Wochenend-Krieger

Militär-Fans aus vielen Ländern treffen sich regelmäßig in Belgien, ziehen alte Uniformen an und spielen die Schlachten des Zweiten Weltkriegs nach. Dabei geht es um Kameradschaft und Bietrinken, aber der Wochenend-Spaß hat auch seine dunklen Seiten.

Name: Christian Werner
Geboren: 12.12.1987
Ausbildung: Studium des Fotojournalismus und der Dokumentarfotografie an der FH Hannover
Webseite: www.werner-photography.com

SZ-Magazin: Herr Werner, Ihre Fotos scheinen Ereignisse aus dem Zweiten Weltkrieg zu zeigen – und sind doch erst wenige Jahre alt. Wie ist das möglich?
Christian Werner:
Die Fotos entstanden bei sogenannten Reenactments. Dabei werden historische Ereignisse möglichst authentisch nachinszeniert. In Deutschland recht bekannt sind Mittelaltermärkte mit Gauklern und Rittern, in Amerika spielen sie den Zweiten Weltkrieg nach. Dort gibt es das Phänomen schon recht lange – die Amerikaner lieben es vor allem, deutsche Landser und SS-Soldaten darzustellen. In Europa finden die Reenactments meistens in Belgien statt, weil dort weniger harte Gesetze gelten – zum Beispiel kann man dort öffentlich Hakenkreuze zeigen. An der Wochenendbeschäftigung nehmen auch viele Deutsche teil.

Wie sind sie darauf aufmerksam geworden?
Ein Foto im Internet hat mich neugierig gemacht. Die Gruppen tauschen sich online aus, also war es für mich einfach, sie zu bitten, beim Reenactment fotografieren zu dürfen.

Wie läuft ein Reenactment ab?
Weder feindselig noch blutig – es geht vor allem ums Trinken. Nachdem die Zelte aufgebaut sind, öffnen die Darsteller die ersten Bierdosen. Die Kämpfe finden auf einem abgesperrten Feld statt, sobald der Schiedsrichter anpfeift, werden die Waffen mit Platzpatronen geladen und das Spektakel beginnt. Sieg und Niederlage sind übrigens offen, manchmal gewinnen auch die Deutschen. Wie genau das funktioniert, habe ich allerdings bis heute nicht herausbekommen. Nach dem Kampf setzten sich die Gruppen dann gemeinsam ans Lagerfeuer und trinken weiter.

Warum wollen die Darsteller diese Zeit wieder aufleben lassen?
Aus den verschiedensten Gründen: Beim Reenactment trifft man auf ein Gemisch aus Waffenfanatikern, Geschichtsinteressierten, Nazis und großen Kindern, die es einfach lieben, Krieg zu spielen. Dann sind da 80- bis 90-jährige Veteranen, die ihre Vergangenheit nie richtig ablegen konnten. Und es gibt auch Schüler, die ihr ganzes Taschengeld ausgeben, um auf Flohmärkten und im Internet originale oder nachgemachte Uniformen zu kaufen. Auf keinen Fall kann man die Teilnehmer alle über einen Kamm scheren.

Auf Ihren Fotos wirkt das Hobby teils absurd, teils aber auch sehr makaber.
Ich habe knapp zehn Reenactments besucht und musste sehr bedenkliche Situationen miterleben. Im belgischen Bon-Secours hatte ein verkleideter deutscher Soldat ein kleines Mädchen bei sich, das durch einen Judenstern gekennzeichnet war. Er hat sie hinter den Dom geführt und dann war nur noch ein lauter Knall zu hören. Die Zuschauer haben gejubelt und geklatscht. Oder einmal, als ich am Lagerfeuer saß, hat sich ein deutscher Polizist zu mir gesetzt. Er war als SS-Soldat verkleidet. Plötzlich hielt er mir sein Feuerzeug ans Ohr und hat das Gas entweichen lassen. »Liveübertragung aus Auschwitz«, sagte er und brach in Gelächter aus. Das hat mir echt die Sprache verschlagen.

Fotos: Christian Werner

Artikel teilen: