Acht Gründe für die Vier-Tage-Woche

Viel zu arbeiten, bringt Stress und Burnout – aber für die Firma weniger, als man denkt. Hier sind acht wissenschaftlich fundierte Argumente für eine deutlich kürzere Arbeitswoche.

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Das Problem: 80 Prozent aller Arbeitnehmer sind chronisch gestresst.
Die Lösung: Deutlich weniger arbeiten bei vollem Lohn. Das macht nachweislich kreativer und produktiver.

Die Fronleichnams-Woche war doch eine super Woche! Endlich war es, wie es sein soll: vier Tage gearbeitet, am Donnerstag war frei. So lässt es sich leben. Mit der normalen Fünf-Tage-Woche kommt ja kein Mensch hin. Der Samstag geht immer fürs Putzen, Waschen, Besorgungen und das Sortieren von Steuerbelegen drauf. Dann bleibt nur noch der Sonntag für den eigentlichen Sinn des Lebens: Freunde treffen, ausspannen, raus in die Natur. Das sage nicht nur ich – die Vier-Tage-Woche wünscht sich mehr als eine Million Deutsche. Und es gibt eine Menge guter Argumente dafür.

»Wir haben verrückte Arbeitszeiten!«, meint der norwegisch-amerikanische Management-Guru Morten Hansen, Professor an der UC Berkeley. Er hat fünf Jahre lang die Arbeitsweisen von mehr als 5000 Managern und Arbeitnehmern in einer umfassenden Studie untersucht und kommt in seinem aktuellen Buch Great at Work zu dem Schluss: »Smarte Arbeitnehmer arbeiten weniger, dafür konzentrierter und selektiver.« Er selbst hatte am Anfang seiner Karriere als ehrgeiziger Berater bei der Boston Consulting Group 80 oder gar 90 Stunden die Woche investiert – und wurde stutzig, als seine Kollegin, etwa gleich alt und gleich qualifiziert, bessere Arbeit ablieferte als er, ohne eine einzige Überstunde zu machen. Das war der Auslöser für seine Frage: Wie können wir gute Arbeit leisten, ohne uns ein übermenschliches Pensum aufzuhalsen?

80 Prozent aller Menschen, die Vollzeit arbeiten, klagen, sie seien ständig gestresst. Jeder Fünfte hat schon einmal einen Burnout erlebt. Die Zahl der psychogenen Belastungserkran­kungen wie Depression nimmt jährlich zu. Experten auf dem Gebiet der stress­bedingten Erkrankungen sagen, diese Welle sei längst ein Tsunami. Muss das sein? Oder geht’s auch anders? Arbeitsforscher wissen schon lange, dass das alte, unflexible Eight-to-Five-Modell für die meisten Menschen wenig Sinn macht. Ich persönlich habe die besten Einfälle oft beim Tagträumen oder beim Spazierengehen im Wald – nicht, wenn ich am Schreibtisch sitze. Home Office oder Teilzeit sind da nur Zwischenlösungen. Deshalb experimentieren Firmen mit der Vier-Tage-Woche, dem Fünf-Stunden-Arbeitstag, bei dem man dann auf eine Wochenarbeitszeit von 25 Stunden kommt, oder anderen Modellen, die Arbeitszeit substanziell zu verkürzen.

Die Binsenweisheit »Wer viel arbeitet, leistet auch viel« stimmt schlicht nicht

Bei den Firmen ist die Angst vor hohen Zusatzkosten allerdings enorm. Obwohl sich die meisten Arbeitsforscher einig sind, dass die 40-Stunden-Woche ein kostspieliges Auslaufmodell ist, argumentieren Wirtschaftsverbände, FDP und CDU für das genaue Gegenteil: sogar für eine Aufhebung der Höchstarbeitsgrenze und die 48-Stunden–Woche als neue, alte Norm. Die österreichische Wirtschaftskammer erntet gerade einen veritablen Shitstorm mit ihren lustigen Knetfiguren und schiefen Reimen, die für die Ausdehnung des Arbeitstages auf zwölf Stunden werben.

Aber die alte Binsenweisheit »Wer viel arbeitet, leistet auch viel« stimmt schlicht nicht. »Wir haben viele Leute, die sich ein massives Pensum aufhalsen und sich damit brüsten, wie beschäftigt sie sind«, meint Hansen. »Die Leute verwechseln die Anzahl von Meetings, Arbeitsgruppen, Kundenanrufen, Geschäftsreisen und Vielfliegermeilen mit Erfolg, auch wenn diese Aktivitäten in Wahrheit nicht alle den Wert ihrer Arbeit erhöhen. Geschäftig zu sein ist kein Erfolg!«

Deshalb hier die besten, wissenschaftlich gesicherten Argumente für weniger Arbeitszeit. Die können Sie jetzt direkt Ihrem Chef schicken.

1. Gesundheit

Eine kürzere Arbeitswoche führt zu verringerten Stresswerten, niedrigerem Blutdruck und weniger Krankheitstagen. Das sagt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, denn das Risiko für Rückenschmerzen, Herzinfarkte und Schlafstörungen wächst, je länger wir arbeiten. »Langes Arbeiten ist kein effizientes Arbeiten«, fassen die Wissenschaftler die Studie zusammen. »Mit der Dauer der Arbeitszeit nimmt die Ermüdung zu, während Leistung und Aufmerksamkeit nachlassen und so die Sicher­heit gefährdet wird.« Der Umkehrschluss gilt auch: Wenn wir weniger lange arbeiten, sind wir konzentrierter und produktiver.

2. Kreativität

Google (Wunscharbeitgeber Nummer eins bei Millenials) weiß das schon längst: 20 Prozent ihrer Zeit dürfen die Mitarbeiter frei verwenden – für sich selbst, zum Träumen, zum Joggen, zum Kreativsein, für soziales Engagement oder zum Experimentieren. Angeblich entstanden Gmail, Google Talk und Google News als Geistesblitze in der Kreativpause! Google-Gründer Larry Page ist jedenfalls davon überzeugt: »Die Vorstellung, dass alle wie wahnsinnig arbeiten müssen, ist falsch.«

3. Die Mitarbeiter wollen es

Laut der IG Metall, die sich die Forderung nach der Vier-Tage-Woche auf die Fahnen geschrieben hat, sind 83 Prozent ihrer Mitglieder dafür. Eltern brauchen mehr Zeit für ihre Kinder, erwachsene Kinder für die Pflege ihrer Eltern. Teilzeit löst das Problem nur bedingt, erstens wegen des geringeren Einkommens, aber auch, weil viele Mütter, die in Teilzeit arbeiten, lieber 30 als 20 Stunden arbeiten würden.

4. Bessere Organisation

Viele Firmen, die sich trauen, die Vier-Tage-Woche oder andere Modelle mit kürzerer Arbeitszeit einzuführen, streichen als erstes unproduktive Zeitfresser: Oft wurden mäandernde Meetings, ständige Unterbrechungen durch Emails und Anrufe sowie unklare Zuständigkeiten als schlimmste Übel identifiziert. Andreas Stückl, Mitgründer des Unternehmens Bike Citizens, das eine Navigations-App für Radfahrer vertreibt, wurde durch einen Bericht über eine amerikanische Firma auf das Modell Vier-Tage-Woche aufmerksam und führte sie auch bei Bike Citizens ein. Als erstes überprüfte sein Team alle Abläufe im Unternehmen. »Welche Meetings können wir zum Beispiel streichen? Und wir haben die interne Kommunikation verbessert, jeder weiß jetzt, wer für was zuständig ist«, sagte er in einem Interview zum Pro und Contra der verkürzten Woche. Nach sechs Test-Wochen »waren alle zufrieden« und Bike Citizens bleib dem Modell treu.

Morten Hansen testete in seiner Studie 15 verschiedene Branchen und fand: Dass derjenige, der die meisten Stunden absitzt, auch mehr gebacken kriegt, ist in den meisten Fällen ein Trugschluss. Die Arbeitsdauer machte in Hansens Studie nur einen vergleichsweise kleinen Unterschied. »Die Top Performer fokussieren sich auf wenige Dinge, erledigen die aber außergewöhnlich gut und mit viel Leidenschaft.«

5. Größere Produktivität

Letzte Woche sprach ich mit Lasse Rheingans, dem Chef der Bielefelder IT-Firma Digital Enabler, der als erster deutscher Unternehmer den Fünf-Stunden-Arbeitstag eingeführt hat – bei gleichem Gehalt und Urlaubsanspruch.

Seine Mitarbeiter arbeiten nur noch von acht Uhr morgens bis 13 Uhr. Er gibt zu, dass das für eine Firma wie seine, die in erster Linie Ideen und Lösungen verkauft, einfacher ist als für eine Autowerkstatt, aber er freut sich über Mitarbeiter, die motivierter, entspannter und glücklicher zur Arbeit kommen. Der hohe Druck ist für ihn kein Nachteil: »Dadurch sehen wir sofort, wo wir Abläufe verbessern können, wo eine Stelle falsch besetzt ist, wo wir besser kommunizieren müssen.« Keiner der Mitarbeiter wolle zum alten Modell zurück.

Als »Erfinder« des Fünf-Stunden-Arbeitstags, der auch Rheingans inspirierte, gilt Stephan Aarstol, der Gründer von Tower Paddle Boards, einem Hersteller von Standup Brettern. Er verkürzte die Arbeitszeit, beteiligte seine Mitarbeiter mit fünf Prozent am Gewinn und verlangte im Gegenzug dafür doppelte Produktivität. Einfach war die Umstellung nicht, viele Mitarbeiter beklagten sich am Anfang über den hohen Druck, aber Aarstol freute sich über ein Umsatzwachstum von 40 Prozent im ersten Jahr und hochmotivierte Mitarbeiter, die inzwischen mehr Dinge in der Hälfte der Zeit erledigen.

Kein Mitarbeiter arbeitet acht Stunden am Tag konzentriert. Studien wie die der Stanford Universität zeigen immer wieder, dass wir zwar vielleicht acht Stunden körperlich anwesend sind, aber uns im Durchschnitt nur zweieinhalb Stunden davon wirklich hochkonzentriert unserem Projekt widmen. Der Rest geht für Unterbrechungen, Emails, Kaffeepausen, Meetings und den ganzen anderen Kram drauf. Schon klar: Der Plausch mit Kollegen ist auch wichtig, dafür treffen sich die meisten bei Rheingans freiwillig nach Arbeitsschluss um 13 Uhr zum gemeinsamen Mittagessen. Emails werden dafür nur noch zweimal am Tag gecheckt.

»Wir sind durch die Vier-Tage-Woche nicht unproduktiver geworden. Im Gegenteil, wir sind effizienter«, hat Andres Stückl von Bike Citizens festgestellt. »Die Arbeit, die wir machen, ist sehr kreativ: neue Produkte entwerfen, das richtige Marketing finden, unser Geschäftsmodell weiterentwickeln. Da ist es wichtig, dass man auch mal Abstand gewinnt. So haben wir bessere Ideen in kürzerer Zeit. Ich glaube nicht, dass die Einführung der Vier-Tage-Woche der Volkswirtschaft schaden würde: Es gibt so viele Menschen, die durch ihre Arbeit krank werden. Mit einer Vier-Tage-Woche wäre das sicherlich anders. Aus meiner Erfahrung kann ich daher klar sagen: Dass mehr Arbeit immer besser ist, ist ein Irrglaube.«

Keine Frage: Das funktioniert in manchen Bereichen besser als in anderen. Ein Pflegeheim in Göteborg zum Beispiel brach einen ähnlichen Modellversuch wieder ab. Anders als bei Tech-Firmen wie Google, in der sich Abläufe optimieren lassen und eine gute Idee Gold wert ist, kann man eben in fünf Stunden nicht so viele Patienten betreuen wie in acht – zumindest nicht mit Verstand und Herz.

6. Vorteile gerade auch für Frauen

Trotz aller Emanzipation: Es sind immer noch überwiegend Frauen, die »das bisschen Haushalt« schmeissen und sich um die Kinder kümmern. Lasse Rheingans weist stolz darauf hin, dass fast die Hälfte seiner Mitarbeiter Frauen sind und der Fünf-Stunden-Tag besonders für Mütter ideal ist als Weg aus der Teilzeitfalle.

7. Zufriedenheit

Das Schlagwort von der Work-Life-Balance ist inzwischen fast schon ein Klischee. Tatsächlich aber hängt die Zufriedenheit vieler Mitarbeiter mit der Arbeitszeit zusammen: Mehr als zwei Drittel sagen regelmäßig bei Umfragen, Work-Life-Balance sei ihnen am wichtigsten – noch vor Jobsicherheit und Gehalt. Viele engagieren sich gerne kurzfristig mehr, vielleicht weil ein neues Projekt das erfordert oder weil jemand für seine Idee brennt, aber wer dauerhaft über mehrere Jahre mehr als 40 Stunden arbeitet, zahlt früher oder später dafür die Zeche. »Die Lebensqualität sinkt«, hat Hansen festgestellt. Weniger Burnout und Stress, dafür eine bessere Work-Life-Balance und damit mehr Zufriedenheit lassen sich nur durch eine klügere Zeitverteilung erreichen.

8. Das Gesamtbild

Deutschlandweit betrachtet würde mit der Vier-Tage- (oder 32-Stunden-) Woche kein Arbeitsvolumen verloren gehen. »Schauen Sie doch mal, wie viele Menschen vorzeitig ausscheiden und Erwerbsminderungsrenten bekommen. Und wie viele Frauen in Teilzeit feststecken«, sagte die Soziologin Jutta Allmendinger im Tagesspiegel. »Wir haben hohe Potenziale an ungenutzter Arbeitszeit und hohe ungenutzte Leistungspotenziale.« Wer schafft es schon, 45 Jahre ununterbrochen Vollzeit zu arbeiten?

Ach ja, einen Haken gibt es auch: Die verkürzte Arbeitszeit kostet die Arbeitgeber im Durchschnitt mehr, aber je nach Organisation nicht sehr viel. Dafür erfinden die Beschäftigten ja vielleicht den nächsten Hyperloop oder Google 4.0, und holen den Verlust damit wieder rein.

Für Fortgeschrittene: Eine neue Studie geht übrigens noch einen Schritt weiter: Dreitagewoche. Das ist dann das nächste Ziel. Eine Studie des Melbourne Institute weist nach, dass Menschen über 40 am produktivsten sind, wenn sie nur drei Tage die Woche arbeiten. 

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