Zerstörungslust

Wenn Kinder Bauklötze aufbauen, machen sie den Turm früher oder später kaputt. Das erinnert Axel Hacke an manche aktuelle politische Entwicklung.

Oft, wenn Erwachsene mit Kindern spielen, sagen sie: Wollen wir was Schönes bauen? Und die Kinder rufen: Jaaa! Und dann wird was Schönes gebaut, ein Lego-Turm, ein Bauklotzhäuschen oder ein kleines Matschgebäude. Dann blicken die Erwachsenen stolz auf das Schöne, und die Kinder tun das auch, für einen Moment.

Dann aber schlagen sie mit einer Handbewegung alles kaputt. Der Lego-Turm zerfliegt in seine Teile, die Bauklötze klappern zu Boden, das Matschgebäude ist nur noch Gebäudematsch. Und darauf dieser strahlend-stolze, aber auch immer fragende Blick der Kinder …

Hab’ ich paputte macht???!!!

Warum tun Kinder das?

Vielleicht: weil sie es eben können? Weil sie, wenn sie das Gebaute mit einem Handstreich wieder entbauen, ihre kleine süße Macht spüren, ihre Paputtemacht: die Fähigkeit, zu zerstören und Erwachsenen eine Enttäuschung zu bereiten, den Großen, die meistens, wenn wir ehrlich sind, den größeren Anteil am Bau hatten und sich nun geduldig an die Errichtung neuer Baulichkeiten machen, schon ahnend, welches Schicksal denen blüht.

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Wenn wir nun mit einer gewissen, nicht mehr nur aufkeimenden, sondern durchaus auch schon blühenden, wenngleich stillen Wut sowie andererseits auch immer noch ungläubigem Staunen auf jene blicken, die zu zerstören sich anschicken, was Generationen vor ­ihnen aufgebaut haben: auf die Farages, Johnsons, Camerons, Mays und Corbyns, die mit ihren Spielchen vielleicht Großbritanniens friedliche Zukunft auf dem Gewissen haben werden und jetzt schon die jahrelange sinnlose Beschäftigung ungezählter Beamter mit einem sinnlosen Vorgang zu verantworten haben, wenn wir also auf sie blicken und auf jene, die ihnen folgen, auf ihre Lust am Chaos – dann wäre es eine Möglichkeit, sich daran zu erinnern, dass ­Zerstörung ein Kinderspiel ist, das wir alle es mal gespielt haben, und zwar als Kinder und als Erwachsene.

Wir könnten daran denken, wie wichtig dem Kind das Gefühl sein muss, sich dem Erwachsenen gegenüber irgendwie zu behaupten, also neben dessen Wissen, Können, Überlegenheit etwas zu stellen, nämlich dies: Wenn ich nicht will, nutzt dir das alles nichts, denn nichts vermagst du gegen meine Trümmerlust. Und da wäre noch ein Gedanke: Niemals hat es irgendwas geholfen, an die Vernunft des Kindes zu appellieren, weil die Vernunft genau das ist, wogegen der Zerstörungswütige rebelliert. (Und keineswegs ist es je sinnvoll gewesen, das Kind zu beschimpfen für seine Taten.)

Es sind doch Kinder. Kinder an der Macht.

Und kein Einziger von ihnen hat begriffen, dass alles hier kein Spiel sein sollte und auch kein Traum von irgendeiner vergangenen Größe oder von Sozialismus oder auch einfach nur von blanker Macht (wozu auch immer), sondern dass es in Europa um etwas geht, was man nicht verspielen sollte, um das friedliche Zusammenleben der Völker zum Beispiel.

»Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust!« Wer hat das gesagt? Bakunin, der Anarchist. Geschaffen hat er leider nicht viel, oder habe ich was vergessen? Jedenfalls müsste man wenigstens wissen, was man schaffen will. Und nicht bloß nur Lust haben.

Manchmal hilft es einfach, sich Menschen – in diesem Fall also die Farages, Johnsons, Camerons, Mays und auch Corbyns – als genau dies vorzustellen: Kinder, die auch der Besuch teuerster Privat­schulen, das Vortragen geschliffenster Reden, das Verfassen von Churchill-Biografien, das Tragen guter Anzüge oder extravaganten Schuhwerks oder das eines Bartes nicht zum Ernst des Lebens hat bringen können – nein, hinter und in alledem steckt das spielende Kind mit seiner Zerstörungsfreude.

Wann hört das auf? Was soll man tun?

Vielleicht müsste man die britischen Politiker wenigstens um angemessene Kleidung bitten? Um Matrosenanzüge, kurze Hosen, bunte Spielschürzen?

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