Darf eine Klasse neben einer KZ-Gedenkstätte Spaß haben?

Klassenfahrt des Achtjährigen: Die Lehrerin hat eine Jugendherberge gewählt, die an das ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen grenzt. Ist es in Ordnung, wenn die Kinder dort »einfach eine gute Zeit haben«? 

Illustration: Serge Bloch

»Für die Klassenfahrt unseres achtjährigen Sohnes wurde eine Unterkunft in Sachsenhausen gefunden. Die Jugendherberge grenzt fast direkt an die Gedenkstätte des KZ. Die Klasse möchte die Gedenkstätte nicht besuchen, was wir auch angesichts des Alters und der kurzen Vorbereitung keine gute Idee fänden. Die Kinder sollen laut Lehrerin einfach eine gute Zeit dort haben, ein Freizeitprogramm wurde entworfen. Wir sind die einzigen Eltern der Klasse, die es geschmacklos finden, an diesem Ort eine fröhliche Klassenfahrt zu veranstalten. Gleichzeitig sehnt sich unser Sohn danach mitzufahren. Wie können wir den Konflikt lösen?« Julie T., Berlin

Entscheidend scheint mir hier zu sein, dass Sachsenhausen heute eine Gedenkstätte ist. Und ein Museum. Die Jugendherberge grenzt also nicht an ein Konzentrationslager, sondern befindet sich in direkter Nachbarschaft zu einem umsichtig geführten Ort des Erinnerns. Wobei die französische Schriftstellerin und Dramatikerin Yasmina Reza erst jüngst darauf hinwies, dass so etwas wie ein Ort des Erinnerns ein Ding der Unmöglichkeit ist. Erinnerung ist etwas Persönliches, das sich nicht allgemein draufschaffen lässt, und zwar nirgends, auch nicht am Ort des Geschehens. Reza sagte dies in Interviews über ihren neuen Roman Serge, der unter anderem von einem Besuch dreier erwachsener Geschwister, französischer Juden, in Auschwitz handelt. In der Gegenwart, wohlgemerkt. Als Reisende. Touristen.

Wer einmal auf Tripadvisor nach Auschwitz guckt, versteht schnell, worum es sich bei diesem Ort heute handelt: eine Sehens­würdigkeit, bei der die langen Wartezeiten vor den Toiletten bemängelt werden, sonst aber im Großen und Ganzen Zufriedenheit herrscht: »Beeindruckend, bedrückend – muss man gesehen haben!«, schreibt eine Besucherin aus Hanau und gibt fünf von fünf Punkten. Auch Sachsenhausen hat heute nichts mehr gemein mit dem Ort, an dem zwischen 1936 und 1945 Zehntausende ermordet wurden. Heute ist es in erster Linie, nun ja, ein Ort, Ortsteil der Stadt Oranienburg in Brandenburg. Menschen wohnen hier. Es gibt eine Kirche, zwei Schulen, einen Turnverein, eine Polizei. Es gibt die Gedenkstätte. Und daneben die Jugendherberge, die auch jüngeren Kindern einiges zu bieten hat. Man kann Tischtennis spielen, kickern, im 200 Meter entfernten Lehnitzsee baden, Fahrräder leihen.

Ich finde es großartig, dass Sie bei diesem Thema so sensibel sind, glaube aber nicht, dass eine Klassenfahrt nach Sachsenhausen Ihrem Sohn schadet. Es ist geschehen – und dass es nie wieder geschehen wird, dafür treten die Gedenkstätten an.