositionsstil, Tasteninstrumente dominieren den Klang seiner Band. Besonders markant – und zwiespältig – war die Vorherrschaft des Keyboards in den Achtzigern, als Grönemeyer seine Platten in gnadenloser Fortschrittseuphorie mit schrillen Synthie-Akkorden übertünchte. Heute perlt das Arpeggiospiel der rechten Hand durch seine Musik und veredelt die Stücke mit kurzen, einprägsamen Melodie-Passagen.

Klavierspielen und Singen sind nicht nur Grönemeyers Beruf, sondern auch ein wichtiger Teil seines Alltags. »Zwischen Schreibtisch und Kleiderschrank steht ein kleines Roland-Klavier. Wenn ich dort vorbeigehe, setze ich mich hin, haue drauf rum und singe. Ich singe halt unglaublich gern. Manisch! Meine Kinder machen sich schon darüber lustig.« An einem normalen Tag setzt sich Grönemeyer mehrmals für eine halbe Stunde oder Stunde ans Klavier. Fremdmaterial spielt er dabei nicht mehr, stets sind es eigene Musikideen, die er ausprobiert. »Wenn mir etwas gefällt, eine halbe Strophe oder so, singe ich das in einer Endlosschleife, zum Leidwesen meiner Zeit-genossen.« Dabei ist Grönemeyer von professionellem Kalkül motiviert, aber auch vom ursprünglichen Glücksgefühl, das das Musizieren hervorruft. »Musik bringt die Seele zum Klingen«, sagt er.

In einem oft langwierigen Prozess wird so aus einzelnen Puzzlestücken das musikalische Gerüst der Songs zusammengesetzt. Zur harmonischen Überformung der Melodien benutzt Grönemeyer gelegentlich den Chorsatz, eine aus der klassischen Musik bekannte Kompositionstechnik, die er sich während eines einjährigen Intermezzos an der Musikhochschule Köln aneignete. Die Texte bestehen zu diesem Zeitpunkt allerdings noch aus englischem Kauderwelsch. »Man glaubt gar nicht, wie unterschiedlich das klingt, wenn ich Englisch oder Deutsch singe. Deutsch singt man vorn im Mund, weil man schnell diese ganzen Silben und Kon-sonanten formen muss. Englisch kann man entspannt im Hals gurgeln.«

Auf Platte und auf der Bühne ist dann jede Form von Entspanntheit aus Herbert Grönemeyers Gesang verschwunden und das Gegenteil tritt hervor: totale, den Hörer nahe-zu physisch bedrängende Überspanntheit. »Ich bin ein bis zur Nervgrenze leidenschaftlicher Sänger. Selbst zu Hause singe ich mit einer unglaublichen Inbrunst. Das hat damit zu tun, dass ich immer unter Druck stehe.« Grönemeyers Gesangsstil ist unverwechselbar. Und er polarisiert. Wie Grönemeyer in den Achtzigern mit hoher, manchmal quiekender Stimme schwer verständliche Wortsalven herauspresste, sich am druckvollen Stakkato seines Ausdrucks euphorisierte, begeisterte seine Fans, war aber für viele andere schwer erträglich. Inzwischen ist seine Stimme tiefer geworden, doch die energetische Phrasierung und der blecherne Schrei bestimmen immer noch das Klangbild. Jenseits von Geschmacksfragen muss man allerdings anerkennen, dass Grönemeyers Gesangsstil, so wie beispielsweise das Knattern des VW-Käfers, zu den bedeutenden akustischen Signalen der Bundesrepublik gehört. Der US-Bundesstaat Michigan hat die Stimme der Soul-Sängerin Aretha Franklin 1985 zum nationalen Kulturgut erklärt, Grönemeyers Stimme verdiente im deutschen Klangmuseum, wenn es denn eines gäbe, einen Extraraum.

So ist es letztlich der Gesang, der die verschiedenen Phasen von Grönemeyers Kar-riere verbindet und unterschiedliche musikalische Einfälle zusammenhält. Stets ver-leihen Grönemeyers ehrlich arbeitende Stimmbänder den Liedern jene emotionale Authentizität, welche auch die Texte transportieren. Auf dem neuen Album 12 nutzt Grönemeyer ebenfalls den Gesang, um widerstrebende Elemente auszubalancieren. Zum einen sind mehrere Songs, zum Beispiel die Single Lied 1 – Stück vom Himmel, mit opulenten Streicherarrangements an der Grenze zum Kitsch verziert. »Das war für mich ein Wagnis, mit Streichern so an die Kante zu fahren«, gibt er zu. Andererseits enthält die Platte zwei Lieder, in denen elegant fiepende Synthis an die New Wave der frühen Achtziger erinnern, eine Stilistik, die Grönemeyer damals weit verfehlte. Doch sobald die Stimme – die Essenz von Grönemeyers Sound – ertönt, schnurren die Unterschiede zu einem vertrauten Gleichklang zusammen.

Vor sieben Jahren gab Grönemeyer eine Acht-CD-Box zur Geschichte der deutschen Popmusik heraus. Im Zuge der Recherche durchforstete er diesen Musikwust nach Gemeinsamkeiten. »Spezifisch deutsch ist dieses mechanisch-ingenieurhafte Element«, erkannte er, »das vom Krautrock über die Neue Deutsche Welle bis zu Techno führt.« Die angloamerikanische Jazz- und Pop-Musik wurzelt generell im Blues; die verschlungene Intonation, der gefühlvolle, unpräzise und zutiefst individuelle Ausdruck der Bluessänger prägen bis heute sämtliche nachfolgenden Stile. Doch in Deutschland gibt es keinen Blues. »Diese Zeit ist aus unserer musikalischen Sozialisation ausgeklammert. Da haben wir Krieg geführt und uns danach wieder spießig zusammengesammelt.«

Als Dylan- und Doors-Fan kam Grönemeyer frühzeitig mit dem Blues in Kontakt. Doch von Anfang an beeinflussten ihn auch die Auseinandersetzung mit der Klassik und seine frühen Jahre am Theater. Noch vor dem Abitur war er musikalischer Leiter des von Peter Zadek geführten Bochumer Schauspielhauses und komponierte Musik für Shakespeare-Stücke; sogar in der Johann-Strauß-Operette Die Fledermaus trat er auf. Diese Palette an musikalischen Erfahrungen kam ihm zugute, als er seinen eigenen Stil suchte und sich aus einer Mischung von Instinkt, Klugheit und nüchterner Selbsteinschätzung heraus im Lauf seiner ersten vier Platten von den damals noch vorhandenen Blues-Elementen löste. Zwar verfügt seine Musik nicht über den mechanisch treibenden Rhythmus, den er als deutsches Spezifikum erkannte; dennoch ist sie durch den Gesangsstil, den zackigen Ausdruck und die Betonung des Klaviers und der klassischen Kompositionstechnik unzweifelhaft in diesem Land verwurzelt. Grönemeyer ist das Kunststück gelungen, mit den technischen Mitteln des Rock eine Musik zu schaffen, die spezifisch deutsch ist, dabei aber nicht schroff und experimentell, wie der Krautrock, sondern in höchstem Maße massentauglich.

So deutsch die Musik, so deutsch sind auch die Texte. Auf 12 singt Grönemeyer über Politikverdrossenheit und den Missbrauch von Religion; die reife Emotionalität, mit der er auf dem Album Mensch den Tod seiner Frau verarbeitete, ist auf der neuen Platte zu finden, ebenso wie ein Lied aus der Vaterperspektive (Zieh deinen Weg), das die Kinder fürs Leben stärken möchte. Unter dem poetischen Firnis verbirgt sich dabei eine fast schon sozialdemokratische Vernunft. Grönemeyer hat den großspurigen Gestus der Auflehnung, der einst zum Pop gehörte, komplett abgelegt. Stattdessen präsentiert er sich verständnisvoll, gebildet und bescheiden – ein Künstler, der seine Kraft nicht aus Brüchen zieht, sondern aus der Heilung derselben.

Ein besserer Repräsentant unserer aufgeklärten, recht sympathischen, aber ziemlich unglamourösen Konsensrepublik wäre kaum denkbar.

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