Gefundenes Fressen

»Über den Hai gesprungen« nennen Amerikaner jenen Moment, ab dem eine Karriere den Bach runter- geht. Das geflügelte Wort gibt es im Deutschen nicht.Das Phänomen aber schon. Ein paar Beispiele.

Vor einigen Monaten stand in der New York Times ein Kommentar der Kolumnistin Maureen Dowd, der einen merkwürdigen Satz enthielt. Dowd, eine prominente Kritikerin von George W. Bush, schrieb, der Präsident sei »über den Haifisch gesprungen, als er auf dem Mission-Accomplished-Flugzeugträger landete«. Es ging um Bushs Auftritt auf einem US-Kriegsschiff zur Feier des angeblich erfolgreichen Abschlusses des Irak-Feldzugs. Aber über welchen Haifisch sollte Bush dabei gesprungen sein? Später erzählte ein amerikanischer Freund von der Scheidung seiner Eltern und schloss mit dem Satz: »Als sie in diese Rentner-Siedlung nach Florida gezogen sind, ist ihre Ehe echt über den Haifisch gesprungen.« Die Sache mit den Haifischen begann im Jahr 1985, als ein paar Studenten der University of Michigan eines Abends über die Frage diskutierten: Was war der Moment, in dem dir klar wurde, dass es mit deiner Lieblingsserie endgültig bergab geht? Einer von ihnen, Sean Connolly, erwähnte die Serie Happy Days, eine in den USA überaus erfolgreiche Nostalgie-Sitcom über Teenager in den fünfziger Jahren. »Ganz einfach«, sagte Sean: »It was when Fonzie jumped the shark.« Seans Mitbewohner Jon Hein, der heute die Website www.jumptheshark.com betreibt, erklärt: »›Jumping the shark‹ beschreibt den Moment in Happy Days, als der obercoole Fonzie mit seiner Rockabilly-Lederjacke Wasserski fährt und buchstäblich über einen Haifisch im Pazifik springt. Jeder, der das gesehen hat, wusste in diesem Augenblick, dass die Show nie mehr dieselbe sein würde.« Seit 1997 haben auf Jon Heins Website Millionen von Usern darüber abgestimmt, wann die mehr als 2000 gelisteten Fernsehserien über den Hai gesprungen sind. Seit etwa drei Jahren ist die Formulierung in den Sprachgebrauch übergegangen als Ausdruck für den Moment, in dem etwas plötzlich nicht mehr gut, endgültig erledigt, nur noch peinlich und daneben ist. Ein »Jump the shark«-Moment ist kein klassisches Scheitern; ihm wohnt nichts Heroisches, Erhabenes inne. Dieser Moment ist eher übertrieben, albern, unpassend, egozentrisch und selbst gemacht. Wer scheitert, hat etwas Großes versucht. Wer über den Haifisch springt, ist sich und seiner Sache für einen Augenblick zu sicher und tut plötzlich etwas, was ihn lächerlich werden lässt. So geschah es jüngst der sympathischen Ex-Ministerpräsidentin Heide Simonis, die unvermutet in der RTL-Tanzshow Let’s Dance auftauchte, wo sie sich von einem Profitänzer übers Parkett schieben ließ, getreu dem Motto »Irgendwo muss doch die Eins sein«. Gleichwohl will die Formulierung, mit diesem Auftritt sei Simonis »über den Haifisch gesprungen«, nicht so recht passen; schon allein deshalb, weil es in der Kieler Förde keine Haie gibt. Unserem Kulturkreis ist die US-Redewendung zu fern – was also wäre die deutsche Entsprechung von »jump the shark«? »Zenith überschritten«? Zu verkopft. »Bergab gehen«? Zu schicksalhaft und erdenschwer, hier fehlt das jauchzend Selbstzerstörerische. Als Happy-Days-Analogie bieten sich die großen deutschen Fernsehserien der letzten Jahrzehnte an. So hat die Lindenstraße bei inzwischen weit über tausend Folgen genug Momente gehabt, ab denen sie plötzlich schlecht wurde. Als Lisa den Ex-Pfarrer Matthias Steinbrück (»Störe ich?«) mit der Bratpfanne erschlug. Als Mary Dankor ihren Schein-Ehemann Olaf Kling mit der Geflügelschere entmannte. Als Gung für den Bundestag kandidierte. Oder Diese Drombuschs. Manche Fans sagen, die Serie habe ihren Höhepunkt überschritten, als Drombusch-Tochter Marion das herabgewirtschaftete Lokal »Katakomben« pachtete; andere machen den Umschwung an jenem Moment fest, als Onkel Ludwig auf dem Rummelplatz das Kasperltheater übernahm. 1, 2 oder 3, die prägende Kinder-Quizshow der achtziger Jahre, war nicht mehr die gleiche, als Michael Schanze 1985 aufhörte und sein berüchtigtes »Plopp« (»das heißt Stopp«) mitnahm. Und Unser Lehrer Doktor Specht, die definitive Wohlfühlserie der neunziger Jahre, verlor ihren Charme und die letzten Spurenelemente von Realismus, als Doktor Specht zum zweiten Mal den Ort und die Schule wechselte und nach Krähenwerder zog – und dabei nicht nur den größten Teil seines Kollegiums, sondern absurderweise auch seine Zimmerwirtin mitnahm. Bringt uns das weiter? Probieren wir’s an einem Beispielsatz aus dem touristischen Bereich. Man fährt im Urlaub ans Mittelmeer, schönes Hotel am Strand, Sonne und blauer Himmel, alles wunderbar – doch dann läuft plötzlich die Sickergrube der Hotelanlage über und vernebelt die gesamte Gegend mit einem fauligen Pesthauch. Also: Als die Sickergrube überlief, hat der Urlaub die Katakomben gepachtet oder das Plopp abgeschafft? Ist nach Krähenwerder gezogen? Hat den Pfarrer mit der Bratpfanne erschlagen? Das hat was, ist aber ein bisschen zu umständlich. Ein ultimativer deutscher »Jump the shark«-Moment war, als die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Susan Stahnke anfing, Steh-Urinale für Frauen zu bewerben. Überhaupt, die Kollegen von ARD-aktuell: Ulrich Wickerts öffentliches Ansehen hat sich paradoxer-, ja ungerechterweise nie wieder davon erholt, dass er 1996 ein hoch moralisches Buch mit dem an sich völlig zutreffenden Titel Der Ehrliche ist der Dumme veröffentlichte. Ähnliches gilt für Jens Riewas Stadion-Ansagen (»Scheiß-Iserlohn«) und seine Bewertung der erotischen Qualitäten von Schlagersängerin Michelle (»Granate im Bett«). Oder nehmen wir ein Beispiel aus der Politik: jenen denkwürdigen Vorfall, als ein ehemaliger CDU-Landesminister in einem Aufwasch eine Flasche Hundeshampoo und ein Exemplar des Sex-Magazins St. Pauli Nachrichten klaute. Wenn wir das Hundeshampoo von der Person des Ministers a. D. lösen, wird es zum allgemeinen Symbol für die Absurdität dessen, was sich im öffentlichen Raum abspielt; für Glanz und Elend derer, die wir »prominent« nennen. Vielleicht findet sich ja in diesem Gegenstand ein würdiges Äquivalent zum übersprungenen Hai in Happy Days. Silvio Berlusconi hat sich und den Italienern in den letzten fünf Jahren keine undemokratische Peinlichkeit erspart. Aber als er sich jetzt auch noch weigerte, seine Wahlniederlage anzuerkennen, wie ein zorniges Kind, das jeden Tag Geburtstag haben will – da hatte er endgültig das Hundeshampoo geklaut. Gut, es klingt noch ein bisschen sperrig. Aber wo wir beim Thema Hundeshampoo sind – erdachte Doris Schröder-Kopf in der Dämmerungsphase ihres Kanzlergatten für die Drogeriemarkt-Kette Rossmann nicht eine Reihe von Hundepflegeprodukten? Und bestand nicht Gerhard Schröders gesamte Kanzlerschaft aus einer langen Reihe von »Jump the shark«-Momenten? Unter 3,5 Millionen Arbeitslose, Brioni, Kosovo, juristische Schritte gegen Haarfärbe-Gerüchte, Hartz I bis IV, die Berliner Runde, My Way zum großen Zapfenstreich, Gasprom, Gasprom, Gasprom, von dem anrüchigen Posten an sich über die Kreditbürgschaft bis hin zum Rechtsstreit mit FDP-Chef Guido Westerwelle. Am besten, wir legen uns die Suche nach einer deutschen »Jump the shark«-Entsprechung erst mal auf Wiedervorlage. Für den Herbst, wenn Gerhard Schröders Memoiren erscheinen sollen. Da ist bestimmt was Passendes drin.

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