Das geheime Leben der Häuser

Hat der Förster Wohlleben noch einen Bruder, der Architekt ist? Denn der Tag ist nicht mehr fern, an dem man beim Lauschen an der Wand den Puls des Betons hören wird.

Illustration: Dirk Schmidt

In der Architektur gibt es eine Stilrichtung, die man Brutalismus nennt, was schlimmer klingt, als es gemeint ist. Das Wort bezieht sich auf den französischen Begriff béton brut, roher Beton also oder eben: Sichtbeton. Die Brutalisten, die ihre Gebäude vor allem in den Fünfziger- und Sechzigerjahren errichteten, wollten sinnlich, kraftvoll, ehrlich, authentisch bauen – und das nicht unbedingt nur mit Beton. Im englischen Badeort Hunstanton gibt es eine 1954 fertiggestellte Schule aus Ziegelsteinen, bei der die Versorgungsleitungen offen sichtbar sind. Aber bekannter ist natürlich, was Le Corbusier machte und auch, was sich rund um den Globus an monströsen Betonkolossen findet, deren Baumaterial nach Jahrzehnten bisweilen grau-schimmelig oder algig-grün anmutet und in der schieren Masse bedrohlich.

Jedenfalls hat Beton aus jener Zeit sein schlechtes Image: lebensfeindlich, gigantisch, hässlich, finster, tot. Um so aufmerksamer ist man, wenn dieser Tage in der Weltpresse Überschriften dieser Art auftauchen: Wissenschaftler erzeugen lebenden Beton.

Mein lieber Scholli!

Wir sind allerhand gewohnt, sprechende Autos, selbstständig agierende Rasenmäher. Neuerdings produziert man Schweinefleisch aus Pflanzen.

Aber béton vivant, das ist … also … Was bedeutet das?

Laienhaft ausgedrückt: Wil Srubar und seine Leute von der University of Colorado Boulder siedelten auf einem speziellen Baustein Bakterien an, die Kalk produzieren. Zerbrach man nun den Baustein, wuchs er mit Hilfe der Bakterien selbstständig wieder zu einem vollständigen Stein heran. Der Internetseite baustoffwissen.de entnahm ich, dass schon vor Jahren der Mikrobiologe Hendrik Jonkers in der niederländischen Stadt Delft Bakterien der Gattungen Bacillus pseudofirmus und B. cohnii in den Baustoff setzte, worauf sich Risse wie von selbst schlossen: selbstheilender Beton.

Jonkers hatte die Idee zum Beispiel aus der Beobachtung von Oktopussen gewonnen, denen abgeschnittene Tentakel nachwuchsen. Ließe sich sein Gedanke weiterentwickeln, könnte man Baumaterial durch deutlich weniger Verbrauch von CO2 herstellen, was großartig wäre, denn die Herstellung von Beton verursacht sechs bis neun Prozent aller menschengemachten Kohlendioxid-Emissionen. Ein Haus würde nicht mehr aus herbeigekarrtem Stein errichtet, sondern an Ort und Stelle aus dem Boden wachsen.

Ein wenig schaudernd fragt man sich jedoch: Ist die Angelegenheit kontrollierbar? Man stelle sich vor, einer der bereits bestehenden Betonkraken, das Barbican Centre in London, das Offenbacher Rathaus oder die Torre Velasca in Mailand, wüchsen einfach weiter, kröchen in die umgebenden Straßen hinein, überwucherten die Nachbarhäuser. Oder die Bakterien (vielleicht sogar im von mir bewohnten Gebäude) wären von nicht mehr zu stillendem Appetit, sie schrien quasi vor Hunger. Täglich müssten die Bewohner Bakterienspeisen in eine Art Futterklappe kippen, um ihr Heim zu ernähren, es zum Schweigen zu bringen, seinen Zusammenbruch aus Schwäche zu verhindern. Und dann stünde vielleicht mitten im Wohnzimmer plötzlich eine Wand, die niemand wollte, die sich aber wie ein Geschwür langsam aus dem Mauerwerk schöbe.

Hat der Förster Wohlleben noch einen Bruder, der Architekt ist? Das geheime Leben der Häuser, es wäre das Werk der Stunde, was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt. Leg dein Ohr an die Wand, lieber Freund, hörst du es pochen? Nein, das ist nicht das Klopfen des Doppelhaushälftennachbarn, es ist der Betonpuls, das leise Wummern des Lebens tief im Stein, also streichle die Tapete, liebkose das Gemäuer. Denn bedenke: Beton kann brutal sein, ja, brutalistisch, und es gilt, ihn zu besänftigen.