Darf ich als Trump-Gegnerin einen US-Krebskongress boykottieren?

Eine Onkologin lehnt die Migrationspolitik der USA ab und will aus Protest nicht in das Land fliegen. Dort findet aber ein für ihre Patienten wichtiger Krebskongress statt. Ist sie ethisch verplichtet, die Reise dennoch anzutreten? Unser Moralexperte gibt eine Antwort.

»Ich bin Onkologin. Die neuesten Erkenntnisse, die auf dem großen amerikanischen Krebskongress vorgestellt werden, sind für meine Patienten sehr wichtig. Ich finde jedoch den Umgang der US-Regierung mit Migranten­familien schrecklich und möchte deshalb aus Protest nicht in die USA fliegen. Bin ich wegen meines Berufes dazu trotzdem ethisch verpflichtet?« Anonym

Bei Ihrer Frage sehe ich zwei Hauptlinien der Überlegung. Die erste ist, dass man unterschiedliche Rollen hat. Bei Ihnen ist eine davon Ihre berufliche als Ärztin, eine andere Ihre private mit Ihren persönlichen Überzeugungen. Diese beiden Rollen sind teilweise getrennt, wenn sie sich auch nicht vollständig trennen lassen.

So müssten Sie als Ärztin, wenn es notwendig ist, jemanden behandeln, den Sie persönlich ablehnen und mit dem Sie privat nichts zu tun haben wollen. Diese Pflichten als Ärztin sind Teil Ihrer professionellen Rolle, zugleich aber sollte diese Einstellung zum Beruf Teil Ihrer persönlichen Überzeugungen sein.

Hier scheinen die beiden Rollen zu kollidieren, aber für diese Kollision ergibt sich aus den eben angestellten Über­legungen eine Lösung: Wenn es für das Wohl Ihrer Patienten notwendig ist, dass Sie in die USA reisen, sollten Sie Ihre persönlichen Belange zurückstellen. Meines Erachtens handeln Sie dann auch nicht gegen Ihre persönlichen Überzeugungen, denn Ihr ärztliches Berufsethos ist sicherlich ebenso Teil Ihrer Überzeugungen, wie es Ihre politischen Haltungen sind.

Auch dafür gäbe es Grenzen, doch die sehe ich in den USA nicht erreicht. Dass der Krebskongress so zentral für die Behandlung Ihrer Patienten ist, zeigt etwas auf, was bei den derzeitigen politischen Verwerfungen in Vergessenheit zu ge­raten droht: Wir sind mit den USA auf so vielen Ebenen eng verbunden, dass auch eine erratische Regierung das nicht so schnell zerstören kann. Politisch, wirtschaftlich, kulturell, im Verständnis der Grundwerte und eben auch in der Wissenschaft. Das bedeutet nicht, dass man alles gutheißen muss, im Gegenteil, ich halte Kritik für einen wichtigen Teil eines guten Verhältnisses. Aber trotz ­aller berechtigter Kritik sind die USA kein Schurkenstaat.

Literatur: 

Drei Werke, die grundlegend für die Idee der Sozialen Rollen sind, die man im Leben spielt:

Ralf Dahrendorf, Homo sociologicus. Ein Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der Kategorie der sozialen Rolle, Westdeutscher Verlag, Opladen 17.Auflage 2010

Erving Goffman, Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, Piper Verlag, München 1983

Talcott Parsons, The Social System, 1951

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