Wie Delfine Menschen erforschen

Im Wasser vor Irland staunte der Tierfilmer Roland Gockel darüber, wie neugierig, charmant und humorvoll Delfine auf Taucher reagieren – bis hin zum Versuch eines Delfin-Weibchens, sich ein schickes menschliches Kleidungsstück überzuziehen.

Wiedersehensfreude: Das Delfinweibchen Mara begrüßt den Tierfilmer Roland Gockel – und umgekehrt.

Foto: Roland Gockel

Der aus Duisburg stammende Kameramann und Tierfilmer Roland Gockel lebt heute in einer mit Tier-Fundstücken aus aller Welt angefüllten Dachgeschosswohnung in Berlin.

Anfang der Neunzigerjahre sollte ich in Irland meinen ersten Delfin filmen. Freunde, die damals in dem Fischerörtchen Dingle lebten, nahmen mich in ihrem Holzboot mit, weil es in der Bucht einen Solitärdelfin gab. Solitärdelfine, das sind meist Große Tümmler, die sich – ohne dass es dafür eine richtige Erklärung gibt – aus ihren Schulen gelöst haben und manchmal ihr ganzes restliches Leben, manchmal auch nur Monate oder Jahre, als Einzelgänger verbringen und ein überdurchschnittliches Interesse an anderen Arten haben.

Fungie, wie die örtlichen Fischer ihn nannten, lebte damals seit etwa zehn Jahren in dieser Bucht – ein ausgesprochen großer und kräftiger Tümmler von knapp vier Metern Länge. Ich saß in diesem Boot und dachte: »Oh, da habe ich Schiss.« Was der für ein Tempo hatte, als er das Boot begleitete! Und was der für Sprünge machte! Ich bin dann von meinen Freunden mehr oder weniger – wie ein Fallschirmspringerneuling am Rand des offenen Flugzeugs – ins Wasser komplimentiert worden.

Dann war der aber ganz achtsam und vorsichtig. Es war überhaupt keine Aggression spürbar. Und gleich der zweite Eindruck: Das Tier hat Humor. Fungie machte sich bei den eher mittelmäßigen Sichtverhältnissen im Nordatlantik einen Spaß draus, sich immer in meinem Rücken zu halten; sich also im gleichen Tempo, in dem ich mich drehte und wendete, mitzudrehen. Vom Boot sah das so aus, dass ich ihn suche, das Wasser vor mir abscanne und er eigentlich die ganze Zeit direkt hinter mir ist. Irgendwann kam er dann mal so ganz generös rum.

Ein ähnliches Verhalten filmte ich Jahre später – auch wiederum in Irland –, als wir einen Film speziell über Solitärdelfine machten; und zwar bei einem Großen Tümmler namens Duggie, der an der Nordküste eine besondere Freundschaft mit einem Labrador hatte. Manchen Biologen ist das Phänomen Solitärdelfin ja ein bisschen suspekt. Vor allem, weil es in Sachen biologischer Effizienz nicht dem Fortpflanzungserfolg oder der Weiterentwicklung der Art dient. Für die sind das gestörte, traumatisierte Tiere. Wogegen ich, nach inzwischen sehr, sehr vielen Begegnungen mit Solitärdelfinen, denke, dass das zwar hin und wieder der Fall sein kann – aber es ist nicht die Tendenz. Mein Eindruck ist eher: es sind Tiere mit einem außergewöhnlichen Kommunikationsinteresse, die ihre eigenen Artgenossen auch gar nicht ablehnen, sondern die eine Neugierde haben, die weit über den Schnitt ihrer eigenen Art hinausgeht; die sich also auch durch eine außergewöhnliche Intelligenz auszeichnen.

Mit diesem Labrador war es so, dass er immer begeistert ins Wasser sprang und dem Delfin hinterherpaddelte, sobald er ihn auch nur sah. Ohne, dass er natürlich den Kopf unter Wasser stecken konnte. Das heißt, er konnte den Delfin nur mitkriegen, wenn der sich zeigte. Oder wenn der Delfin unter ihm war und – sozusagen auf dem Rücken liegend, damit er nach oben gucken konnte – Luftblasen unter dem Hund hochblubbern ließ, sodass der einerseits kurz mal Leerlauf hatte, weil seine Beine in der aufsteigenden Luft weniger Widerstand fanden, er aber auch wusste: Der Delfin ist genau unter ihm. Und manchmal tauchte Duggie dann halt auf und hob vor dem Hund den Kopf extra hoch aus dem Wasser. Ich hatte fast das Gefühl, er hatte Mitleid mit ihm. Es rührte ihn, mit welcher Hingabe dieses Wesen einer anderen Art versuchte, ihm zu folgen. Das war sehr süß.

Es hat mich sehr berührt, auf einmal selber zum Forschungsobjekt eines Tieres zu werden

Diese Beobachterposition – die nahm auch noch ein dritter Delfin gerne ein. Und zwar Mara, ein Weibchen, das wir bei Galway an der Westküste filmten. Vor allem aber schleppte sie gern Sachen an, um zu gucken, was man damit macht. Sachen, von denen sie wusste: Die haben mit dem Menschen zu tun. Nen Flipflop; ne verlorengegangene Schwimmflosse ... Sie fand es hochinteressant, wenn man das an- oder auszog. Einmal brachte sie mir ein normales Algenknäuel. Ich dachte: »Jetzt bringt sie mir ein Algenknäuel. Was soll ich denn damit?« Dann war aber in diesem Knäuel ein abgerissener Angelhaken drin – noch mit einem Rest Schnur. Oder einmal kam sie und trug quasi eine Baseballmütze. Wohl, weil sie das bei Leuten über Wasser gesehen hatte. Die saß dann halt so ein bisschen schief auf ihrem Kopf. Eine knallrote Ferrari-Baseballmütze. Nichts geringeres.

Sie suchte aber genauso die Gesellschaft von Seerobben, die da unterwegs waren. Und wohl auch – das habe ich allerdings selber nicht erlebt – die einer bestimmten Haiart, eines Basking Sharks, also eines Riesenhais, mit dem sie dann rumschwamm. Sie guckte sich die Tier- und Menschenwelt genau an. Wenn man mit ihr unterwegs war, fragte man sich: »Wer ist hier eigentlich der Forscher? Wer guckt hier eigentlich, wer worauf und wie reagiert?« Das hat mich sehr berührt – auf einmal selber zum Forschungsobjekt eines Tieres zu werden.

Alle diese Delfine – auch Fungie, das inzwischen alte Männchen, das sich am Anfang hinter meinem Rücken versteckt hatte und das ich seitdem mehrmals besucht habe – wussten auch sehr genau, was eine Schiffsschraube ist und wie sie sich auswirkt. Ich habe unter Wasser gefilmt, wie zum Beispiel Duggie bei einem Fährschiff im Hafen die sich im Leerlauf drehende Schraube untersucht. Dann schickt er da Blasen drunter – genau wie mit dem Labrador –, guckt sich an, wie die Schraube wegen des verringerten Wasserwiderstands kurz aufdreht und wieder langsamer wird; schickt noch mal Blasen drunter; guckt sich das wieder an; guckt sich an, wie das Ruder geht ...

Auch die Fangmethoden, mit denen die Leute dort was einfangen und aus dem Wasser rausholen, interessierten alle drei. Und sie begleiteten auch gern die Fischer. Das Weibchen Mara untersuchte oft die Hummerreusen; wie sie am Seil absinken, wie die Klappe funktioniert, was drin ist, wie das Ganze wieder eingeholt wird ...

Interessant ist auch: es geht diesen Tieren gar nicht darum, dass bei den Kontakten was für sie abfällt. Fungie sollte mal für eine Szene im Kinderprogramm gefüttert werden. Man probierte alles mögliche aus. Und er nahm dann wohl irgendwann mal einen Kalmar. Also dachte man: »Prima, so drehen wir’s am nächsten Tag.« Dann brachte er aber am nächsten Tag einen Kalmar zurück! So nach dem Motto: »Heute geht die Runde an mich.« Was man also Tieren oft unterstellt – dass sie einen attraktiv finden, weil man als Futterquelle dient –, das ist gar nicht in dem Konzept dieser Delfine drin.

Ich hatte jetzt noch mal mit dem Weibchen einen Dreh. Mit Mara. War vier Jahre lang nicht dagewesen. Da gibt es eine Frau, die schwimmt als Lebensberufung so oft es geht mit ihr. Ist drei Viertel des Jahres in Irland. Kennt sie auch bestens. Und ich war dafür angeheuert, die beiden zu filmen; bin dann ebenfalls ins Wasser rein; der Delfin ist schon da und zieht seine Zirkel; die Frau ist da; ich positioniere mich mit Druckluftflasche am Grund und sehe, dass der Delfin im Schlafmodus ist. Das heißt, er schwimmt sehr gleichmäßig – in einer schönen, großen Achterschlaufe – immer wieder die gleiche Strecke ab. Auf einmal stoppt er, macht die Augen auf, guckt mich an – und ist völlig begeistert; kommt ganz nah ran, die Frau interessiert ihn überhaupt nicht mehr, er drückt sich an mich, begleitet mich, untersucht alles, was ich dabei habe, weicht mir nicht mehr von der Seite.

Da ich die Frau länger kenne, war das zum Glück okay. Sie hatte ihren Spaß daran mitzukriegen, wie dieser Delfin mich wiedererkannte. Aber als Kameramann war mir die Situation unangenehm. Ich kann da nicht drehen, wenn der sich auf einmal nur noch für mich interessiert! Und gleichzeitig war ich natürlich berührt. Ich hatte einen anderen Taucheranzug an als das letzte Mal; hatte wahrscheinlich auch andere Flossen; Taucherbrille auf; war also gut getarnt, sollte man denken. Der Delfin erkannte mich trotzdem – und zeigte halt diese totale Wiedersehensfreude. Hinterher waren auch noch zwei andere Leute mit im Wasser; das hat ihn alles nicht interessiert.

So eine Begegnung macht natürlich was mit mir. Und sie macht auch was mit den Tieren. Wir erlebten eine ähnliche Situation mit dem Labrador, der immer mit Duggie geschwommen war. Duggie war inzwischen verschwunden. Möglicherweise war er also einer jener Solitärdelfine, die ihr Einzelgängertum irgendwann auch wieder aufgeben. Nun hatten wir aber festgestellt, dass wir noch Bilder brauchten – die wir nachstellen mussten. Kamen also mit der gleichen Frau, die wir damals mit Mara gefilmt hatten und die uns dann auch zu Duggie begleitet hatte, und mir als Kameramann dort an, drehten und gingen ins Wasser. Der Labrador war immer noch da. Er hatte den Delfin zwei Jahre lang nicht gesehen. Hatte aber immer wieder am Hafen Ausschau gehalten. Er war der Hund des Fährmanns, der in einiger Entfernung auf einem Hügel wohnte. Und nun sieht er, wie wir da unten ins Wasser gehen; sieht die Frau; sieht mich mit der Kamera; ein Schalter legt sich um; er gibt Vollgas; rennt den Hügel runter; rennt den Kai entlang; springt ins Wasser und fängt an, nach dem Delfin zu suchen. Offenbar hatte er unsere Anwesenheit sofort gleichgesetzt mit: »... dann ist der Delfin auch wieder da!« War er aber leider nicht. Es war nur ein banaler Nachdreh. Aber wer weiß, vielleicht kommt der Delfin eines Tages zurück.

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