Da braut sich was zusammen

Amerikanerinnen beraten sich in sozialen Netzwerken, wie man mit pflanzlichen Essenzen Abtreibungen herbeiführen kann, obwohl diese hochgefährlich sind. Unsere Kolumnistin über die verheerenden Folgen frauenfeindlicher Politik.

Sadebaumsaft: Seitdem 19. Jahrhundert eine hochgefährliche Methode abzutreiben. 

Foto: Maurizio Di Iorio

Wer im 19. Jahrhundert eine Abtreibung wollte, konnte verschiedene pflanzliche Mittel probieren. Oft basierten sie auf Mutterkorn oder Beifuß, Schwarzer Nieswurz, Haselwurz oder Poleiminze. Die Wurzeln wurden als vaginale Zäpfchen verwendet, die Kräuter ausgekocht und der Sud getrunken. Das Mittel aber mit der größten Verbreitung noch Ende des 19. Jahrhunderts war laut dem Berliner Pharmakologen Louis Lewin eine Essenz aus den ausgekochten Zweigspitzen des Sadebaums – mit erheblichem Risiko auch für das Leben der schwangeren Frau.

Wer im 21. Jahrhundert eine Abtreibung will, ist in manchen Ländern keinen Schritt weiter. US-amerikanische Frauen teilen seit einigen Wochen Anleitungen für pflanzliche Abtreibungstränke über TikTok, Twitter und Instagram. Stichwort: »DIY abortion«. Also: selbst gemachte Abtreibung.

Wollen wir, dass Frauen demnächst eine Ampulle Sadebaumkonzentrat in der Handtasche haben, so wie politische Gefangene Zyankali? Ich will nicht mal die Light-Version, in der Frauen sich eine Abtreibungspille Mifegyne im Ausland bestellen und ins Schmuckkästchen legen, weil unklar ist, ob die Demokratie, in der sie leben, gerade bereit ist, die juristische Konstruktion aufrechtzuerhalten, die ihre Selbstbestimmungsmöglichkeiten wahrt, oder nicht.

Auch in Deutschland ist nichts sicher. Abtreibung ist hier eine Straftat. Weil Deutschland eine staatliche Schutzpflicht für den Embryo übernimmt, eine Art Zwangspatenschaft. Der Staat begreift sich als Hüter des ungeborenen Lebens im Bauch einer Frau und hat sich mit Macht gegen diese Frau ausgestattet. Und das, wo es den Embryo nur in der Frau, mit der Frau, wegen der Frau und durch die Frau überhaupt gibt und geben kann. Der Staat aber stellt sich »dazwischen«. Geografisch absurd und moralisch anmaßend.

Der viel gerühmte »Kompromiss«, die Fristenlösung, wonach die abtreibende Frau straffrei ausgeht, solange sie eine Abfolge von Ablasstätigkeiten ausführt, ist keiner. Etwas, das im Strafgesetzbuch stattfindet, ist kein Kompromiss zwischen der Würde der Frau und dem entstehenden Leben. Es ist ein Kompromiss zwischen der biologischen Realität der Frau und dem Anspruch, sie zu kontrollieren. Um das entstehende Leben zu würdigen und einzubeziehen, braucht es keine Drohkulisse, keinen Strafparagrafen, keine medizinische Unterversorgung, keine unklaren Machtverhältnisse beim Beratungsgespräch, keine Demütigung, kein Rechtsgut in einer Erwachsenen – es sei denn, man misstraut der Frau an sich. Es ist doch anders­herum: Für den Zweifel braucht es Raum, Offenheit und Wohlwollen. Ein Gespräch auf Augenhöhe mit jemandem, den man schätzt, und nicht eines, in dem nach 30 Minuten eine Fremde mit ihrer Unterschrift bestätigt, dass man abtreiben darf. Das ist würdelos.

Einen echten Kompromiss gibt es nur unter der Prämisse, dass die Frau eine freie Entscheidung treffen kann. Dagegen, aber ebenso dafür. Dafür ist eine Revolution nötig – und sehr viel Geld. Erst ein menschenwürdiges Elterngeld unabhängig vom vorherigen Ein­kommen, später ein Sorge-Soli, gestaffelt nach Einkommen, mit dem man unabhängig von einer Partnerschaft leben kann. Mütter sind in diesem Land überlastet und unter­bezahlt, ungeschützt und abhängig – weil das politisch so flankiert ist.

Nebenbei in Kauf genommen wird eine Wesensdeformation. Statt Freiheit gibt es ein Leben in Abwehr. Weil es de facto so ist, dass der Staat im Frauenkörper Güter identifizieren kann. Die aktuelle Lage drängt die Frau in ein Geistesleben, bei dem sie sich Tabletten organisiert oder beim Spazierengehen übt, den Sadebaum zu bestimmen.