»Blumen sind ein absolutes Klischee«

Niemand entwirft so kunstvolle Blumenkleider wie der Belgier Dries Van Noten. Es versteht ja auch kaum ein Designer so viel von Gartenarbeit wie er.

Dries Van Noten ist eine ungewöhnliche Figur in der Mode: Er richtet sich kaum nach Trends, entwirft wenig Accessoires, gehört keinem Luxuskonzern an - und ist erfolgreicher denn je.

SZ-Magazin Sie wohnen außerhalb von Antwerpen im Grünen. Ihr Garten ist zwanzig Hektar groß. Stimmt es, dass Sie seinerzeit in dieses Haus gezogen sind, um Ihre Beziehung zu retten?
Dries van Noten: Das ist vielleicht ein bisschen drastisch ausgedrückt. Mein Partner und ich wohnten früher ganz in der Nähe des Ateliers und merkten beide, dass uns das nicht gut tat. Er arbeitet auch für die Firma, wir blieben lange im Büro, kaum waren wir zu Hause, ging einer noch mal schnell zurück, um irgendeine Kleinigkeit zu erledigen. Mode kann wahnsinnig einnehmend sein, man sieht nichts anderes mehr – wir mussten unseren Blick mal wieder auf etwas anderes lenken.

Hat es funktioniert?
Allerdings, ein Garten kann nämlich auch sehr vereinnahmend sein, oder sagen wir: dominant. Selbst in sehr stressigen Zeiten sage ich jetzt manchmal: Ich muss nach Hause, meine Pfingstrosen wässern.

Und das geht?
Designer versuchen immer, alles zu kontrollieren, Gott zu spielen. Der Druck, vier Kollektionen pro Jahr zu entwerfen, ist riesig – zwei für Männer, zwei für Frauen. Ich kann nicht sagen: Ich bin nicht fertig, ich mache keine Show. Das ist wahrscheinlich der Traum jedes Designers – einfach mal eine Saison aussetzen! Aber es muss immer weitergehen. Deshalb ist ein Garten der perfekte Ausgleich für mich. Um ihn zu genießen, muss man ihm zuhören, seinem Rhythmus folgen, die Natur lässt sich nicht kontrollieren. Das holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück.

Sie gelten als penibel. In Ihrem Stoffarchiv lagen vorhin ein paar einzelne Rollen auf dem Boden – da sagte Ihr Mitarbeiter entsetzt, so ein Durcheinander habe er hier noch nie gesehen. Sind Sie in Ihrem Garten genauso akkurat, oder darf es dort ein bisschen verwildert zugehen?
Wild und gärtnern gehen nicht zusammen. Die kompliziertesten Gärten sind die, die ein bisschen hübsch verwildert aussehen sollen. Sie können nicht sagen: Ich habe das gepflanzt, das wächst jetzt mal so vor sich hin. Sie müssen es beobachten. Wir haben eine blaue Glockenblume zwischen den Rosen gepflanzt, das war farblich fantastisch. Leider hieß es im Katalog, sie werde einen Meter hoch, in unserer Erde wuchs sie bis auf 1,60 Meter und überragte die Rosen, also mussten wir sie versetzen und eine andere, etwas moderatere Sorte finden.

Sie designen Ihre Beete?
Natürlich. Ich liebe es, abends im Internet nach Blumenarten zu recherchieren, die wir noch nicht haben, die sich aber von der Form her und farblich toll mit unseren kombinieren ließen. Dann male ich auf, was ich umsetzen will.

Woher wissen Sie so viel über Pflanzen?
Mein Vater hat gegärtnert. Als Kind habe ich es gehasst.

Warum?
Hasst man nicht alles, wozu man gezwungen wird? Ich wollte lieber David Bowie im Fernsehen sehen statt Unkraut zu jäten.

Heute sagen Sie, Ihr Garten sei eine der großen Inspirationen für Ihre Kollektionen. Yves Saint Laurent, Christian Dior, John Galliano, Valentino – sie alle hatten oder haben prachtvolle Gärten. Was fasziniert Designer daran so sehr?
Ich glaube, es ist die Suche nach Schönheit. Wir versuchen, etwas zu entwerfen, was dem Auge gefällt, gleichzeitig aber tiefer geht. Es ist nicht nur eine Hülle: Du lebst in der Kleidung, du bewegst dich darin. Genau wie im Garten, da ist Schönheit, in der wir leben und in der wir uns bewegen. Die Natur um uns herum verändert sich, entwickelt sich weiter, vergeht – es gibt viele Parallelen zur Mode.

Sie sind bekannt für außergewöhnliche Blumenprints …
… die aber nicht eins zu eins aus meinem Garten stammen, falls Sie
darauf hinauswollen. Blumen gehören zu den klassischsten Mustern überhaupt: süß, niedlich, kunstvoll – ein absolutes Klischee. Und bei allem, was ich tue, spiele ich gern mit Klischees. Was die Leute gut kennen und für selbstverständlich halten, gibt dir viel mehr gestalterische Freiheit. Sie sind dann erst mal irritiert: Finde ich das gut? Oder furchtbar? Oder am Ende gar nicht so schlecht? In der vergangenen Winterkollektion hatten wir sehr grafische Motive, inspiriert von der Malerin Bridget Riley. Alles sehr streng, kontrolliert. Dem wollte ich etwas Spontanes entgegensetzen. Wir haben dann mit großen Pinselstrichen silberne Farbe auf die Stoffe gemalt. Und Blumen in leuchtenden Farben.

Sie entwerfen alle Ihre Stoffe selbst. Jede Kollektion hat Referenzen zur Musik, zur Literatur, zu vergangenen Epochen. Was, wenn Ihre Kunden nichts davon kapieren?
Solange sie das Kleidungsstück wertschätzen, müssen sie gar nichts davon verstehen. Wenn ich jedem erst einmal meinen kreativen Parcours erläutern muss, damit er am Ende sagt: »Ah, jetzt finde ich es toll!«, dann stimmt etwas nicht. Das Teil muss für sich selbst sprechen. Es ist wie im Restaurant. Wenn dir das Essen nicht schmeckt, können die Zutaten noch so gut sein. Aber wenn es außergewöhnlich war, möchtest du hinterher vielleicht wissen, wie genau es gemacht wurde.

Bei Ihrer Präsentation der Frühjahr-Sommer-Kollektion in Paris liefen die Models über einen moosartigen Teppich, am Ende legten sich alle darauf nieder. Was wollten Sie damit sagen?
Die Idee dieser Kollektion war ein Sommernachtstraum. Keine Regeln, trag schwere Jacquardstoffe und Blumen und Muster und alles zusammen, vollkommen egal, zieh es einfach an, trag einen bequemen Schuh dazu, es sind doch nur Kleider, lebe dein Leben! Und was wäre selbstverständlicher, als sich am Ende einfach hinzulegen?

Normalerweise stapfen die Models mit starrem Blick und im Stechschritt durch das Finale.
Aber es muss eben nicht immer alles schnell und schrill und cool sein. Es geht im Leben hoffentlich noch um etwas anderes als Coolness.

Dries Van Noten ist noch eine der wenigen unabhängigen großen Marken – anders als Gucci oder Saint Laurent, die zum Luxuskonzern Kering gehören, oder Céline und Louis Vuitton von LVMH. Sie können Ihr eigenes Tempo bestimmen.
Aber dafür trage ich hier auch allein die Verantwortung für alle meine Angestellten, meine Lieferanten. Wenn bei mir etwas schiefgeht, habe ich keinen großen Konzern hinter mir, der das auffängt.

All die Übernahmeangebote, die Sie bekommen – warum nehmen Sie nicht mal eines an?
Ich habe schon so viel erlebt in der Mode, dass ich dann doch ganz glücklich bin, das meiste selbst kontrollieren zu können. Wenn ich weiter wachsen würde, müsste ich zu all diesen Meetings rennen und hätte überhaupt keine Zeit mehr für das eigentliche Entwerfen. Aber sollten sich die Zeiten mal ändern und ich das Gefühl haben, es wäre gesünder für das Unternehmen, sich einer Gruppe anzuschließen – warum nicht?

»Wir müssen nicht jede Woche noch einen Sweater und noch ein paar Schuhe kaufen.«


Ende der Neunzigerjahre waren Sie angeblich kurz davor. Das war zu der Zeit, als Jil Sander und Helmut Lang an Prada verkauften. Sie sagten einmal, die großen Konzerne hätten damals so viele von den kleinen Lieferanten und Ateliers geschluckt, dass Sie kaum mehr wussten, wo Sie noch produzieren sollten.
Das war in vielerlei Hinsicht eine schwere Zeit für mich. Die Mode wurde extrem minimalistisch …

Ganz anders als Ihr romantischer, oft opulenter Stil.
Ja, und außerdem rückten Accessoires immer mehr in den Fokus. Vorher hatten wir Modemarken und Handtaschenmarken und Schuhmarken. Plötzlich machten alle alles, und der Anteil von Handtaschen am Gesamtumsatz wuchs bei vielen in der Branche auf vierzig, fünfzig, siebzig Prozent.

Bei Ihnen nicht. Accessoires machen von Ihrem Umsatz immer noch nur etwa 15 Prozent aus.
Aber damals war ich mir nicht sicher, ob ich diese Entwicklung überleben würde. Und dann änderte sich noch die ganze Vertriebsstruktur. Wir hatten einen Einzelhändler in Deutschland, dem ein großer italienischer Modekonzern plötzlich eröffnete: Wenn du dieses Label weiter einkaufen möchtest, musst du auch unsere anderen Marken bei dir führen. Für uns hieß das: »Sorry, Dries, wir lieben, was du machst, aber wir haben kein Budget mehr übrig.« Wir flogen aus dem Sortiment.

Ihr Vater führte eine Herrenboutique in Antwerpen, Sie sind darin praktisch großgeworden. War es für Sie schlimm zu sehen, wie sich dieses Geschäft änderte?
Wer bin ich, zu sagen, diese Entwicklung sei falsch? Ich kann nur darauf reagieren, wie ich es für richtig halte, und habe auf meine Weise weitergemacht.

Ihr Vater wollte ursprünglich, dass Sie seine Boutique übernehmen, statt Modedesign zu studieren.
Ich war seine einzige Hoffnung. Mein Bruder ist Arzt, meine beiden Schwestern hatten mit Mode nichts am Hut. Das war sehr hart für ihn. Da hat er sein Leben lang etwas aufgebaut, und dann will keines seiner Kinder diese Arbeit weiterführen. Statt an jemand anderen zu verkaufen, hat er am Ende lieber alles dichtgemacht.

Ihren ersten Store in Antwerpen eröffneten Sie in dem Laden seines ehemaligen Konkurrenten. Hat Ihr Vater sich dann mit Ihrer Berufswahl arrangiert?
Die ersten Jahre war es schwierig, er war vollkommen gegen alles, was ich tat. Ich konnte also nicht im Traum daran denken, nach Hause zu gehen und um finanzielle Unterstützung zu bitten.

Es war auch der Wunsch Ihrer Eltern, dass Sie eine Jesuitenschule besuchen. Als herauskam, dass Sie schwul sind, flogen Sie von der Schule.
Nein, nicht deshalb, sondern weil ich generell nicht in das Konzept passte, das die Jesuiten von Erziehung hatten. Ich war zu kreativ.

Vor Kurzem soll die Schule Sie gebeten haben, sich in das Goldene Buch einzutragen. Wie haben Sie reagiert?
Ich antwortete, dass ich das Gefühl hätte, das sei nicht angebracht. Erst werfen sie einen raus, und wenn man bekannt wird, ist man wieder gut genug. Im Nachhinein muss ich zugeben, dass ich ihnen eigentlich dankbar bin. Ich war sehr unglücklich dort. Für meine Eltern war es härter. Der Junge aus einer bürgerlichen Familie fliegt von der Schule – geht es noch schlimmer?

Ihre Arbeit wird häufig als »aufrichtige Mode« bezeichnet. Was soll das eigentlich heißen?
Dass wir keine Kleider machen, die heute in und morgen schon out sind. Unsere Stücke lassen sich lange tragen, gut kombinieren.

Als Sie vergangenes Jahr Ihre große Ausstellung in Paris hatten, wollten viele Kunden Ihnen alte Kleidungsstücke als Exponate zur Verfügung stellen. Sie konnten keines verwenden: alle zu durchgetragen.
Schön, oder? Wenn Leute etwas lieben, tragen sie es oft. Es wird ein Teil ihres Lebens.

Und was ist noch ehrlich an Ihrer Mode?
Der Preis. Wenn Sie ein über und über besticktes Teil bei mir kaufen, kann das 6000 Euro kosten. Das ist sehr teuer – weil ein ganzes Team von Nähern vielleicht 600 Stunden daran gearbeitet hat. Dafür hat ein T-Shirt aber den normalen Preis eines T-Shirts – womit ich nicht den Preis eines T-Shirts bei den großen Modeketten meine. Der ist irreal und verschiebt die Maßstäbe.

Was meinen Sie damit?
Überlegen Sie mal: Ein Turnschuh besteht aus vierzig verschiedenen kleinen Lederstücken, die ausgeschnitten und genäht werden müssen. Der Schuh muss verschickt, verpackt, verkauft werden und so weiter – und dann kostet er 99 Euro? Das kann nicht sein. Wenn ich den hier in Belgien fertigen ließe, käme ich mindestens auf 600 Euro. Aber ein handgemachter Schuh aus Italien für 500 Euro erscheint vielen jetzt zu teuer? Eben nicht. Die anderen sind zu billig!

Das Problem ist nicht neu. Was müsste Ihrer Meinung nach passieren? Höhere Löhne in den Fertigungsländern, sodass die Preise bei Zara und H&M steigen?
Oder wir senken einfach unseren Bedarf. Wir müssen nicht jede Woche noch einen Sweater und noch ein paar Schuhe kaufen.

In Ihren Kollektionen nehmen Sie gern alte Dinge auf und kombinieren sie neu. Es finden sich dort auch häufig Blumen wieder, die etwas aus der Mode gekommen sind.
Wie die Dahlie. Oder Gladiolen!

Wie kann eine Pflanze aus der Mode kommen?
Das passiert doch andauernd. Nehmen Sie die Baccara-Rose. Die war früher auf jedem Schlager-Cover zu sehen – natürlich ist die dann irgendwann vorbei. In den Siebzigern war alles knallig bunt, in den Achtzigern musste plötzlich alles weiß sein. Blumen natürlich auch.

Welche Sorte haben Sie kürzlich für sich wiederentdeckt?
Die Canna, auch Blumenrohr genannt. Eine halborientalische Pflanze, die in den Fünfzigern sehr beliebt war. Unglaubliche Blattstruktur.

Sie nehmen die Gartenarbeit wirklich ernst, oder?
Das ist, was man in einem Garten eben macht. Ich koche auch Marmelade ein, baue Gemüse an, all das. Allerdings wurde ich dazu erzogen, nichts wegzuwerfen, was Gott uns gegeben hat. Wenn die Zucchini besonders gut gedeihen, müssen wir uns also hundert verschiedene Arten überlegen, Zucchini zu essen.

Haben Sie irgendwelche Anbautricks, die Sie verraten?
Ich habe überhaupt keine Tricks. Ich habe sehr gute Gärtner.

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Das entspannte Finale der Frühjahr-Sommer-Kollektion 2015 von Dries Van Noten auf einem moosartigen Teppich.

Dries van Noten
Der heute 56-Jährige wurde als einer der »Antwerp Six« bekannt, eine Gruppe junger belgischer Designer, die Mitte der Achtzigerjahre als Avantgarde galt. Heute zählt Van Noten zu den erfolgreichsten unabhängigen Designern in der Modebranche. Seine Werkschau »Inspirations 2014« im Musée des Arts décoratifs im Pariser Louvre war eine der meistbesuchten Modeausstellungen eines noch aktiven Designers. Aktuell ist sie bis zum 19. Juli im MoMu in Antwerpen zu sehen.

Foto: Stephan van Fleteren

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