»Wer hilft hier eigentlich wem?«

Seit Friederike Boissevain Menschen beim Sterben begleitet, ist sie auch eine bessere Ärztin für ihre Patienten geworden. Der Grund dafür war Ole, der Fall ihres Lebens.

Friederike Boissevain hat mit Ole über seine Pläne gesprochen, wissend, dass sie nicht verwirklicht werden können. Zum Beispiel darüber, dass er gerne Segeln gehen würde.

Illustration: Lina Müller

Dr. Friederike Boissevain, 56, ist Onkologin, Palliativmedizinerin und Oberärztin an einem Krankenhaus in Kiel. Sie hat den »Hospizverein Dänischer Wohld« gegründet, in dem heute etwa 50 ehrenamtliche Sterbebegleiter ambulant tätig sind. Im Frühjahr 2020 soll ein stationäres Hospiz eröffnet werden, das auf Ihre Initiative zurückgeht.

SZ-Magazin: Sie arbeiten seit 2012 neben Ihrem Beruf als Ärztin ehrenamtlich als Sterbebegleiterin. Welcher Fall war für Sie der wichtigste?
Friederike Boissevain: Gleich mein erster, kurz nach der Vereinsgründung. Der junge Mann war 23 Jahre alt, nennen wir ihn Ole. Er hatte eine seltene Tumorerkrankung, die von den Nervenzellen ausgeht. Ich war gebeten worden, Ole zu betreuen, während seine Mutter arbeiten musste.

Wie lief Ihr erster Besuch ab?
Ole wohnte in einem Hochhaus in einer kleinen Wohnung, zusammen mit seinem siebenjährigen Bruder und seiner Mutter. Die Größe der Verzweiflung stand im Kontrast zur Enge der Räumlichkeiten: Ole hatte ein Pflegebett mit allem Zubehör, Schläuchen, Verbandsmaterial, Medikamenten, direkt daneben standen der Wäscheständer und ein Fernseher, Papierkram für die Versicherungen und die Spielsachen des Bruders lagen herum. Ole lag entspannt da, ziemlich dünn, an Schläuche angeschlossen. Ich durfte mich neben ihm auf einen Stuhl setzen.

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»Ich hatte gelesen, dass man einen Schwerkranken nach 60 Minuten wieder verlassen soll, habe mich aber nicht getraut, auf meine Uhr zu gucken«

Wie war die Situation für Sie?
Unangenehm. Ich saß wie verschraubt da und habe mir Gedanken gemacht: »Was mache ich hier?«, »Darf ich das fragen?« Ich hatte gelesen, dass man einen Schwerkranken nach 60 Minuten wieder verlassen soll, habe mich aber nicht getraut, auf meine Uhr zu gucken. Ole war die ganze Zeit total nett, zwischendurch habe ich gedacht: »Wer hilft hier eigentlich wem?«

Worüber haben Sie gesprochen?
Über seine Pläne, wissend, dass sie nicht verwirklicht werden können. Darüber, dass er gerne Segeln gehen würde. Dass ihm die Zahnpasta wehtat, weil sein Zahnfleisch offene Stellen hatte, und über die Frage, ob man sich am Ende überhaupt noch die Zähne putzen muss. Er wollte nur in wenigen Momenten direkt über das Sterben sprechen: Er fragte sich, wie das wohl ist, wenn man nicht mehr da ist, wie er erinnert werden möchte. Er sagte, dass die Krankheit sich hinzöge und es ihn bedrücke, eine finanzielle Belastung für seine Mutter zu sein. Und er sprach über seinen Bruder, wie sehr an ihm hängen würde und er es bedaure, ihn alleine lassen zu müssen.

War sein Bruder auch da?
Ja, er kam irgendwann ins Zimmer, ist auf das Bett gekrabbelt und hat vorsichtig, aber sehr routiniert, die Schläuche zur Seite geschoben. Die Beiden haben ein bisschen gekuschelt und wir haben uns weiter unterhalten. Plötzlich sprang der Bruder auf, kam mit einem Lego-Polizisten zurück, drückte mir den in die Hand und sagte: »Aufpassen!« Ich habe hinterher erfahren, dass er seit der Erkrankung seines Bruders eine Sprachstörung entwickelt hatte, er sprach kaum. Aber mir war klar, dass er wollte, dass ich auf seinen Bruder aufpasse.

»Ich habe begriffen, dass ich in einer solche Situation nicht immer wissen muss, wie ich zu reagieren habe«

Was haben Sie gesagt?
Irgendetwas Ausweichendes. Ole hat mich milde angelächelt, so nach dem Motto: »Schon in Ordnung, wir wissen ja, dass es nicht geht«. Aber der Bruder fragte: »Was tust du dann hier?« Und wegen dieser Frage gingen bei mir die Türen auf: Die ganze Anspannung fiel von mir ab und ich habe begriffen, dass ich in einer solche Situation nicht immer wissen muss, wie ich zu reagieren habe. Vorher hatte ich, in meiner Hilflosigkeit, meinen Job als Ärztin, dieses ewige Handeln- und Wissen-müssen, einfach auf die Situation übertragen. Die Unterhaltung ging danach nicht mehr lange weiter, aber für mich war es ab da viel leichter.

Wie lange habe Sie Ole insgesamt begleitet?
Etwa zwei Monate lang. Zweieinhalb Wochen bei ihm Zuhause, danach kam er ins Krankenhaus. Wir hatten darüber gesprochen, dass er zu Hause bleiben wollte, und ich sagte: »Ich werde alles dafür tun«. Aber ich konnte mein Versprechen nicht halten, aufgrund seiner privaten Situation war es einfach nicht möglich. Was mich bis heute umtreibt: Er ist »nicht schön« gestorben, mit Schmerzen, ärztlich und pflegerischen nicht gut versorgt.

»In meiner Wahrnehmung haben »wir« ihn im Stich gelassen, als jemand, der sowieso stirbt«

Konnten Sie als Ärztin nicht helfen?
Mein Einfluss war begrenzt. In meiner Wahrnehmung haben »wir« ihn im Stich gelassen, als jemand, der sowieso stirbt. Sowas kommt heute immer noch vor. Vor diesem Erlebnis hatte ich Zweifel, ob wir wirklich den Verein gründen sollen und danach ein stationäres Hospiz anstreben können. Durch Ole habe ich begriffen, dass es wichtig ist, diese Arbeit zu tun.

Ihre Arbeit als Ärztin hat die Sterbebegleitung beeinflusst. Ist das andersherum auch so?
Ich habe aktuell eine schwerkranke Patientin, Ende dreißig, bei der wir die Behandlung beenden müssen, und ich musste ihr das mitteilen. Ohne die Sterbebegleitung wäre ich reingegangen und hätte gesagt: »Guten Morgen, ich habe hier die Ergebnisse des Computertomogramms, wir wollen uns ab sofort darauf beschränken, Ihre Symptome unter Kontrolle zu bekommen.« Stattdessen habe ich mich erstmal hingesetzt. Sie aß gerade Obstsalat und wir haben bestimmte eine Minute – und das ist lang – über Obstsalat gesprochen. Dann fragte sie: »Sind die Vitamine eigentlich noch wichtig?« Ich hätte erzählen können, wie wichtig Antioxidantien bei einer Chemotherapie sind und so weiter. Stattdessen habe ich gesagt: »Na ja, zum Sterben braucht man sie eigentlich nicht.« Sie sagte, das habe sie sich auch schon gedacht. Dann mussten wir beide lachen. Am Ende haben wir uns überhaupt nicht über die Computertomographie unterhalten, sondern es wurde eine gute Unterhaltung darüber, wie sie gehen möchte. Solche Freiheiten wären mir ohne die Begegnung mit Ole entgangen.

Was lernt man, wenn man sich zur Sterbebegleiterin ausbilden lässt?
Der Kurs dauert fast ein Jahr. Ein Teil ist reine Wissensvermittlung: Welche Medikamente gibt es, welche Erkrankung und Symptome? Dann geht es um den Umgang mit schwierigen Emotionen, zum Beispiel Wut, die sehr häufig vorkommt, aber natürlich auch Trauer und Angst, und um die Beziehung zwischen dem Erkrankten und seinen An- und Zugehörigen. Der dritte Teil ist Selbstreflexion: Warum mache ich das? Wie gehe ich mit meinen eigenen Verlusten, meiner Vergänglichkeit, um?

Waren Sie eigentlich bei Oles Beerdigung?
Nein, ich musste an diesem Tag arbeiten. Aber ich habe ich es auch vermieden, weil es mir zu viel war, weil ich Angst hatte, dort weinen zu müssen. Sagen wir mal so: Ich hatte eine gute Entschuldigung.

Haben Sie noch Kontakt zur Familie?
Sie sind weggezogen, aber vor etwa einem Jahr habe ich dem Bruder geschrieben. Ich denke oft an ihn, er ist jetzt ein junger Mann, der früh sein großes Vorbild verloren hat. Er war so tapfer damals, in all seiner Verzweiflung, aber auch so versunken in sein Spiel und so neugierig auf das Leben insgesamt. Er hat mir, genauso wie Ole, deutlich gemacht, wie fragil unsere vermeintliche Sicherheiten sind. Wie nah Leben und Sterben beieinander liegen. Aber auch, dass Nähe und Freundschaft auch unter widrigsten Umständen möglich sind und dass es einzig und allein darauf ankommt.