Das Hotel-Dilemma

Muss man ein kleines Hotel mit freundlichen Mitarbeitern unterstützen, obwohl der Komfort zu wünschen übrig lässt?

»Diese Woche bin ich beruflich in einer wirtschaftlich schwachen Region und wohne in einem kleinen Hotel. Die Mitarbeiter sind sehr freundlich. Dennoch fühle ich mich unwohl, weil der Komfort mäßig ist (Frühstück, Internet, Bad). Kann ich in ein größeres, stärker gebuchtes Hotel mit mehr Komfort umziehen oder soll ich das kleinere Hotel unterstützen?« Kerstin R., Köln

Rein objektiv betrachtet spräche so manches dafür, dass Sie das Hotel wechseln. Hotels gehören zu einer Branche, in der nicht nur das Wohl des Gastes, sondern auch sein subjektives Sich-wohl-Fühlen im Zentrum steht. Es ist also ein legitimer Grund dafür, sich ein besseres Hotel zu suchen. Und man muss auch die positiven Seiten sehen: Wenn die Gäste in das andere Hotel ­abwandern, sollte die legendäre unsichtbare Hand des Marktes das kleine Hotel dazu bewegen, seinen Standard zu erhöhen.

Dennoch gefällt mir das Abreisen nicht, auch wenn es berechtigt sein mag. Sie verbringen dort nicht Ihren Jahres­urlaub, sondern ein paar Nächte, während Sie tagsüber Ihren Geschäften nachgehen. Das erfordert keine sofortigen Notmaßnahmen. Und wenn Sie wollen, können Sie das nächste Mal im anderen Hotel buchen.

Das mag leicht widersprüchlich klingen, aber zum einen tut ein wenig Gelassenheit im Leben gut, zum anderen würde ich, weil Sie die Freundlichkeit des kleinen Hotels betonen, diese auch belohnen. Und vorzeitiges Abreisen hat etwas von einem unfreundlichen Akt. Zudem finde ich es prinzipiell gut, die Kleineren, Schwächeren, die es im Wettbewerb schwerer haben, zu unterstützen. Ich habe – das ist jetzt allerdings ein subjektives Argument – ein gewisses Faible für sie, auch weil sie das Leben bunter machen. Besonders wenn man bei ihnen auf Individualität und Herzlichkeit trifft.

Jedoch sollten Sie die Rücksichtnahme nicht zu weit treiben, indem Sie nichts sagen, um niemanden zu verletzen, sondern Sie sollten die Hotelleitung auf Ihre Überlegungen ansprechen. Zumindest Frühstück und Internet sind mit wenig Aufwand kurzfristig zu ändern. Ein entsprechender Hinweis kann sehr wertvoll sein und ist insofern besser als ein vermeintlich nettes Schweigen.

Literatur:

Adam Smith, An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, London 1776

Die bekannte Stelle über die unsichtbare Hand des Marktes findet sich im IV. Buch, Kapitel 2:

»As every individual, therefore, endeavours as much as he can both to employ his capital in the support of domestic industry, and so to direct that industry that its produce may be of the greatest value, every individual necessarily labours to render the annual revenue of the society as great as he can. He generally, indeed, neither intends to promote the public interest, nor knows how much he is promoting it. By preferring the support of domestic to that of foreign industry, he intends only his own security; and by directing that industry in such a manner as its produce may be of the greatest value, he intends only his own gain, and he is in this, as in many other cases, led by an invisible hand to promote an end which was no part of his intention. Nor is it always the worse for the society that it was not part of it. By pursuing his own interest he frequently promotes that of the society more effectually than when he really intends to promote it. I have never known much good done by those who affected to trade for the public good. It is an affectation, indeed, not very common among merchants, and very few words need be employed in dissuading them from it.«