Enkelgeschenke mit Aristoteles

Ein Leser möchte seinen vier Enkeln etwas Geld schenken. Sollen alle die gleiche Summe bekommen, oder sollte der Zuschuss wie beim Taschengeld nach dem jeweiligen Alter abgestuft werden?

»Meine vier Enkelkinder (9, 10, 12 und 14) bekommen von ihren Eltern altersgestuftes Taschengeld. Ich will sie gelegentlich wegen besonderer Wünsche gleichzeitig unterstützen. Soll ich jedem Enkelkind dann die gleiche Summe geben – oder etwa ein Vielfaches des altersgestuften Taschengeldes? Dann bekäme jedes eine unterschiedliche Summe.« Ulrich Z., Augsburg

Bei Fragen zur Gerechtigkeit schlägt man am besten bei Aristoteles nach. Er unterschied zwischen austeilender und ausgleichender Gerechtigkeit. Bei der ausgleichenden Gerechtigkeit, zum Beispiel beim Handel oder bei Strafe und Ersatz von Schäden, sei streng arithmetisch zu verfahren, also unabhängig von der Person. Bei der austeilenden Gerechtigkeit hingegen müsse die Person berücksichtigt werden, deren Verdienstlichkeit oder Würdigkeit (axia).

Passt das bei der Verteilung von Geld oder Taschengeld an Kinder? Beim Taschengeld empfehlen Fachleute fast einhellig eine Altersstaffelung, also Ungleichbehandlung. Das Deutsche Jugendinstitut nennt auf Nachfrage drei Gründe dafür: das zunehmende Geldverständnis, die zunehmenden Bedürfnisse und die zunehmende Autonomie. Ihr entspricht ein wachsender Radius der Freiheit, der zunehmende finanzielle Eigenverantwortung auf der einen Seite ermöglicht, auf der anderen erfordert. Interessanterweise kommt man damit wieder in die Nähe von Aristoteles und der von ihm empfohlenen Würdigkeit als Maßstab der Verteilung.

Auf diesen Überlegungen basierend findet sich eine gerechte Lösung. Bei allen Geldgaben, die in die Zukunft gerichtet sind, etwa im Fall eines Sparkontos, auf das Sie als Großvater für Ihre Enkel einzahlen, stehen dem Ihre Enkel in der Zukunft als relativ gleich gegenüber, zum Beispiel als 18-Jährige mit Eintritt der Volljährigkeit. Das erfordert Gleichbehandlung. Handelt es sich jedoch um Zuwendungen zum sofortigen Einsatz, stehen dem Ihre Enkel je nach Alter als sehr unterschiedlich gegenüber. Einen Fünfjährigen würden Sie mit fünfzig Euro überfordern, einer Fünfzehnjährigen mit fünf Euro wenig helfen. Völlige Gleichbehandlung scheint hier fragwürdig. Jedoch haben Sie als spendabler Opa da auch einen großen Freiraum.

Literatur:
Aristoteles, Nikomachische Ethik, V. Buch Kapitel 6 und 7; Gute Übersetzungen gibt es von Olof Gigon bei dtv, München 1991 und von Ursula Wolff bei rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2006, sowie die klassische Übersetzung von Eugen Rolfes (ursprünglich Felix Meiner Verlag, Leipzig 1911, mittlerweile in der »Philosophischen Bibliothek«, herausgegeben von Günther Bien im Felix Meiner Verlag Hamburg 2010)

Aristoteles schreibt (1131a 25) dass darüber, was »Würdigkeit« (axia) als Grundlage der Verteilung sei, Uneinigkeit herrsche. Demokraten etwa sähen sie in der Freiheit. Den Sonderfall der Verteilung von politischen Ämtern nach Würdigkeit untersucht Aristoteles im 3. Buch seiner Politik, Kapitel 9ff. 1280a 7ff. Auch davon ist eine gute Übersetzung von Olof Gigon bei dtv erschienen.

Günther Bien, Gerechtigkeit bei Aristoteles, in: Otfried Höffe, Aristoteles, Nikomachische Ethik. Reihe Klassiker Auslegen, Akademie Verlag, 3. Auflage Berlin 2010, S. 135 – 164, insbesondere S. 154f.

Jürgen Ritsert, Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit und Vernunft. Über vier Grundbegriffe der politischen Philosophie, Springer VS, Wiesbaden 2012, S. 11ff., 14

Zur Problematik der Würdigkeit (axia), siehe: Stefan Arnold, Vertrag und Verteilung: Die Bedeutung der iustitia distributiva im Vertragsrecht (Jus Privatum, Band 182), Mohr Siebeck, Tübingen 2014, insbesondere S. 38ff.

Peter Trude, Der Begriff der Gerechtigkeit in der aristotelischen Rechts- und Staatsphilosophie, de Gruyter Verlag, Berlin 1955

Winfried Hinsch, Distributive Gerechtigkeit, in: Anna Goppel, Corinna Mieth, Christian Neuhäuser (Hrsg.), Handbuch Gerechtigkeit, J.B. Metzler Verlag, Stuttgart 2016, S. 77 – 86

Zum Thema Gerechtigkeit immer lesenswert ist:
Ernst Tugendhat, Vorlesungen über Ethik, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1993; Dort die Achtzehnte Vorlesung: Gerechtigkeit, S. 364–391

Eine sehr schöne Textsammlung zum Thema Gerechtigkeit:
Christoph Horn, Nico Scarano, Philosophie der Gerechtigkeit. Texte von der Antike bis zur Gegenwart, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2002

Zum Thema Taschengeld:
Langmeyer, Alexandra / Winklhofer, Ursula: Taschengeld und Gelderziehung. Eine Expertise zum Thema Kinder und ihr Umgang mit Geld mit aktualisierten Empfehlungen zum Taschengeld. Deutschen Jugendinstitut e.V., München 2014. Online abrufbar hier.

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