»Ich bin inzwischen einer der wenigen, der noch als unverwechselbare Figur durchgeht«

Helge Schneider im Interview über seine lebenslange Jazz-Begeisterung, den neuen Sound seiner Band, die Ära der großen Jazz-Individualisten und die Bedeutung des Humors in der Musik.

Unverwechselbar? Ganz ohne Zweifel! Ein gut gelaunter Helge Schneider präsentiert Dollar-Halskette und Brustbehaarung.

Foto: Sony Music

Es ist schon vier Jahre her, dass zum letzten Mal ein Studio-Album von Helge Schneider erschien. Nach den Ursachen für diesen spärlichen Ausstoß befragt, redet er nicht um den heißen Brei herum: »War zu faul.« Genauso ist es mit Filmen und Büchern: Auch hier erscheinen weniger Helge-Schneider-Werke als früher. Umso intensiver widmet er sich dafür seiner Bühnenshow. Mehrere Monate im Jahr geht Helge Schneider auf Tour, seine Konzerte wurden auf den Live-Alben Akopalüze Nau (2007) und Das Köln Konzert (2010) dokumentiert; diese Woche erscheint nun seine erste Live-DVD Komm hier haste ne Mark (Sony).

Schneider war schon immer ein mitreißender Performer, aber in den letzten Jahren hat er sich neu erfunden: Seit er mit einer kompletten Band auftritt, hat er selber wieder mehr Spaß am Musik machen und improvisiert jeden Abend ausführlich und auf höchstem Niveau auf Klavier, Trompete, Saxophon, Vibraphon, Gitarre und anderen Instrumenten. Dabei entsteht eine einzigartige Form von Unterhaltungsjazz, in der Parodie und Humor kein Widerspruch zu Seele und Tiefgang sind. Schneider gilt in der Öffentlichkeit aber weiterhin als Komiker, so dass dieser subtile Wandel seiner künstlerischen Ausrichtung vielen verborgen geblieben sein dürfte. Ich habe deshalb mit ihm ausführlich über seine Liebe zum Jazz und sein Verständnis dieser Musik gesprochen.

Helge Schneider, nach Jahrzehnten im Showgeschäft kommt nun Ihre erste Live-DVD Komm hier haste ne Mark heraus. Bedeutet das, dass Sie auf der Bühne gerade so gut sind wie noch nie?
Nö. Ein bisschen habe ich mich breitschlagen lassen. Die Leute haben immer wieder nach so etwas gefragt.

Und Sie sagten irgendwann, also gut, dann bekommt ihr jetzt so ein Ding?
Hinzu kam, dass ich eine DVD von Sammy Davis Jr. angesehen habe. Der ist schon lange tot, und ich habe gemerkt, dass es eigentlich doch ganz schön ist, der Nachwelt so ein Dokument zu hinterlassen.

Wie finden Sie denn nun Komm hier haste ne Mark?
Ist gut geworden. Zum Glück nicht so professionell wie bei Sting oder Michael Jackson. Ich hatte nichts mit der Filmcrew abgesprochen, das ist manchmal ganz gut.

Wie hat sich Ihre Bühnenshow in den letzten Jahren verändert?
Die Musik steht wieder mehr im Vordergrund. Auch deshalb, weil ich jetzt gelegentlich mit meinem Gitarristen übe, was ich früher nie gemacht habe.

»Der Sound, den ich am Klavier habe, ist ein Krüllschnitt aus Thelonius Monk, Earl Hines, Count Basie und Richard Claydermann«

Anders als in den Neunzigern treten Sie seit einigen Jahren mit einer kompletten Band auf.
Ja, damals gab es meist nur eine Minimalbesetzung mit Buddy Casino an der Farfisa-Orgel und Peter Thoms am Schlagzeug. Peter ist ein ganz toller Schlagzeuger, aber mit einer so kleinen Besetzung hat man naturgemäß nicht so viele Möglichkeiten. Dadurch wirkte es manchmal so, als könnten wir eigentlich gar nicht Musik machen – wie eine Farce.

Zu Zeiten Ihres Hits »Katzeklo« wurden Sie als genialer Dilettant gefeiert.
Die Leute haben gedacht: Ist ja super, so richtig scheiße! Der macht mit Scheiße Geld. Das lag aber nur an der Art, wie wir die Lieder gespielt haben, nicht an den Kompositionen selbst. Wenn ich heute Lieder von damals singe, klingen die ganz anders. Weil ich inzwischen erkannt habe, dass ich die improvisierte Jazzmusik, die ich damals eher nur für mich gespielt habe, auch bei meinen Shows auf die Bühne bringen kann.

Ihre Band hat einen phänomenalen Swing.
Klar, das ist ganz wichtig für mich. Auf der aktuellen Tour, die seit Februar läuft, klingen wir sogar noch etwas ruppiger als auf der DVD, wahrscheinlich liegt es nur an einem anderen Schlagzeuger. Jeder neue Mann bringt einen ganz anderen Sound mit in die gesamte Kapelle.

Warum haben Sie eigentlich seit ein paar Jahren Stücke von Duke Ellington im Programm?
Dessen Musik ist für mich einfach weltbewegend. Vor allem seine frühen Stücke aus den Zwanzigern. Kurz vor seinem Tod, Anfang der Siebziger, war er dann nochmal in Berlin beim Jazz-Festival. Da habe ich ihn im Fernsehen gesehen. Er war auch vom Typus sehr beeindruckend, wie er sich präsentiert hat, auf so eine mysteriöse Art, mit seinen öligen, nach hinten gekämmten Haaren. Eine tolle Figur.

Er hat das Kunststück geschafft, sehr avancierte und zugleich sehr populäre Musik zu machen.
Er hatte aber auch das Glück, in einer Zeit groß zu werden, in der auf die Musik noch getanzt wurde. Genau wie Louis Armstrong und Count Basie. Ich fand die Big Band von Count Basie eigentlich immer besser als die von Duke Ellington, weil sie viel schärfer war. Ellington war mir manchmal zu rhapsodisch und zu sehr an seinen raffinierten Kompositionen interessiert. Aber jetzt im Alter muss ich sagen: Manche Stücke von Duke Ellington stehen da wie Felsen in der Landschaft – die kannst du spielen, wie du willst, es hört sich immer nach Ellington an. Auch wenn du ein Scheißmusiker bist.

Louis Armstrong, immerhin der wichtigste Jazzmusiker aller Zeiten, hat höchst anspruchsvolle Musik mit viel Humor auf die Bühne gebracht. Da ist es doch verwunderlich, dass viele Leute immer noch einen Widerspruch zwischen Jazz und Unterhaltung sehen.
Solche Widersprüche werden auch künstlich hergestellt, um irgendwas zu vernebeln. Oder um Geld zu verdienen. Da heißt es dann, das Leben dieses Mannes war eine Tragödie, deshalb muss man jetzt die Schallplatte kaufen. Dabei gibt es viele Jazzmusiker, bei denen der Spaß an der Freude nicht zu übersehen ist. Bei Lionel Hampton war das selbst im hohen Alter noch so. Auch Miles Davis hatte Humor. Selbst bei jemandem wie Alfred Brendel höre ich in der Musik ein humoristisches Element, ohne deshalb weniger ergriffen von seinem Mozart zu sein. Die Figur, die diesen Riesenflügel bedient – das ist schon ein Unikum. Sieht lustig aus, gerade auch durch diese gewollte Ernsthaftigkeit. Aber es ist ja ein Mensch der da sitzt. Oder Glenn Gould am Klavier. Irre komisch! Wie der Bach gespielt hat – völlig affenartig. So etwas sehe ich. Ich finde es ganz wichtig, dass man Musik auf diese Art begreift.

Auf der DVD fand ich die Passagen am eindrücklichsten, bei denen Sie lange Soli spielen und völlig in der Musik, im Klang aufzugehen scheinen.
Ja, das sind für mich die schönsten Momente. Ich improvisiere dann irgendwohin. Aber ich achte darauf, dass es nicht zu lange dauert. Oder ich mache es so lange, bis es nervt.

Bei »Mood Indigo« spielen Sie zum Beispiel ein ausgedehntes Vibraphon-Solo. Ist das alles komplett improvisiert, jeden Abend?
Eigentlich schon. Ich denke mir ja kein Programm aus, das dann so bleibt; meine Musik lebt weiter. Das Vibraphon-Solo ist mal länger, mal weniger lang. Ich habe gegen Ende auch einen Break, wo ich total rumfantasiere, in Trance auf dem Instrument rumhaue. Das kann kürzer oder länger geraten. Oder auch mal ausfallen.

Ist Jazz eine Lebenseinstellung?
Ja, kann man so sagen. Für mich ist Jazz eine Lebensweise: improvisieren, aber auf ein Schema. Also kein Free Jazz. Ich finde es allerdings schwierig, so eine Lebenseinstellung mit Worten zu beschreiben. Dazu ist das Thema eigentlich zu komplex.

Würden Sie sich wünschen, dass in Deutschland mehr Jazz gespielt wird?
Ich fände es gut, wenn du das Radio anmachst, und dann läuft immer Count Basie. Radio an – Count Basie. Fernsehen an – Count Basie. Dann gäbe es bestimmt nicht so viele doofe Leute.

Nun gibt es zwei populäre Jazzmusiker in Deutschland, Roger Cicero und Till Brönner. Was halten Sie von denen?
Ich sage weiter: Radio an – Count Basie. Nein, ich will mir da kein Urteil erlauben. Ist ja immer auch Geschmackssache. Wer die Art liebt, wie Till Brönner Trompete spielt, sollte sich vielleicht mal Chet Baker anhören. Ich habe Chet Baker zweimal live gesehen. Einmal in der Grugahalle, wo aber nur 150 Leute waren, weil der Veranstalter keine gute Werbung gemacht hatte. Vor dem Konzert saß Chet Baker an der Seite und hat die Szenerie beobachtet. Da habe ich mich extra in die Nähe gesetzt. Beim zweiten Mal spielte er in einem Club, da hatte er weiße Damensandaletten an. Im Winter. Er sah schlecht aus, hat aber toll gespielt. Die ganzen Jazzexperten haben gesagt, das wäre nichts mehr. Ich habe gedacht: Leckt mich am Arsch, ich finde den gut.

Wieso haben Sie die Nähe von Chet Baker gesucht? Wollten Sie seine Aura aufsaugen?
Wahrscheinlich schon. Dasselbe habe ich mal bei Roland Kirk gemacht, bei einem Jazzfestival in der Westfalenhalle. Da saß der nämlich in der ersten Reihe und nahm alles auf, mit einem kleinen Tonbandgerät. Ich habe mich neben ihn gesetzt und den Rauch von seinem riesigen Joint eingeatmet. Das werde ich nie vergessen.

Beim Jazz kommt es auf den eigenen Ton an. Wie findet man den?
In meinen jahrzehntelangen Erfahrungen mit dem Saxophon habe ich herausgefunden: Der Ton kommt, wann er will. Er kommt von innen, aus dem Menschen heraus. Und nicht, weil du ein bestimmtes Mundstück bläst oder ein bestimmtes Blatt.

Bei Ihnen trägt der Humor viel zur Unverwechselbarkeit Ihres Tons bei, finde ich.
Der Sound, den ich am Klavier habe, ist ein Krüllschnitt aus Thelonius Monk, Earl Hines, Count Basie und Richard Claydermann. Leider. Thelonius Monk finde ich einfach unheimlich gut. Wenn mir mal was gelingt, was nach ihm klingt, freue ich mich unheimlich. Aber dann klingt es doch wieder schnell nach mir.

Die Jazzmusiker, die Sie als Ihre Vorbilder bezeichnen, sind alle schon lange tot. Müssen wir uns darauf einstellen, dass die Ära der großen musikalischen Individualisten vorüber ist?
Dieses Gefühl beschleicht mich leider des öfteren. Ich bin inzwischen selbst einer der wenigen, der noch als unverwechselbare Figur durchgeht. Ein Außenseiter. Aber Außenseiter werden in unserer Gesellschaft immer unbeliebter. Die werden höchstens durch die Hintertür eingelassen.

Sie haben in den Nullerjahren nur zwei Studioalben gemacht. Warum eigentlich?
War zu faul.

Schade!
Vielleicht mache ich bald wieder eine Platte. Ich bin im Moment am Umbauen und werde meine Tonbandmaschine aus dem ersten Stock nach unten bringen, in die Garage. Da wird sich dann in nächster Zeit etwas abspielen.

Die Platten, die Sie in den Neunzigern in Ihrem Heimstudio aufgenommen haben, bestechen auch durch den tollen Sound.
Das liegt daran, dass ich durchweg Röhrenmikrofone und eine Zwei-Zoll-Bandmaschine benutzt habe. Das hört man natürlich, auch wenn die Aufnahme dann auf CD gepresst wird. Ich hänge ja immer noch an der Rille. Aber ich darf meine Alben inzwischen nicht mehr auf LP herausbringen. Zu teuer, heißt es!

Ihre alten LPs sind inzwischen Sammlerstücke.
Meine erste Schallplatte entstand ja auch schon 1975, als ich 17 war. Damals hatte ich ein Klaviertrio zusammen mit Kai Kanthak und Mash Temme. Wir haben einen von Ikea veranstalteten Jazzwettbewerb gewonnen, daraufhin durften wir in einem Studio in Düsseldorf eine Seite einer Schallplatte aufnehmen. Dort stand ein Flügel, auf dem angeblich schon Oscar Peterson gespielt hatte. Da war ich natürlich hocherfreut, mit 17 Jahren. Wir erhielten 600 Stück von dieser LP, die haben wir aufgeteilt, jeder bekam 200, und von diesen 200 ist noch eine übrig. Die anderen habe ich alle verschenkt.

Was für Musik wird auf Ihrem nächsten Album zu hören sein?
Ich glaube, das wird eine Jazz-CD. Ich spiele in letzter Zeit wieder sehr viel Hammond-Orgel; das ist eines meiner Lieblingsinstrumente. Wenn man den richtigen Sound findet und sie gut spielen kann, dann geht das total ab. »Katzeklo« habe ich im Original nur mit Hammondorgel und Gesang aufgenommen. Und das ist irgendwie gut geworden.