Spitzenklasse

Carina fühlt sich in einem der besten Internate des Landes wohl wie zu Hause.

Zuhause: ein Doppelzimmer mit Blick über Wald und Wiesen
Schule: Internat Salem, Burg Hohenfels
Eltern: Geschäftsführer, Mitarbeiterin einer Bauträgerfirma
Geschwister: keine
Taschengeld: 12 Euro im Monat, von der Schule vorgeschrieben
Berufswunsch: weiß sie noch nicht
Lieblingsessen: Spaghetti, Pizza, Cordon bleu
Lieblingsstar: Brad Pitt
Größter Wunsch: mit Delfinen schwimmen
Sommerferien: London, dann eine Radtour um den Bodensee

Heute ist der letzte Tag, an dem Carina 13 ist, morgen wird sie 14. Sie hat ein gutes Jahr hinter sich, ein viel besseres als mit zwölf oder gar mit elf. Damals kam sie aufs Internat und alles war ein bisschen viel für sie. »Früher haben mich alle als Mauerblümchen bezeichnet«, sagt sie. »Jetzt bin ich aus mir herausgekommen.«

Gerade kommt Carina vom Saxophon-Unterricht zurück in ihr Zimmer. Sie trägt eine Miss-Sixty-Jeans mit schräg aufgenähten Taschen ­ nur während des Unterrichts muss sie die Schuluniform anziehen, die aus Jeans, Hemd und einem blauen Pulli besteht. Sie ist Schülerin in Salem, Deutschlands bekanntestem Internat; ihre Eltern bezahlen jeden Monat 2145 Euro »Pensions- und Erziehungsgeld«. Ihre Schule befindet sich in der Burg Hohenfels, einem alten Gemäuer im Wald nördlich des Bodensees, und dort herrscht strenge Disziplin: Fernsehen, Computerspiele, mit dem Handy telefonieren, Bravo lesen ­ – verboten. Carina darf weder anziehen, was sie will, noch Schokolade essen, wann sie will. Jeden Abend wird ihr Zimmer kontrolliert, und wenn ihr Schreibtisch unordentlich ist, bekommt sie auf der Strichliste im Flur einen Minuspunkt. Und wenn die Lehrer in ihrem Schrank Kaugummi oder eine Dose Cola entdecken würden, müsste sie zur Strafe einen zwanzigminütigen Waldlauf absolvieren.

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Doch es war nicht die strenge Hausordnung, was ihr zu schaffen machte, als sie vor drei Jahren in die fünfte Klasse kam – ­ damals war sie wohl einfach noch zu klein. Sie hatte fürchterliches Heimweh und Schwierigkeiten, sich in der Klasse zu behaupten, vor allem gegenüber einer dominanten Mit-schülerin. »Die hat sich als etwas Besseres gefühlt, weil sie ›von‹ heißt. Sie hat alle anderen unterdrückt.« Carina sitzt auf ihrem Schreibtischstuhl und erzählt ganz ruhig von jener Krise, die »das Schlimmste war, was mir bis jetzt in meinem Leben passiert ist«. Offensichtlich hat sie diese Zeit überwunden; nur ein letztes Problem aus jenen unglücklichen Monaten schleppt sie noch mit sich herum: das Nägelkauen. »Das mache ich, wenn ich Stress habe oder unsicher bin.« Sie schweigt einen Moment. »Aber jetzt will ich endlich aufhören!«, sagt sie entschlossen und hebt beide Hände ­ – sämtliche Fingerkuppen sind mit Pflaster beklebt.

In einer Gemeinschaft zu leben, sich an Regeln zu halten und auf faire Weise seine Interessen zu vertreten forme den Charakter, so das Credo der Schulleitung. Dadurch werde jener Anspruchshaltung vorgebeugt, die entstehen kann, wenn Eltern ihren Nachwuchs vor allen Widrigkeiten des Lebens in Schutz nehmen. In Salem würden die Kinder deshalb schneller erwachsen als zu Hause. »Man merkt schon, dass wir dazu gebracht werden sollen, Verantwortung zu übernehmen«, sagt Carina und berichtet von einem Orientierungslauf mit Kompass, bei dem die Schüler in Vierergruppen ihren Weg durch den Wald finden mussten, ohne Erwachsene. Auch die Gemeinschaftsdienste, Pflicht für alle Schüler, sollen zu verantwortungsbewusstem Handeln erziehen; Carina hat sich im vergangenen Jahr zum Beispiel darum gekümmert, dass der Musikunterricht reibungslos abläuft. So muss sie ihre Reife, anders als die meisten Jungen und Mädchen, nicht in emotional aufgeladenen Konflikten mit ihren Eltern erkämpfen, sondern durchläuft ein pädagogisches Programm, das im besten Fall nahezu automatisch eine Persönlichkeitsentwicklung nach sich zieht.

Carina hat heute die Selbstsicherheit eines Menschen, der gut aufgehoben ist in seiner Umgebung, gefordert und unterstützt wird. Bereitwillig erzählt sie vom Internatsalltag und den anderen Jungen und Mädchen hier, sie redet schnell und gewandt, und als sie einen Lehrer erwähnt, springt sie auf, um dessen kuriose Gestik nachzuahmen. Ihr Tag ist nahezu komplett ausgefüllt mit Unterricht, Arbeitsgruppen, Hockey, Hausaufgaben und Gemeinschaftsdienst. Freizeit hat sie kaum, von den Medien werden die Schüler fern gehalten. Popmusik darf auf Burg Hohenfels nur zu bestimmten Zeiten gehört werden und der Fernseher im Gemeinschaftsraum ­ – drei Programme – ­ wird in der Regel nur samstags eingeschaltet. Es ist nicht so, dass Carina das toll findet, ihren Laptop hätte sie zum Beispiel schon gern hier und ab und zu Viva gucken wäre auch nicht schlecht. Doch die vielen Regeln stören sie nicht wirklich, »ich habe mich daran gewöhnt«. Wird das so bleiben? Im Moment ist Carina in einem Alter, in dem sie das Leben im Internat als Bereicherung, nicht als Beschränkung sieht. Das könnte bis zum Abitur andauern. Doch wenn Carina mit 14 oder 15 unbedingt cool werden will und die große pubertäre Rebellion anzettelt, hätte sie ein Problem: Widerspruch wird in Salem nicht geduldet.

Andererseits hat das Leben im Internat für Heranwachsende einen entscheidenden Vorteil ­ – die Nähe der Geschlechter. Zwar ist es den Mädchen streng verboten, ohne Erlaubnis in die Jungsquartiere zu gehen, und umgekehrt, doch man kommt natürlich trotzdem leichter in Kontakt als auf einer normalen Schule. Carina hatte dieses Jahr einen Freund aus einer Parallelklasse, und obwohl das nach ein paar Monaten vorbei war, findet sie die meisten Jungs hier echt okay. »An normalen Schulen sind die Jungs doch immer ein bisschen zurück«, sagt sie und liefert dann das vielleicht beste Argument für den charakterbildenden Einfluss des Internats. »Solche kindischen Typen wie draußen gibt es hier gar nicht.«

Foto: Konrad R. Müller

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