Doppelmoral auf dem Beifahrersitz

Sollte man einen Freund mitnehmen, wenn dieser sich immer wieder gegen Autoverkehr in der Stadt ausspricht?

»Ein Freund nimmt in den sozialen Medien oft deutlich Stellung gegen den Autoverkehr. Wir sind im selben Sportverein und trainieren am Stadtrand, per Bahn gut erreichbar, doch per Auto schneller und bequemer. Ich nehme ihn gern gelegentlich mit, mal fragt er, mal biete ich es an. Doch nach jedem neuen Post zur autofreien Innenstadt frage ich mich, ob ich es weiter tun soll.« Daniela B., Berlin

Warum wollen Sie die Mitnahme verweigern? Weil sich Ihr Freund widersprüchlich verhält? Das tut er nicht, wenn er ein sogenannter Konsequentialist ist. So nennt man Anhänger jener ethischen Denkweise, die Handlungen danach beurteilt, welche Konsequenzen sie haben – daher ihr Name. Die bekannteste ist der im angloamerikanischen Raum weit verbreitete Utilitarismus. Er beurteilt Handlungen oder Regeln danach, ob sie das Glück der Beteiligten mehren und das Leid mindern. Vermutlich ist Ihr Freund der Meinung, dass eine autofreie Innenstadt das Glück ihrer Bewohner mehrt, weil Schadstoffe und Lärm mehr Leid verursachen, als das Glück der Autofahrer aufwiegen kann. Fährt aber ein Auto die Strecke ohnehin, wird das Glück insgesamt vermehrt, wenn möglichst viele, auch er, von dieser Fahrt profitieren.

Anders sieht es aus, wenn er sich an der Pflichtethik oder Deontologie orientiert, für die vor allem der Name Immanuel Kant steht. Wenn Ihr Freund dann das Autofahren in der Innenstadt für falsch hält, sollte er an dieser pflichtwidrigen Handlung auch nicht teilnehmen. Was bedeutet das für Sie? Sie könnten moralphilosophisch begründet sagen, nur wenn Sie Ihren Freund nicht mitnehmen, wird er als Konsequentialist in der Bahn sitzend erkennen, wie groß das Glück der Autofahrer ist, und zu einer anderen – aus Ihrer Sicht richtigen – Bewertung der autofreien Innenstadt kommen. Als Deontologe dürfte er ohnehin nicht mitfahren.

Allerdings ist mir das zu nah am »Mit der Nase ins Malheur« und vernachlässigt das Miteinander, das erfordert, Menschen auch fehlerhaft und widersprüchlich zu akzeptieren. Zudem können Sie dann als Entgegnung zu seinen Postings beim Einsteigen sagen: Ist schon gut, so ein Auto, oder? Und so – besonders wichtig – auch im Gespräch bleiben.

Literatur:
Jeremy Bentham, An Introduction to the Principles of Moral and Legislation, Oxford University Press, 1996

Eine gute, sehr empfehlenswerte Zusammenstellung von grundlegenden Texten der Ethik mit Einführung findet sich in dem von Detlef Horster herausgegebenen Buch »Texte zur Ethik«, Reclam Verlag, Stuttgart 2012

Eine gute Gegenüberstellung der unterschiedlichen moralphilosophischen Ansätze, nicht nur, aber auch von Kantischer Ethik und Utilitarismus findet man in dem insgesamt sehr empfehlenswerten Buch »Einführung in die Ethik“ von Herlinde Pauer-Studer UTB / WUV Facultas, Wien, 2. Auflage 2013. Dort insbesondere die Kapitel »1. Die kantische Ethik« und »2. Der Utilitarismus«

Sinnott-Armstrong, Walter, »Consequentialism«, in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Winter 2015 Edition), Edward N. Zalta (ed.) Online hier.

Alexander, Larry and Moore, Michael, »Deontological Ethics«, The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Winter 2016 Edition), Edward N. Zalta (ed.) Online hier.

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