Die Gewissensfrage

"Vor einem Jahr verlor ich – Alleinverdiener, Frau und Kinder – meinen Job in einer Umwelttechnik-Firma: ein Gebiet, das mir auch privat wichtig ist. Wir versuchen, umweltbewusst zu leben, fliegen nicht, kaufen lokale Produkte usw. Nun wurde mir eine sehr gut bezahlte Stelle bei einem deutschen Autobauer angeboten. Bin ich es der Familie schuldig, den Job anzunehmen, oder ist es verantwortbar, umweltpolitischen Zielen treu zu bleiben?" Rainer W., Konstanz

Von wegen Lehrbuchfälle seien wirklichkeitsfremd – ihr Problem erinnert doch sehr an ein Dilemma, das der Moralphilosoph Bernard Williams entwickelt hat: Chemiker George, dessen Familie unter seiner Arbeitslosigkeit leidet, wird ein gut bezahlter Job in einem Chemiewaffenlabor angeboten. Wenn George – entschiedener Gegner derartiger Waffen – den Job nicht annimmt, wird es ein anderer Chemiker tun, der diese Skrupel nicht kennt, und die Forschung beflügeln.

Williams nutzt dieses Beispiel, um den Utilitarismus, die Nützlichkeitsethik, zu kritisieren, die bei der Bewertung nur auf das Ergebnis blickt. Tatsächlich wäre George nach utilitaristischer Betrachtungsweise moralisch gehalten, den Job gegen seine innersten Überzeugungen anzunehmen. Das aber, so Williams’ Kritik, stellt einen Angriff auf seine Integrität dar. Bevor nun die Verbandsjuristen zur Feder greifen: Keinesfalls will ich die Autoindustrie mit Chemiewaffen in einen Topf werfen, die Parallele sehe ich nur beim Handeln gegen eigene Überzeugungen. Womöglich könnten Sie bei der Entwicklung energiesparender Fahrzeuge in der Summe sogar mehr für die Umwelt leisten als bisher. Nur – und das ist die Erkenntnis aus Williams’ Fall – müssen Sie dabei noch in den Spiegel schauen können. Das Problem entsteht durch die persönlichen Überzeugungen Ihres Gewissens – zu denen auch Ihr Familiensinn gehört – und kann nur dort gelöst werden.

Ich persönlich halte das Bauen von Autos nicht für so verwerflich, aber ich muss morgens mein Gesicht waschen, nicht Ihres. Hätten Sie schlicht keine Lust, Autos zu entwickeln, wäre das etwas anderes. Aber von Ihnen zu verlangen, gegen eigene Überzeugungen zu leben, ginge mir zu weit. Was das Arbeitsamt dazu sagt und welche finanziellen Folgen Sie gewillt sind dafür zu tragen, steht auf einem anderen Blatt. Das müssen Sie zusammen mit Ihrer Familie klären.

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Die Quelle:
Bernard Williams, Kritik des Utilitarismus, Klostermann Verlag, Königstein am Taunus, 1979

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Marc Herold (Illustration)