Nachbessern

Was bleibt von der ganzen Aufregung um Gerhard Schröders Memoiren, der Kritik an seiner Nachfolgerin, seinem letzten Auftritt als politischer Machtmensch? Im Wesentlichen ein Satz aus seinem Spiegel-Interview – das doch sehr knappe Fazit einer siebenjährigen Amtszeit: »Wenn es eines gibt, was man vielleicht lernen kann, dann dass dieser sehr abfällige Begriff der Nachbesserung eigentlich ins Positive gekehrt gehört.« Wer ein komplexes Reformwerk in der Gesellschaft durchsetzen wolle, so der Exkanzler weiter, müsse nun einmal mit dem Auftauchen von Fehlern rechnen – und diese dann auch korrigieren dürfen, ohne gleich als »schlechter Handwerker« diffamiert zu werden. Das kann man also lernen. Vielleicht. Wenn überhaupt.Was hier einigermaßen kläglich klingt, enthält bei genauerem Hinsehen eine tiefe Wahrheit. Denn es ist ja richtig: Der Vorgang des Nachbesserns verbindet sich hierzulande mit dem Versager im Blaumann, der beim Anschluss der Toilette gepfuscht oder aus Versehen eine tote Katze mit eingemauert hat – und anschließend gezwungen wird, die Sauerei auf eigene Kosten zu beseitigen. Auch Kaufangebote im Fußball oder Übernahmeofferten im Wirtschaftsleben, die erkennbar indiskutabel sind, müssen zügig nachgebessert werden, sonst platzt das Geschäft. So haftet der Sache ein Odium des Betrugs und der Kleinlichkeit an, und dieses Stigma hat das noble Prinzip des Nachbesserns auf keinen Fall verdient. In der Welt der Computer und Programmierer heißt die Zeit, in der Nachbesserungen selbstver-ständlich und keine Schande sind, Beta-Phase. Dort hat sich der Grundsatz etabliert, dass man heutzutage überhaupt nicht mehr weiterkommt, wenn man die Dinge nicht versuchsweise startet und dann in schneller Folge Korrekturen vornimmt. Die Firma Google zum Beispiel funktioniert komplett nach dieser Philosophie und stürmt damit augenblicklich von Erfolg zu Erfolg. Also bitte: Warum bringen wir nicht die ewigen Alphatiere der Politik zum Schweigen und schreiben ein kleines »Beta« auf jeden neuen Gesetzestext? Es ist keine Schande. Niemand kann auf Anhieb perfekt sein. Der Erfolg hängt auch von Abstürzen, Rückschlägen und den Anregungen der User ab. Und im Grunde hat nicht nur die Software-Industrie längst begriffen, dass die »Beta«-Phase des Lebens eigentlich nie zu Ende geht.»Niemand weiß irgendwas« lautet seit Langem das Motto Hollywoods. Zwar versuchen dort unzählige Experten, den nächsten Hit zu planen und den nächsten Flop zu vermeiden, aber sie liegen regelmäßig komplett daneben. Ungefähr so wie die Berliner Experten, wenn sie die Wirkung einer Arbeitsmarktreform vorhersagen oder die finanziellen Folgen einer Steuerrechtsänderung abschätzen. Filme funktionieren nur in Verbindung mit dem Publikum, Gesetze und Reformen nur in Verbindung mit dem Bürger. Das bleibt überraschend. Die Bosse von Hollywood werden deshalb oft gefeuert. Die Politiker auch, sagen Sie? Also bitte: Warum gehen wir dann immer noch auf die Barrikaden, wenn ein Regierungschef mal zugibt, das er eigentlich keine Ahnung hat? Es ist die Wahrheit, und Hollywood macht ja trotzdem oft gute Geschäfte.Schließlich muss gesagt werden, dass die Nachbesserung im Englischen Amendment heißt und dort einen völlig anderen Ruf genießt. Als die Gründerväter Amerikas ihre Verfassung schrieben, haben sie, ganz ähnlich wie die Politiker heute, schlichtweg nicht alles bedacht. Aber was taten sie? Statt diese Verfassung nun höhnisch als »Stückwerk« und »Pfusch« oder »halbgaren Kompromiss« zu diffamieren, besserten sie fröhlich nach und hängten ein paar Zusätze daran, die sie von eins bis siebenundzwanzig nummerierten. Zusatz Nummer eins ist als First Amendment sehr berühmt geworden: Darin geht es um so marginale Verbesserungen wie die Meinungs-, Presse-, Versammlungs- und Religionsfreiheit. Also bitte: Warum könnte nicht auch der erste Zusatz zur Gesundheitsreform dereinst mythischen Status erreichen?

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