Wer hatte 2018 den Mode-Durchblick?

Prinzessin Anne trug Hipster-Brille, Heiko Maas brachte Berlin-Style in die Politik und Joshua Kimmich versuchte, den Schnurri zu rehabilitieren. Unsere Stilkritikerinnnen Silke Wichert und Maria Hunstig blicken auf das Modejahr zurück, hier Teil 1 ihrer persönlichen Hitliste.

Orange is the new black: Prinzessin Anne wusste schon 2018, welche Sonnenbrillen man 2019 trägt.

Foto: Getty Images

Körperteil des Jahres:

2018 war das Jahr des Kopfes. Das klingt nach einer guten Nachricht, hat aber leider nichts mit erhöhter Gehirnaktivität zu tun, sondern lediglich mit dem äußeren Schmücken der Schädelhülle: Hüte mit langen Federn bei Gucci, große Ohrringe, Bandanas und sportliche Sonnenbrillen, die Prinzessin Anne souveräner als jeder Influencer trug. Alles um Kopf und Kragen herum gehörte zu den großen Trends in diesem Jahr. Zufall? Wer seinen Grips doch mal kurz einschaltet, merkt sofort, wozu das ganze Gedöns – Prinzessinnen ausgenommen – gut ist: Selfies. Um die immer gleichen Schnappschüsse irgendwie ein bisschen individueller und plakativer zu gestalten. Raf Simons schickte seine Models zuletzt mit Doktorhütchen über den Laufsteg. Das gibt bestimmt viele Kommentare mit Doktorhut-Emoji. Wem das dann doch zu pseudo-intellektuell ist: Das nächste große Ding wird Haarschmuck, also Spangen und Clips, sowie nietenbesetzte, bananendicke Haarreifen von Prada.
Wird getragen von: Influencern und solchen, die es noch werden wollen
Typischer Instagram-Kommentar: »Ganz schön viel los da oben«
Passende Serie: »Klimbim«

Print des Jahres: Leo

Meistgelesen diese Woche:

Theresa May hat ein wildes Jahr hinter sich, passend dazu: ihr Schuhwerk.

Foto: Getty Images / Leon Neal


Leo ist das neue Karo. Das stand spätestens nach den Modenschauen für diesen Winter fest, dann bekam Manchester United ein Fan-Trikot mit dem Animal-Print, Patricia Blanco lief im Leo-Dirndl bei der Wiesn auf und Theresa May würde eher auf den Brexit verzichten statt auf ihre geliebten Leo-Pumps. Wie konnte es passieren, dass ein einst gefährliches Raubkatzenmuster, früher höchstens von Bordsteinschwalben favorisiert, plötzlich so salonfähig wird? Gianni Versace war einer der ersten, der Leo in den Neunzigern auf den Laufsteg holte. Die letzten zwanzig Jahre schlachteten dann sämtliche Designer, allen voran Dolce & Gabbana, das Muster in jeder erdenklichen Weise aus – bis sich jetzt auch das empfindlichste Gemüt daran gewöhnt hat. Die Raubkatze ist gewissermaßen endgültig domestiziert worden, jetzt wagen sich alle an sie heran. Leider ist das Ganze damit auch nur noch halb so aufregend.
Wird getragen von: Theresa May, Catherine Deneuve, Carine Roitfeld Typischer Instagram-Kommentar: »Lebe wild und gefährlich!«
Passender Song: »Roar« von Katy Perry

Berliner Hipster des Jahres: Heiko Maas

Außenminister Heiko Maas trat 2018 auch mal leger vor die Kamera.

Foto: dpa

Gerade als man nach seinem Auftritt in Lederjacke und Hightop-Sneakers dachte, zum Stil des Außenministers sei alles gesagt, legt Heiko Maas kurz vor Jahresschluss noch mal nach. Bei der Ansprache zum Tag der Menschenrechte trug er den »Cholo-Look«: schwarzes Hemd, zu schwarzem Sakko und schwarzer Krawatte. »El Cholo« wird der Atlético-Madrid-Trainer Diego Simeone genannt. Manche finden den Argentinier ein bisschen schmierig und seinen Look leicht mafiös, allerdings agiert er an der Seitenlinie sehr viel cooler (und erfolgreicher) als viele seiner Kollegen. Heiko Maas gefiele ein anderer Vergleich womöglich besser: Christian Bale, Benedict Cumberbatch, Robert Pattinson – alles Tiefschwarz-Träger. Was das Ganze mit Annegret Kramp-Karrenbauer zu tun hat? Bis auf die Parteifarbe gar nichts, aber bei AKK ist im Vergleich zu Maas stilistisch noch einiges drin in den nächsten Monaten. Bislang ist vor allem ein wilder Mix von verschiedenen Jacken- und Brillenformen ihr Markenzeichen. Wenn sie allerdings auch in dieser Hinsicht minimal nach Merkel kommt, ist der Look wohl alternativlos.
Wird auch getragen von: Schiedsrichtern, Bestattungsunternehmern
Typischer Instagram-Kommentar: »Schwarzer Tag für die Menschenrechte?«
Passendes Zitat: »I work in three shades of black.« (Rei Kawakubo)

Bestes Abendkleid: der Anzug

Hat die Hosen an: Cara Delevigne bei der Hochzeit von Prinzessin Eugenie

Foto: Mark Large - WPA Pool/Getty Images

Wer 2018 bei großen Events wirklich auffallen wollte, trug kein »naked dress« wie in den Jahren zuvor, sondern gar keines: Anzüge waren das neue Ding. Cara Delevigne erschien bei der Hochzeit von Prinzessin Eugenie im Smoking mit Zylinder, Lady Gaga ging im breitschultrigen Anzug auf Werbetour für ihren Film »A star is born«, zuletzt erschien das Topmodel Edie Campbell in babyblauer Samtkombination von 16Arlington bei den Fashion Awards. Burschikose Eleganz in Zeiten von #MeToo? Oder einfach nur die Lust nach ein bisschen mehr Stoff? In Hollywood werden bereits Wetten abgeschlossen, wer sich bei den Oscars für Zweiteiler entscheidet.
Wurde auch getragen von: Marlene Dietrich, Jane Fonda, Bianca Jagger, Melania Trump
Das sagt der Hausarzt: »Endlich weniger Verkühlungen an Silvester!«
Typischer Instagram-Kommentar: »Suits you!«

Hartnäckigstes Fashionstatement: Klotz am Bein

Mit kaum etwas machten Firmen wie Balenciaga, Louis Vuitton und Prada in den letzten Monaten so viel Umsatz wie mit sogenannten Ugly Sneakers. Turnschuhe mit überbordenden Sohlen und ebensolchen Preisen. Vor allem Eltern von Teenagern und jungen Erwachsenen würden das Schuhwerk gern verbannen, weil es zwar ein schlankes Bein macht, aber ästhetisch ganz neue, fragwürdige Grenzen auslotet. Nur so eine Schnapsidee zum Jahreswechsel: Kann man diese Schuhe nicht vielleicht mit auf die Liste der im Flugzeug verbotenen Gegenstände setzen lassen? Was man in diesen enormen Hohlräumen alles verstecken könnte! Wären sie aus dem Flugverkehr gezogen, müssten zumindest all die vielreisenden Millennials ihre Balenciaga Triple S zu Hause lassen. Im nächsten Bondfilm im kommenden Jahr wird Q seinem Agenten sicherlich so ein Paar andrehen wollen, weil in der Sohle Maschinengewehr, Fallschirm und Proviant für zwei Wochen Platz haben. Wird Bond natürlich dankend ablehnen und lieber ein paar Schläge mehr einstecken. So viel Stolz muss sein.
Wird getragen von: Jeff Goldblum, Jaden Smith, Hailey Baldwin
Das sagt der Orthopäde: »Immer schön über den Ballen abrollen.«
Passender Film: Jurassic Park 1-3

Konsequentestes Neunziger-Revival: Joshua Kimmich

Undercut und OLiBa: Joshua Kimmich sagt, das geht zusammen.

Foto: Getty Images/ Andrew Surma

Klobige Schuhe, bauchfrei, breite Gürtel – die Neunziger kehrten dieses Jahr unübersehbar zurück. Das hat sich offensichtlich bis in die FC-Bayern-Kabine rumgesprochen. Oder Jérôme Boateng, der jetzt Aushängeschild seines eigenen (Mode)-Magazins ist, hat es seinem Teamkollegen gesteckt. Jedenfalls läuft Joshua Kimmich neuerdings mit 90er-Jahre-Schnauzer auf. Was ein Justin (Bieber) kann, kann ein Joshua nämlich auch! Dummerweise erinnert er damit stark an einen Bayern-Profi, der wirklich in den Neunzigern gespielt hat: Mario Basler. Ob diese Assoziation so in seinem Sinne ist…
Wird auch getragen von: Justin Bieber, Wilson Gonzalez, Tom Hanks
Das sagt der Fan: »Wenn’s auf dem Platz mal auch so schnurren würde!«
Passendes Album: The Joshua Tree (U2)

Der zweite Teil des modischen Jahresrückblicks erscheint in einer Woche, am 26. Dezember 2018.

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