Kann man heute noch Optimist sein?

Vor gar nicht langer Zeit sah die Zukunft noch einigermaßen rosig aus. Und jetzt?

Die Geschichte unseres Landes ist, wie jeder weiß, geprägt von zwei großen Organisationen, der Vereinigung deutscher Optimisten (VdO) einerseits, dem Pessimisten-Bund (PB) andererseits. Während aber nun der PB (entstanden aus dem Zusammenschluss so unterschiedlicher Organisationen wie dem Schopenhauer-Ring, der Gesellschaft zur Förderung von German Angst, dem Verein Früher war alles besser, der November-Liga sowie den »Freunden des Niedergangs«) sich jüngst unter dem provozierenden Motto »Alles Scheiße« zu einer die Schlagzeilen beherrschenden, machtvollen Jahrestagung in der noch uneröffneten Abflughalle des Berliner Flughafens zusammenfand, ist die jüngste Geschichte des VdO bestimmt von Flügelkämpfen, Austrittswellen und Unversöhnlichkeit.

Dabei blickt der Verband auf eine große Geschichte zurück. Gegründet 1946, vor siebzig Jahren also und übrigens an einem herrlichen Frühlingsvormittag, dem selbstverständlich ein noch schönerer Nachmittag folgte, traf man mit den damals beschlossenen zukunftsfrohen Leitsätzen des Bad Schwürbelbacher Programmms einen Nerv der Zeit: Nach der Katastrophe des Krieges könne es nur aufwärtsgehen, so der Kern der Thesen, die durch die folgende Geschichte immer wieder bestätigt wurden: Sieg bei der Fußball-WM 1954, Wirtschaftswunder, ein erfolgreicher demokratischer Staat, bis hin zum Schlüsselereignis des Mauerfalls, einem alle Optimisten im Innersten bestätigenden Ereignis, dem die Gründung zahlreicher Landesverbände in den neuen Ländern folgte. Danach: das Sommermärchen 2006, zum Beispiel.

Wer hätte gedacht, wie rasch die Optimisten-Funktionäre vor den Trümmern ihres Werkes stehen würden?! Heute, nach dem Brexit und der Wahl Trumps, wenden die Menschen dem VdO in Scharen den Rücken, der Landesverband Sachsen besteht nur noch aus einem 75-jährigen Einsiedler im Erzgebirge. Was wurde aus der einst wöchentlich in Millionenauflage erscheinenden Verbandszeitschrift Der Optimist? Bloß noch eine unregelmäßig aktualisierte Internetseite. Der VdO selbst? Gespalten in Realos und Fundis, wie die Grünen, nur schlimmer.

Im Bundesvorstand wurde nun heftig ein Blog-Beitrag des amerikanischen Autors Tobias Stone debattiert, der vor der Wahl in den USA auf der amerikanischen Seite medium.com erschienen war. Stone vertrat dort die These, die menschliche Geschichte verlaufe kreisförmig: Phasen des Friedens und Wohlstands folgten immer Zeiten totaler Zerstörung, das sei unausweichlich, eine Art Gesetz. Denn das historische Gedächtnis der meisten Menschen reiche nicht weiter als fünfzig bis hundert Jahre zurück, bis zu den eigenen Großeltern; sie vergäßen, dass Katastrophen möglich seien, und spielten mit dem Feuer. So auch jetzt.

So etwas dürften Optimisten nicht einmal denken, brachten die hauptamtlichen Vorstands-Fundamentalisten vor, Berufs-Optimisten allesamt: Gerade jetzt gelte es, positiv gestimmt zu sein! Die Realos hingegen argumentierten, der Artikel sei ein Weckruf: Liberale und Anständige dürften sich nicht spalten lassen, sie dürften nicht den wütenden Botschaften der Populisten nur mit Tatsachen und Logik begegnen, sie müssten Leidenschaft zeigen, sich der sozialen Medien bemächtigen, ihre geschlossenen Gruppen verlassen, nicht mehr einfach unter sich bleiben, sondern die soziale Spaltung überwinden. Das sei doch eine optimistische Botschaft, die einzig mögliche überhaupt jetzt.

Die Sitzung endete mit einer Niederlage der Realo-Fraktion, die stets die Auffassung vertrat, das Gute sei nur im Kampf erreichbar. Gesiegt haben die Fundamentalisten, deren Anführer unter dem Titel Die Sonne ist auch heute Morgen aufgegangen ein Pamphlet veröffentlichte, dessen Hauptthese lautet, nichts werde so heiß gegessen, wie es gekocht wurde, und es werde schon alles nicht so schlimm.

Die Realos verließen geschlossen den Verband, während die Fundis ihnen hinterherriefen, das sei ganz prima so.

Illustration: Dirk Schmidt

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