Fühl' den Rhythmus

Beim Sport, beim Aufwachen oder bei medizinischen Behandlungen: Musik kann uns in vielen Situation helfen. Mittlerweile gibt es sogar wissenschaftlich konzipierte Playlists - zum Beispiel für die richtige Herzmassage. 

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Mussten Sie schon einmal an einem öffentlichen Ort Erste Hilfe leisten? Beim Warten auf den Zug vielleicht, im Supermarkt oder beim Sonntagsspaziergang im Park? Dann wissen Sie, wie unendlich lang sich die Sekunden anfühlen, bis jemand reagiert. Betretenes Schweigen, ausweichende Blicke. Wer, ich? Dabei geht es nur um einen kurzen, unterstützenden Handgriff. Kein Problem eigentlich.

Die stabile Seitenlage bekommen die meisten noch hin. Atemwege freimachen. Atmet die Person überhaupt? Muss sie wiederbelebt werden? Herzdruckmassage! Die einzige Erinnerung an den Erste-Hilfe-Kurs ist pubertäres Gekicher. In solchen Situationen kann die richtige Musik Leben retten: Unter dem Namen Songs to do CPR to hat das New Yorker Presbyterian Hospital auf Spotify eine Sammlung an Songs mit einem Tempo von 100 bis 120 beats per minute (bpm) veröffentlicht, der empfohlenen Frequenz einer Herzdruckmassage. Darunter finden sich Klassiker wie Stayin’ Alive von den Bee Gees, ABBA’s Dancing Queen, Sweet Home Alabama oder Girls Just Wanna Have Fun. Melodien, die sich im Ernstfall die meisten Menschen ins Gedächtnis rufen können.

Die Herzmassage-Playlist des Presbyterian Hospitals ist nicht die einzige Musiksammlung, die man online für Gesundheitszwecke findet. So stellen Streamingdienste wie Spotify mittlerweile etliche Playlists zur Verfügung, die in Zusammenarbeit mit Psychologen und Klangtherapeuten zu bestimmten Zwecken entwickelt wurden. Dr. David M. Greenberg, Musik-Psychologe an der University of Cambridge und der City University of New York, hat für seine Wake Up-Playlist beispielsweise nur Songs mit positiven Lyrics und einem Tempo zwischen 100 und 130 bpm ausgewählt, die sich in ihrem Aufbau langsam steigern. Der Körper des Hörers soll dadurch sanft hochgefahren werden und gut gelaunt in den Tag starten.

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Es ist keine neue Erkenntnis, dass Musik eine direkte Wirkung auf Psyche und Körper hat. Sie kann die Stimmung aufhellen oder bei der Schmerztherapie helfen, weil sie Herzschlag, Blutdruck, Atemfrequenz, Muskelspannung und Hormonhaushalt beeinflusst. In der Kardiologie wird Musik genutzt, um das Risiko eines erneuten Infarkts zu senken. Professor Hans-Joachim Trappe von der Ruhr-Universität Bochum etwa empfiehlt seinen Herzpatienten Klassik. Schon zwei mal täglich zwölf Minuten reichten aus, um den Blutdruck zu senken und für einen gesünderen Herzryhthmus zu sorgen.

Bei Panikattacken wirkt es beruhigend, dem Herzschlag eines anderen zu lauschen. Der eigene Herzschlag kann aber auch mit geeigneter Musik kontrolliert werden. Die Playlist Your Science-Approved Anti-Anxiety Playlist senkt nachweislich Blutdruck, Kortisolspiegel und verlangsamt den Herzschlag. Klangtherapeuten der British Academy of Sound Therapy ist es sogar gelungen, einen Song zu konzipieren, der als der entspannendste Song der Welt gilt. So entspannend, dass davon abgeraten wird, den Song während des Autofahrens zu hören. Weightless von Marconi Union reduziert sich langsam von 60 auf 50 bpm. Die Kombination von harmonischen Intervallen, Brausen, Summen, Gongs und buddhistischen Gesängen sorgt für Tiefenentspannung und versetzt den Hörer in einen Trance-ähnlichen Zustand. Es gibt keine Refrains oder Wiederholungen, so kann das Gehirn abschalten kann und versucht nicht länger vorherzusagen, was als nächstes geschieht.

Und es funktioniert auch umgekehrt: Ein schneller Rhythmus bringt den Körper in Fahrt. Schon im antiken Griechenland wurde während der Olympischen Spiele Musik gespielt, um die Leistungsfähigkeit der Athleten zu steigern. Dr. Costa Karageorghis, Sportpsychologe an der Londoner Brunel-Universität, hat für unterschiedliche Sportarten den jeweils richtigen Beat gefunden, der die Leistung um bis zu 15 Prozent verbessert und den Hörer nach dem Sport sogar weniger erschöpft fühlen lässt. Runnin’ von Naughty Boy feat. Beyonce’ and Arrow Benjamin (140 bpm) eignet sich hervorragend zum schnellen Laufen, für den Endspurt empfiehlt er Run With The Wolves von Prodigy (166 bpm). Blondie’s One Way Or Another (161 bpm) lässt die Beine während einer intensiven Spinning-Session wie von selbst exakt 80,5 mal pro Minute rotieren. Sein sehr langsames Tempo von 77 bpm und die aggressiven Lyrics machen Power von Kanye West perfekt für das Trainieren mit Gewichten.

Das Leben könnte also deutlich angenehmer sein, wenn man die richtige Musik im Hintergrund laufen lässt. Man muss nur den passenden Rhythmus kennen.

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