»Ich habe meine Musik noch an Straßenecken gelernt«

Jazzpianist Monty Alexander über seine Jugend in Jamaika, seinen ersten Besuch im Schwarzwald, sein Problem mit modernem Jazz und den großen Zusammenhang zwischen dem Leben, das man lebt, und der Musik, die man spielt.

Foto: Crush Boone

Meine erste Begegnung mit Monty Alexander hatte ich Mitte der Achtziger in der Berliner Philharmonie, bei einem JazzFest-Konzert. Eigentlich war ich nur hingegangen, um das Charlie Watts Orchestra zu erleben. Aber während die Bigband des Stones-Drummers ziemlich enttäuschend war, faszinierte mich Monty Alexander ungemein: Sein flüssiges, temporeiches und sehr nuanciertes Spiel erinnerten an den von mir bewunderten Oscar Peterson, zudem kam der amerikanische Pianist mit jamaikanischen Wurzeln sehr sympathisch rüber.

Ich bin daraufhin zwar kein Monty-Alexander-Experte geworden, habe mir aber immer wieder Platten von ihm gekauft; umso mehr, seitdem er sich vor einigen Jahren der Musik seines Herkunftslandes zugewandt und zum Beispiel zwei Alben mit den Songs von Bob Marley oder eine exzellente Kollaboration mit Sly & Robbie veröffentlicht hat. Auch auf seinem neuen, vor kurzem erschienenen Album Harlem Kingston Express Vol 2: The River Rolls On (Motéma/Membran) erforscht er die Gemeinsamkeiten zwischen Reggae, Jazz und Rhythm& Blues. Vor einigen Wochen hatte ich Gelegenheit, mit Monty Alexander zu telefonieren.

Monty Alexander, Sie wurden im Juni 1944 in Kingston, Jamaika geboren. Was sind Ihre frühen musikalischen Erinnerungen?
Wir hatten zu Hause ein Klavier und ich habe schon als kleiner Junge, mit vier oder fünf, versucht, darauf Songs von Bing Crosby und Nat King Cole nachzuspielen, die ich aus dem Radio kannte. Mein Vater hat mich auch sehr früh in die Hotels mitgenommen, wo jamaikanische Musiker für Touristen gespielt haben. Aber mein absoluter Favorit war Louis Armstrong. Seit ich einen Film mit ihm im Kino gesehen hatte, war ich Fan. Als ich ungefähr zehn war, kam er nach Jamaika und ich hatte das große Glück, ihn live erleben zu dürfen.

Stimmt die Legende, dass Sie nach diesem Konzert beschlossen, selbst Musiker zu werden?
Für so eine Entscheidung war ich noch viel zu jung! In der Rückschau muss ich auch sagen, dass ich nie bewusst entschieden habe, Musiker zu werden – es ist einfach so passiert.

Jamaika hat heute eine sehr lebendige Musikkultur. War das in den Fünfzigern auch schon so?
Auf jeden Fall! Die Musik war überall. Jeder auf Jamaika hat die alten Folksongs gesungen, die dann teilweise von Harry Belafonte berühmt gemacht wurden. Neben Calypso gab es auch noch Mento, einen etwas anderen, sehr rhythmusbetonten Folk-Stil. Ich habe das miterlebt und alles in mich aufgesogen. Ich hatte ein Akkordeon und bin damit an die Orte gegangen, wo die Calypso-Musiker gespielt haben. Obwohl ich noch ein kleiner Junge war, haben sie mich mitspielen lassen. Ich saß mittendrin und fühlte mich als einer von ihnen.

»Mit 18 habe ich dann in einer Bar gespielt, als plötzlich Frank Sinatra und sein Freund Jilly Rizzo reinkamen«

Es heißt, Sie hätten mitgemischt, als ein neuer Stil namens Ska entstand.
Ja, am Rande, da war ich ungefähr 15. Ich kannte alle Musiker, sie kannten mich und wir gingen zusammen ins Studio, als die Ska-Ära gerade begann.

War das im berühmten Studio 1?
Das war noch vor Studio 1. Das Studio hieß Federal und gehörte einem Libanesen namens Khouri. Jamaikanische Musiker haben dort versucht, amerikanische R&B-Songs zu kopieren, aber im Ergebnis war es stets so, dass der besondere jamaikanische Rhythmus doch irgendwie durchgekommen ist. Wie bei der Sprache – da merkt man auch sofort, wenn eine Person nicht aus England oder Amerika, sondern aus Jamaika kommt. So hatte auch die Musik gewissermaßen einen Akzent.

Was für Musik haben Sie damals mit Ihrer Band Monty & The Cyclones gespielt?
Wir haben versucht, Songs von Little Richard zu spielen. Wir haben sogar eine Aufnahme von »Lucille« gemacht – Coxsone Dodd von Studio 1 entschied allerdings, den Song »Lazy Lou« zu nennen. Habe ich erst neulich wieder gehört. Eigentlich versuche ich bis heute nur, da weiterzumachen, wo ich mit Monty & The Cyclones angefangen habe.

Im Lauf Ihrer Karriere haben Sie immer wieder mit dem jamaikanischen Gitarristen Ernest Ranglin zusammengespielt. Kannten Sie ihn damals auch schon?
Allerdings. Schon damals wussten wir, dass Ernie ein außergewhnlicher Musiker ist. Es gab Typen, die gut Gitarre gespielt haben, andere haben erstaunlich gut gespielt – aber Ernie hat nicht nur erstaunlich gut gespielt, er hat die Gitarre zum Sprechen gebracht. Bis heute hat er so eine persönliche Verbindung zur Gitarre, dass er einfach alles spielen kann – komplizierten Jazz genauso wie Folk- oder Popmusik. Später habe ich Les Paul kennengelernt – was kaum einer weiß: Les Paul hat Ernie verehrt! Alle, die ihn hörten, waren betört vom Humor und von der Leichtigkeit seines Spiels.

Ich habe ihn vor zwei Jahren live gesehen – er spielt so gut wie eh und je.
Ja, er ist der Meister, der er immer war. Erst vor drei Monaten haben wir zusammen im Blue Note hier in New York gespielt. Er ist jetzt 83 und mittlerweile schon in seiner dritten Karriere, die hoffentlich noch lange anhält.

Wenn Sie schon als Teenager so erfolgreich in der jamaikanischen Musikszene mitgemischt haben – war es da sehr schlimm für Sie, dass Sie Anfang der Sechzigerjahre mit Ihrer Mutter nach Florida ziehen mussten?
Ganz im Gegenteil – das war wunderbar! Miami Beach war wie das Paradies! Da sah es genauso aus wie in den Filmen, ein wunderschönes Land, wo die Autos über Straßen ohne Schlaglöcher gleiten. Und auch dort habe ich schnell Anschluss an die Musikszene gefunden. Ich habe mich einfach vor die Clubs gestellt und die Musiker angequatscht. Mit 18 habe ich dann in einer Bar gespielt, als plötzlich Frank Sinatra und sein Freund Jilly Rizzo reinkamen.

Ein Wendepunkt in Ihrer Karriere?
Der kam sechs Monate später, Anfang 1963, als ich die beiden in Las Vegas wiedertraf. Ich habe mit einer Big Band im Thunderbird Hotel gespielt, hatte aber auch einen kurzen Solo-Spot. Auf einmal kam dieselbe Gruppe von Leuten rein, sie konnten sich an mich erinnern und sagten zu mir: Wir wollen, dass du nach New York kommst. Eine Woche später habe ich dann im Jilly’s gespielt, einem Nachtclub, wo sich Jazzmusiker und Leute aus dem Showbusiness trafen. Es war wie Magie.

Das muss ein großer Schritt nach vorne gewesen sein!
Das stimmt. Ich habe dort Jazzmusiker wie Ray Brown, Milt Jackson und Dizzy Gillespie kennengelernt. Später habe ich dann auch in Hugh Hefners Playboy Club gespielt – eine schöne Zeit, in der das Leben einer großen Party glich.

Wenn Sie Milt Jackson und Ray Brown erwähnen – man sagt, dass solche legendären Jazzmusiker oft sehr eindrückliche, individuelle Persönlichkeiten gewesen sind. Wie haben Sie diese Menschen erlebt?
Ich war schon immer fasziniert von Personen, die »larger than life« sind – farbige, dynamische Persönlichkeiten, die aus der Menge herausstechen und jeden Raum in Besitz nehmen, sobald sie ihn betreten. Ich habe zum Beispiel sehr oft Muhammad Ali erlebt – für mich war er wie ein Jazzmusiker. Und genauso ging es mir auch, als ich Ray Brown, Milt Jackson und Dizzy Gillespie traf. Diese Leute haben mich in ihren Bann gezogen und ich habe versucht, ihnen so oft wie möglich nahe zu sein – selbst wenn das nur bedeutete, daneben zu stehen, wenn sie Karten gespielt haben. Und die Musik war immer ein Ausdruck der Persönlichkeit des Mannes. Beides war nicht zu trennen.

Meiner Ansicht nach kann man die alte Musik genau aus diesem Grund auch nicht kopieren: Die Musiker leben heute andere Leben und machen andere Erfahrungen, aus denen nur noch selten solche Persönlichkeiten hervorgehen.
Das sehe ich genauso. Ich habe meine Musik noch an Straßenecken gelernt. Ich kann bis heute keine Noten lesen, wegen meines guten Gehörs war das niemals nötig. Heute lernt man an irgendeiner Akademie, Jazz zu spielen. Vorne steht einer mit einem Buch in der Hand und sagt, was richtig ist und was nicht.

Als deutscher Journalist muss ich nun unbedingt nach Ihrer Zeit beim legendären deutschen Jazzlabel MPS fragen.
Sehr gerne.

Wie kam der Kontakt zu Labelchef Hans Georg Brunner-Schwer zustande?
Über Ray Brown habe ich Anfang der Sechziger Oscar Peterson kennengelernt, eines meiner großen Vorbilder. Wir hatten gleich einen guten Draht – er kam zwar aus Kanada, aber seine Familie stammte auch von einer Insel, Barbados. Ich war als Gast dabei, als er in New York eine Platte für MPS gemacht hat. In einer Pause habe ich mich einfach ans Klavier gesetzt und zu spielen angefangen. Hans Georg war da, und Oscar hat zu ihm gesagt, du solltest mal eine Platte mit Monty machen. Also haben sie mir einen Vertrag gegeben. MPS hatte keinen Vertrieb in Amerika, aber das war mir egal. Meine ersten beiden Alben für das Label habe ich in Amerika aufgenommen – dann kam die Einladung nach Villingen.

War die Reise in den Schwarzwald ein Kulturschock für Sie?
Ja, aber im positiven Sinne. Es war wie damals, als ich zum ersten Mal in die USA kam. Sie haben mich in Zürich am Flughafen abgeholt, dann ging es mit dem Auto in den Schwarzwald – und schon sitze ich bei Hans Georg und seiner Frau zu Hause. Sie hatten ein sehr schönes, großes Haus mit einer Garage, die groß genug für sieben Autos war. Ich habe mich dort sehr wohlgefühlt. Ein Grund dafür war allerdings auch, dass ich Ernest Ranglin dabei hatte. Ich habe zu ihm gesagt, Ernie, ich kenne Deutschland nicht, komm doch einfach mit. Wir haben ihn aus Jamaika rausgeholt und gleich mehrere Alben aufgenommen, direkt im Wohnzimmer der Brunner-Schwers.

Wie hat man sich das vorzustellen?
Es war ein großer, vornehmer Raum, mit einem dicken Teppich. Zu den Aufnahmen hat Hans Georg seine Freunde eingeladen, so dass vielleicht 20 Leute im Zimmer saßen. Alles wurde komplett live aufgenommen. Die Aufnahme wurde gestartet, wir haben angefangen zu spielen, die Leute haben in die Hände geklatscht, sind mit dem Rhythmus mitgegangen. Hans Georg saß mittendrin und wenn die Musik nach seinem Geschmack war, wenn sie richtig swingte und groovte, ist er manchmal fast aus seinem Sessel gefallen vor Freude.

Ernest Ranglin hat auch gleich ein Album für MPS aufgenommen, richtig?
Ja, genau. An den ersten beiden Abenden haben wir zwei Monty-Alexander-Alben aufgenommen, mit einem britischen Drummer und dem deutschen Bassisten Eberhard Weber. Am dritten Tag sind wir in das Studio gegangen, das Hans Georg auf seinem Dachboden eingerichtet hatte, ein tolles Studio übrigens, und haben dort noch ein Ernest-Ranglin-Album aufgenommen. Mit diesem Album ist Ernie in der Jazz-Welt bekannt geworden. Er hatte davor schon viel Reggae gespielt, er hatte Hits wie »My Boy Lollipop« und »I Can See Clearly Now« arrangiert – nun begann seine zweite Karriere.

Bis heute werden die MPS-Platten für ihren tollen Klang bewundert.
Ja, die klingen unglaublich gut. Und das ist allein Hans Georgs Werk. Er hatte keinen Toningenieur, sondern hat alles selbst gemacht. Er besaß zwei Flügel, einen Bösendorfer und einen Steinway, und er hatte eine besondere Art, die Mikrofone zu platzieren. So hat er es geschafft, dass die Platten nicht einfach nur gut klingen, sondern dass das Klavier regelrecht aus den Lautsprechern herausspringt. Der Piano-Sound, den er für Oscar kreierte, ist derselbe, den man auch auf meinen Platten hört – wenn man die tiefen Tasten anschlägt, hört es sich an, als würde ein Jumbo Jet abheben. Man konnte alle MPS-Platten sofort am Klang erkennen – damals hatte niemand in der Jazzwelt einen so tollen Sound wie Hans Georg Brunner-Schwer.

Jetzt müssen wir etwas nach vorne springen, in die Neunzigerjahre. Mir ist aufgefallen, dass Sie sich zu dieser Zeit wieder mehr der jamaikanischen und karibischen Musik zugewendet haben. Wie kam es dazu?
Das hatte sehr tiefe, persönliche Gründe. Ich habe immer den Jazz gemocht, der soulful war und direkt in den Herz ging, so wie ihn meine Helden gespielt haben. Aber meine Helden sind alle älter geworden oder gar gestorben, die Zeiten haben sich geändert und der Jazz hat sich in Richtung Avantgarde bewegt, womit ich wenig anfangen konnte. Und dann bin ich mal wieder nach Jamaika gefahren, habe alte Freunde wie Sly & Robbie getroffen und einfach im Studio bei ein paar Aufnahmen mitgespielt. Ich merkte auf einmal, wie viel Spaß mir das machte und verspürte den Wunsch, da weiterzumachen, wo ich mit 16 aufgehört hatte. So habe ich mich nach und nach mehr in diese Richtung bewegt – und je mehr jamaikanische Musik ich spielte, desto mehr fühlte ich mich verjüngt und erneuert.

Eine Folge dieses Richtungswechsels: Sie spielen jetzt viel weniger Töne als früher. Fällt es Ihnen schwer, sich zurückzuhalten?
Nein, nein. Meine Helden waren immer auch die Economists: Leute wie Ben Webster, Johnny Hodges, Sweets Edison und natürlich Miles. Der hat auch nur ein paar Noten gespielt. Und dich trotzdem unten in deinen Eingeweiden gepackt. Art Tatum war der größte Pianist von allen, er konnte Dinge, die bis heute niemand geschafft hat. Aber Nat King Cole hat nur wenige Noten gespielt – und die Welt hat sein Lied gesungen. Ich möchte auf dem Klavier ein Lied singen.

Auf Ihrem neuen Album Harlem-Kingston Express Vol 2: The River Rolls On spielen tolle Gäste mit – George Benson, Joe Sample und Ramsey Lewis. War bestimmt nicht leicht, die alle zu bekommen.
Doch, denn wir sind alte Freunde. Ich kenne sie alle noch aus den Sechzigern. Und ich freue mich sehr, dass sie zu meinem »Love Song« ein bisschen Liebe beigesteuert haben.

Erneut spielen Sie auf dem neuen Album einen Song von Bob Marley. Was fasziniert Sie an dessen Musik?
Wenn ich seine Lieder höre, ist das für mich so ähnlich wie in die Kirche zu gehen. Seit ich ein Kind war, habe ich eine Schwäche für Kirchenlieder. Bis heute bin ich tief bewegt, wenn ich Musik von Mahalia Jackson oder Johann Sebastian Bach höre. Bob Marleys Musik ist für mich genauso spirituell. Aber weil sie diesen Groove hat, sagen die Leute, lasst uns feiern, trinken wir noch ein paar Rum-Cola, rauchen wir noch ein bisschen Ganja. In Wahrheit ist es eine sehr tiefe, wertvolle Erfahrung, sich der Musik von Bob Marley auszusetzen. Hoppla, jetzt fühle ich mich gerade wie ein Priester, der über Bob Marley predigt.

Schnell noch eine letzte Frage: Sie haben über 70 Alben gemacht - welches ist das beste?
Sie sind alle die besten! Denn ich versuche immer, mein Bestes zu geben und mit soviel Gefühl wie möglich zu spielen.