Darf's ein bisschen sehr viel mehr sein?

Mode neigt oft zur Übertreibung, doch jetzt kommt Camp, ein Trend, der das hemmungslose »Zuviel des Guten« zelebriert und ideal zum Zeitalter der Inszenierung passt.

Von links nach rechts: Raubtier beim Shopping - Lady Gaga als Großstadt-Leopardin; Flower-Cowboy auf Jacht­ausflug - Jared Leto trägt Blumensträuße nicht in der Hand, sondern im Knopfloch; Schmusesängerin nach Ufo-Entführung - Céline Dion bevorzugt die Tracht anderer Galaxien.

Fotos: Actionpress (2), Getty Images/Marc Piasecki

Bevor ein einziges Model über den schwarzen Plastiklaufsteg stolziert war, herrschte bereits Verwirrung im Publikum. Auf jener Louis-Vuitton-Show im Oktober 2010 hatte der damalige Kreativdirektor Marc Jacobs eine Art Beipackzettel auf die Plätze gelegt: zum besseren Verständnis der Kollektion. Vom »camp taste« war dort die Rede, einem Geschmack, der nur in Wohlstandsgesellschaften vorkommen könne. Jacobs zitierte damit Susan Sontags Essay Notes on »Camp« von 1964, der offensichtlich nicht allen Gästen geläufig war. Auf den Rängen wurde verschämt ge­googelt, ob man gleich glamouröse Campingausrüstung vorgeführt bekäme.

Die Models trugen dann Lurexkleider mit Paillettengürteln, Gold mit Fransen am Leib, handgemalte Glitzer-Zebramuster auf der Brust, bis alle kapiert hatten, dass Jacobs es hier offensichtlich übertrieb – und es darum gehen sollte. Aber was war Camp nun: glamouröser Disco-Kitsch? Einfach von allem zu viel? Die Ratlosigkeit blieb.

Vielleicht kann die Mode ja jetzt etwas mehr Klarheit in die Sache bringen, denn aktuell soll wieder alles camp sein. Die fluffigen Kleiderkokons von Comme des Garçons aus dem letzten Winter, wie aus Dutzenden Pfann­kuchen übereinander gestapelt, seien von Susan Sontags Ideen angeregt, sagte die Designerin Rei Kawakubo. Der Londoner Erdem Moralioğlu widmete seine viktorianisch-verrüschte Sommerkollektion mit Schleiern den frühen Transvestiten »Fanny and Stella«, die inder Mitte des 19. Jahrhunderts in ihren Briefen als Erste den Begriff »campish« verwendeten. Und die weltweit wichtigste Modeausstellung des Jahres, die am 9. Mai (bis 8. September 2019) im Metropolitan Museum of Art (kurz MET) eröffnet wird, trägt diesmal den Titel: Camp: Notes on Fashion.

Zu sehen sein werden dort etwa die berühmte ­Jacke von Jean-Charles de Castelbajac, die aus lauter kleinen Teddybären gefertigt ist, sowie ein türkisfarbenes Gucci-Cape mit Rüschenkragen, der bei näherem Hinsehen gar keiner ist, sondern nur ein Trugbild. Die New Yorker Schriftstellerin Susan Sontag, die 2004 starb, beschrieb die Essenz von Camp eben nicht einfach nur als Hang zur hemmungslosen Übertreibung, sondern als die »Liebe zum Unnatürlichen: zum Kunstgriff (artifice) und zur Übertreibung«. Nicht alles ist, was es zu sein scheint – nicht einmal Camp selbst.

Die Kuratoren des MET führen die Anfänge auf das französische Verb »se camper« zurück, »eine übertriebene Pose einnehmen«, wie es­exzessiv am Hof von Versailles gelebt wurde. Das Dasein als einzige große Performance: Demnach wäre der Sonnenkönig eine Art Urvater der ­Bewegung. Auf ihn folgte im 19. Jahrhundert der klassische Dandy, später die Subkultur der Schwulen, die »selbst ernannten Aristokraten des Geschmacks«, wie Sontag sie nannte. Doch der alte Dandy verabscheute das Vulgäre, dagegen amüsiert sich seine moderne Version an den »derbsten und gemeinsten Vergnügen der Massen« (Sontag); obwohl er natürlich nach wie vor über die Codes der Hochkultur verfügt. Letztlich ist Camp Dandyismus in der Massenkultur.

Ludwig der XIV. gilt als möglicher Urvater des Camp, des Einnehmens einer übertriebenen Pose. Hier stimmt natürlich alles: der Ist-irgendwas-Blick, die Opulenz von Form, Farbe und Frisur, die Umwidmung einer Waffe zum lieblichen Accessoire.

Vulgäres Zeug gibt es in der Mode heute mehr als genug. Denn die große Pose ist im Zeitalter von Social Media ja eine Währung. Viele buhlen da um die größere Aufmerksamkeit, die bessere Show. Vor allem auf Instagram geht es selten um Inhalte, fast nur noch um Ästhetik. Auch deshalb ist das Thema so zeitgemäß: Die Mode der vergangenen Jahre hat weniger auf gute Schnitte und Materialien als viel mehr auf Effekte und Übertreibung gesetzt. Je auffälliger ein Look, der auf dem Bildschirm aufploppt, desto eher bleibt er in der Flut der Bilder in Erinnerung.

Aber ist jede Kapriole automatisch Camp? Sind die Ugly Sneaker, über die sich viele Leute seit Jahren aufregen und die trotzdem Verkaufsrekorde brechen, in Wahrheit ein kunstvoll überhöhter Tritt in den Hintern des langweiligen, guten Geschmacks? Weil Sontag in ihren 58 Notizen zum Thema auch den oft zitierten Satz formulierte: »Es ist gut, weil es schrecklich ist«, wird Camp gern als Freifahrtschein genutzt, um ­alles Scheußliche und Kitschige zu legitimieren. Ganz so einfach ist es nicht. Man muss sich dem glamourösen Trash schon mit Hingabe widmen, das vermeintlich Profane mit virtuoser Ernsthaftigkeit überhöhen.

Die Sängerin Lady Gaga gehört nicht zufällig zu den Co-Gastgebern der MET-Ausstellung. Sie liefert ständig Paradebeispiele für Camp: Ihr berühmtes Fleischkleid der MTV Awards 2010, ihre Ankunft beim Filmfestival von Venedig 2018, als sie seitlich auf dem Rand eines Wassertaxis sitzend wie eine schaumgeborene ­Sirene einfuhr – das war »total drüber«, wie man umgangssprachlich sagen würde, aber mit so viel Leidenschaft und Lebensfreude zelebriert, dass einem geradezu das Herz aufging. Cher, Elton John und Céline Dion gehören ebenfalls in diese Reihe, auch sie neigen zur aufrichtigen Hemmungslosigkeit.

Das gilt auch für den Gucci-Designer Alessandro Michele, aktuell einer der wichtigsten Camp-Protagonisten in der Mode (Gucci ist nebenbei Hauptsponsor der Ausstellung im MET). Die Kollektionen des Italieners sind überbordend, jeder Look mit Dekor, Accessoires und Referenzen überladen, und dann übertrifft er das Ganze trotzdem noch mal, etwa mit der Show im Februar 2018, in der die Models ihre eigenen, nachmodellierten Köpfe unter dem Arm tragen. In den Werbespots essen die Mädchen Pommes mit goldenen Handschuhen und lecken genüsslich das Ketchup daran ab. Für ihn sei Camp »die einzigartige Fähigkeit, hohe Kunst mit Popkultur zu verbinden«, sagt Michele.

Wer einmal in Camp eintaucht, sieht Camp überall. Bei Britney Spears, die sich für Instagram filmen lässt, wie sie luftig bekleidet auf dem ­Balkon mit Blick in den Garten ­ihrer überdimensionierten Südstaatenvilla in ­Kalifornien an der Staffelei steht, naive Blumenbilder in Aquarellfarben malend, und dazu Mozart auf die Tonspur legt. Bei Melania Trump, die auf ihrer Reise nach Kenia allen Ernstes im Jenseits von Afrika-Look mit kolonialem Tropenhut erscheint. Andrew Bolton, Kurator der MET-Ausstellung, glaubt, es ereigne sich gerade eine »extreme Häufung von Camp«. Für ihn sei sogar Donald Trump letztlich »a very camp figure« – die Haare, die ­Gesichtsfarbe, die Tweets, sein 300-Burger-Fast-Food-Buffet im Weißen Haus. Auch Putin sehen manche in seinen Posen der ultimativen Männlichkeit (reiten und angeln mit nacktem Oberkörper, Militärhose und Sonnenbrille) ebenfalls in der Tradition des Camp. Schon für Susan Sontag war das beste Camp jenes, dem nicht bewusst war, wie »campy« es ist. Auch auf der politischen Bühne geht es ja mehr und mehr um Gehabe statt um Inhalte, um Zuspitzung statt um Fakten.

Was in den Sechzigerjahren subversiv und subkulturell war, ist geradezu zur Epidemie geworden. In Sontags Notizen ging es um Tiffany-Lampen, Schwanensee und trashige Flash Gordon-Comics, die vorher als kitschig undarmselig gegolten hatten und nun unter demneuen Sammelbegriff ernsthaft diskutiert undbewundert werden durften. Heute ist Camp durchkommerzialisierter Mainstream, Jeff Koons einer der teuersten Künstler der Gegenwart und das Dschungelcamp in der dreizehnten Staffel. Sontag schrieb, Camp sehe alles in Anführungszeichen, als gespieltes Theater. Mittlerweile versieht der Designer Virgil Abloh von Off-White Cowboyboots mit der ­Aufschrift »For walking« und ein schwarzes Kleid mit »Little black dress«, das ebenfalls in der MET-Ausstellung im Mai zu sehen sein wird. Natürlich verfügt Camp über ein ironisches Element, aber wir leben längst in der Dauer-Ironie-Schleife. Wenn Camp sowieso überall ist – braucht die Welt jetzt wirklich noch mehr davon?

Unbedingt, meint Rei Kawakubo, neben Miuccia Prada eine der großen Vordenkerinnen der Mode. Camp sei »als Wert« wichtiger denn je, schrieb sie über besagte Winterkollektion, in der sie neben den stoffgewordenen Pfannkuchen­bergen auch sternförmige, zum Platzen gefüllte Stoffballen mit Gucklock in der Mitte präsentierte. Ihrer Meinung nach sei Camp keineswegs nur oberflächlich, sondern könne überaus tiefgründig und fortschrittlich sein.

Dafür müsste Camp allerdings nicht nur als Pose verstanden werden, sondern tatsächlich der Versuch sein, sich immer wieder aus der ästhetischen Komfortzone herauszubewegen. Dann kann die Wirkung tatsächlich befreiend sein, weil ja im akzeptierten Kanon nichts Neues entsteht. Konsequenter Camp lässt sich auf un­mögliche Dinge ein und steht jedweder Andersartigkeit großzügig gegenüber – eine Qualität, die gerade in vielen Gesellschaften schwach ausgeprägt ist. Womöglich hält Campdem Reaktionären tatsächlich den Spiegel vor. Einen extragroßen, goldenen, üppig verzierten, versteht sich.