Einer von 50 000

Viele Autisten haben besondere Begabungen. Einige Firmen versuchen nun, sich diese Fähigkeiten zunutze zu machen – so wie in einer aktuellen TV-Serie.

In der Serie The Good Doctor spielt Freddie Highmore den Autisten Shaun Murphy, der als Arzt erstaunliche Behandlungserfolge erzielt. Wäre das auch im echten Leben denkbar?

Foto: Liane Hentscher/ABC/SKY

Das Problem: Viele Autisten finden keine Arbeit, während Firmen dringend nach Menschen mit besonderen Fähigkeiten für Qualitätskontrolle und Fehlerfindung suchen.
Die Lösung: Gerade Tech-Firmen machen erstaunlich gute Erfahrungen mit autistischen Mitarbeitern.

Kennen Sie die Serie The Good Doctor? Darin muss ein junger Chirurg namens Shaun Murphy jeden Tag beweisen, dass er ein guter Arzt ist. Medizinisch ist er eine Koryphäe, das schon. Dank seines perfekten Gedächtnisses kennt er zum Beispiel alle Blutgefäße im Körper auswendig, aber seine Kollegen beäugen ihn trotzdem misstrauisch, denn Murphy ist Autist – Blickkontakt und einfühlsame Patientengespräche fallen ihm schwer. Dass er dafür auf dem Boden einer Flughafenhalle erfolgreich einen Jungen mit einem Teppichmesser an der Lunge notoperieren kann, gehört wohl eher in die Sparte Hollywood-Märchen. Aber tatsächlich machen viele Firmen positive Erfahrungen, wenn sie Autisten einstellen.

Thorkil Sonne, ein Däne mit einem autistischen Sohn, schöpfte Mut, als sein Sohn begann, beim Blitz-Schach zu gewinnen. Er gründete eine Firma, die sich ausschließlich darauf konzentriert, autistische Berater zu vermitteln. Specialisterne, dänisch für »Spezialisten«, setzt nicht auf Mitleid, sondern auf die Tatsache, dass viele autistische Menschen spezielle Begabungen haben, etwa ein fotografisches Gedächtnis, sensorische Übersensibilität oder die Fähigkeit, wiederkehrende Muster zu erkennen.

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»Das ist großartig für die Qualitätskontrolle oder den IT-Bereich. Es ist schwierig, Menschen zu finden, die so aufmerksam auf Details achten«, sagt Sonne. Nur jeder zehnte Autist gilt als Savant, also als Mensch mit außergewöhnlichen Inselbegabungen wie einem fotografischen Gedächtnis oder »Rain Mans« berühmten Rechenkünsten. Doch Psychologen wissen längst, dass die Intelligenz von Menschen aus dem Autismus-Spektrum lange massiv unterschätzt wurde. 

Es geht natürlich nicht darum, den Autismus zu romantisieren. Die Probleme sind real, vor wenigen Wochen erst wurde hier auf sz-magazin.de in der Aufsehen erregenden Mini-Serie Es ist Liebe, nur anders der oft schwierige Alltag einer Familie beschrieben, in der gleich drei Mitglieder von Autismus betroffen sind. Gleichzeitig ist es eine Tatsache, dass etwa ein Drittel aller Autisten über außergewöhnliche kognitive Fähigkeiten verfügen, dass von diesen aber mehr als zwei Drittel keine Uni besuchen und keine Arbeit finden. Wenn doch, dann oft nur für Hilfstätigkeiten anstatt in Positionen, in denen sie ihre Begabung nütztzen können. Sonne plädiert nun dafür, die offensichtlichen Defizite von Autisten, etwa ihre Direktheit oder ihre Obsession mit Details, als Stärken einsetzen.

Bei Sun Life Financial in Massachusetts prüft zum Beispiel die Verwaltungsangestellte Jeanine Lazili die Dokumente und Formulare der Klienten – in 20 Jahren hat sie nie einen Fehler gemacht. Der Software-Riese SAP hat gerade 60 Autisten eingestellt, und Konzerne wie Microsoft und Chargeback haben eigene Neurodiversitätsprogramme eingerichtet, um mehr Autisten zu beschäftigen. Es mag ein wenig mehr Zeit und Geduld erfordern, solche Menschen in ein Unternehmen einzugliedern, aber Sonne hat den Ehrgeiz, in den nächsten zehn Jahren 100.000 Stellen für Menschen aus dem autistischen Spektrum zu schaffen. Bei der Beraterfirma EY, früher Ernst & Young, kümmert sich ein spezieller Jobcoach darum, den 14 Mitarbeitern aus dem Asperger- und Autismusspektrum die Arbeit zu erleichtern, die sogar in einem zweiwöchigen Einführungskurs geschult werden. Gerne würde man dort noch mehr Autisten einstellen, vor allem für Datensicherheit und Qualitätskontrolle. »Wir schicken Standardinstruktionen an alle 50.000 Mitarbeiter, die wir jedes Jahr einstellen«, sagt der Direktor des Programms, Hiren Shukla. »Erst ein autistischer neuer Mitarbeiter hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass die Instruktionen nicht stimmen. Wir wollten es nicht glauben, schließlich verschicken wir den gleichen Text seit Jahren, aber er hatte Recht.« Die anderen 49.999 Neuankömmlinge trauten sich einfach nicht, gleich am Anfang den neuen Arbeitgeber auf einen Fehler aufmerksam zu machen – wenn sie ihn überhaupt bemerkt hatten.

Sind wir nicht oft zu schnell darin, Menschen zu verurteilen, die die Welt anders wahrnehmen? Temple Grandin, eine der bekanntesten Autistinnen der Welt, nennt als eine ihrer größten Sorgen, dass »Leute wie ich aus dem Schul- und Universitätsbetrieb ausgeschlossen werden. Wo ist der nächste Einstein? Würde er heute leben, dann würde er einen FedEx-Laster fahren, weil er das Abitur nicht geschafft hat. Einstein hat erst spät sprechen gelernt und flog von der Schule, trotzdem hat er den Nobelpreis bekommen.«

Ungewöhnliche Fähigkeiten haben nicht nur Savants wie Temple Grandin, sondern auch viele andere Menschen, die wir zu leicht als »verrückt« abschreiben. »Verstehen Sie mich nicht falsch«, warnt Grandin. «Ich sage nicht, dass Autismus eine großartige Sache ist und alle Autisten sich selbst feiern sollten. Was ich sage, ist, dass wir die Zukunft von einzelnen Menschen besser ausrichten können, wenn wir realistisch und individuell die Stärken eines Menschen anerkennen.«

Wenn Eltern auf sie zukommen, um die autistischen Symptome ihres Kindes zu besprechen, lenkt sie das Gespräch auf die Interessen der Kinder: »Was lieben sie? Lasst uns dieses Kind nicht durch die Diagnose definieren, sondern durch seine oder ihre Interessen. Ich kenne einen Asperger-Patienten, der ein großartiger Surfer ist, und einen anderen, der mit acht Jahren angefangen hat zu coden. Lasst sie uns dadurch definieren!«

Letztlich will Thorkil Sonne viel mehr als Arbeit vermitteln: Er möchte die »Neurotypischen«, also die Normalos, davon überzeugen, dass Menschen mehr sind als ihre Handicaps. »Ich wünschte mir, die Leute wären neugierig, anstatt Distanz zu wahren. Seid neugierig, findet heraus, wie ihre Welt aussieht! Wenn man Zeit mit Autisten verbringt, lernt man, die Welt aus einer sehr verletzlichen Perspektive zu sehen.«

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