Schnee von gestern

Mit dem Industriestandort Deutschland sieht es düster aus. Die Lösung kann, wie unser Kolumnist glaubt, nur bei einem Rohstoff liegen, der derzeit immer knapper wird.

Illustration: Dirk Schmidt

Als neulich ein Biathlon-Weltcup­rennen in Oberhof/Thüringen stattfinden sollte, dort aber weder natürlicher Schnee vorrätig war noch künstlicher Kanonenschnee hergestellt werden konnte (es war viel zu warm), ließ der Veranstalter lastwagenweise Schnee herbeischaffen – dies aber nicht von den Gipfeln der Alpen oder via Schiff aus Grönland.

Sondern aus Gelsenkirchen.

Dort hatte es zuvor in einem sonst dem Fußball vorbehaltenen Stadion ebenfalls eine Biathlon-Veranstaltung gegeben, für die natürlich auch kein Schnee vorhanden gewesen war, woher denn, in Gelsenkirchen? Deshalb hatte man den Schnee im »Alpenpark Neuss« gekauft, einer seit rund zwanzig Jahren bestehenden Skihalle, in der man das ganze Jahr über Ski fahren und rodeln kann. Der dazu notwendige Schnee wird in den Räumlichkeiten künstlich produziert, jeder kann ihn kaufen. Unter der Rubrik Take away, Schnee für Dein Event bietet man den Kubikmeter zurzeit für 80 Euro an, ab 20 Kubik gibt es Mengenrabatt. Räumkosten fallen später nicht an, Schnee schmilzt ja von alleine oder geht eben secondhand nach Oberhof, als Gebrauchtschnee.

Seltsam, nicht wahr? Die naheliegende Reaktion auf die Tatsache, dass es, bedingt durch den Klimawandel, immer weniger Schnee gibt, wäre doch, auf Schnee basierende Sport­arten abzuschaffen oder einzuschränken. In Nordnorwegen liegen die Leute im Januar auch nicht in der Sonne, die scheint nun mal nicht. Stattdessen hat man das Gefühl: Je weniger Winter, desto mehr Wintersport! Biathlon in Gelsenkirchen, es ist irre. Offenbar lassen sich die Menschen ihre Sehnsucht nach Schnee nicht abgewöhnen, nein, der Mangel verstärkt sie! Ich habe den Verdacht: Die Zukunft des Kunstschnees hat erst begonnen.

Denn es ist ja nicht einzusehen, dass nur Biathlon-Veranstalter Schnee haben, wenn sie ihn brauchen. Auch der gemeine Reihenhausbesitzer möchte winters in einen schneebedeckten Vorgarten blicken, in dem seine Kinder einen Schneemann bauen, während der Nachbar mürrisch ins Graubraune starrt. Hier bieten sich seit Längerem kleine, im Winternet, äh, Internet erhältliche Schneemaschinen an. Wer die Mühe mit solchen Geräten scheut, könnte einen gewerblichen Beschneier engagieren, der das Häuschen in kalter Nacht in eine tief verschneite Berghütte verwandelt. Nachbarneid ist garantiert, die mittelständische Wirtschaft profitiert.

Zweifellos wird aber auch die Industrie groß in die Schneeproduktion einsteigen. Je miserabler die Perspektiven der Autohersteller sind, desto mehr wird es bei den Pkw-Bauern freie Hallenkapazitäten für Kristallfabriken geben, in denen Schnee in Markenqualität hergestellt werden kann, vom luxuriös-sahnigen Daimlerschnee mit Mercedes-Stern-Flocken zum Volkswagenschnee für die breite Masse hin zum sportlich-griffigen BMW-Schnee in gehobenen Villen-Vororten. Auch Bio-Schnee wird seinen Platz finden, vielleicht sogar als Flugware aus Chile, wie Himbeeren im Supermarkt. Langnese denkt gewiss über eine eigene Schneemarke nach, Regionalschnee aus der Tiefkühltruhe bei Edeka könnte den Balkon in tiefen Winter versetzen.

Die Zukunft des Landes: Schneefabrikation!

Altschnee, Schnee von gestern und Schmelzwasser werden gesammelt, in Schneefabriken wiederaufbereitet und in Neuschnee verwandelt, eine Kreislaufwirtschaft wie beim Altpapier. Sollte man nicht überhaupt gleich versuchen, aus Altpapier Schnee zu machen? Weiß eingefärbte Kartonagen, Zeitungen von gestern und vorgestern, alles sorgsam geschreddert, geflockt und übers Land hinausgerieselt, nicht umsonst spricht man bei manchen Schneequalitäten von Pappschnee, also: Auf alten Texten wie diesem hier wäre gut rodeln. Das ermöglicht den Winterurlaub daheim und spart die Auto­fahrt in die Alpen. Klimaneutral ist die Sache also auch.