Meine Jacke lebt

Nicht nur Pflanzen und Maschinen können CO₂ aus der Atmosphäre ziehen. Modedesigner arbeiten an tragbaren Stücken, die Kohlendioxid speichern – und dafür nur Licht, Wasser und Luft brauchen.

Diese Bomberjacke lebt – entstanden aus einer Zusammenarbeit des »Post Carbon Lab« mit dem Label »EgonLab«.

Foto: Post Carbon Lab

Klar ist: Das 1,5-Grad-Klimaziel verfehlen wir, wenn wir so weiter machen. Wir müssen nicht nur den Ausstoß von CO₂ und anderen Klimagasen schnellstens verringern, sondern auch CO₂ aus der Atmosphäre entfernen.

Klar ist auch: Die Kleidungsindustrie zählt zu den schlimmsten Umweltsündern, weil inzwischen fast die Hälfte der hergestellten Kleidungsstücke (meist Polyester) zum Teil oder ganz aus Plastik bestehen. Selbst T-Shirts, die aus Baumwolle hergestellt werden, verbrauchen Unmengen Wasser, Rohstoffe und Pestizide.

Deshalb ist es umso interessanter, sich die Designer anzuschauen, die aktiv daran arbeiten, Kleidung statt zum Problem zu einem Teil der Lösung zu machen: Sie kreieren CO₂-negative Kleidungsstücke aus Stoffen, die Kohlendioxid speichern. Dabei setzen sie vor allem auf einen schnell wachsenden Rohstoff, von dem es reichlich auf der Welt gibt und der sich hervorragend dafür eignet, CO₂ zu absorbieren: Algen.

Eine Regenjacke aus Algenpulver der New Yorker Designerin Charlotte McCurdy.

Foto: charlottemccurdy.com

1. Charlotte McCurdy: Die Regenjacke als CO₂-Speicher
Die Regenjacke, die die New Yorker Designerin Charlotte McCurdy kreiert hat, sieht auf den ersten Blick aus wie viele andere Regenjacken: weit geschnitten, atmungsaktiv, transparent. Aber das Material hat es in sich: McCurdy experimentierte mit veganem Algenpulver und fand schließlich eine Methode, das Algenpulver so zu erhitzen und zu formen, dass sich daraus Kleidungsstücke schneidern lassen. Sie sind CO₂-negativ, weil die Algen Kohlendioxid aus der Atmosphäre saugen und die Jacke damit als CO₂-Speicher wirkt. »Die gängige Story ist, dass die schlimmsten Klimasünder fossile Brennstoffe sind. Das stimmt zwar, aber wir übersehen gerne, dass ein Drittel aus der Produktion von Sachen entsteht«, sagt McCurdy. Ihr erklärtes Ziel: »Ich will der gängigen Problem-Story eine Lösung entgegensetzen. Ich will nicht darauf warten, dass die Politiker handeln. Wir wollen einen Markt schaffen, der es unumgänglich macht, auf Lösungen zu setzen. Das ist keine Science-Fiction

2. Post Carbon Lab: Lebende Jacken
Das Post Carbon Lab nutzt ein ähnliches Prinzip, aber eine andere Algenart. Die Designer des Londoner Startups haben Kleidung geschneidert, die nicht nur atmungsaktiv ist, sondern buchstäblich atmet: Die weiße Jacke mit den grünen Mustern sieht auf den ersten Blick wie eine Jeansjacke aus, tatsächlich aber sorgt eine Schicht lebender Algen auf der Oberfläche dafür, dass die Jacke aktiv Kohlendioxid absorbiert und durch Fotosynthese Sauerstoff »ausatmet«. Chefdesignerin Dian-Jen Lin sagt, eine Jacke oder ein großes Shirt stößen soviel Sauerstoff aus wie eine mittelgroße Eiche. Richtig marktreif ist die Idee noch nicht, aber die Designer schwören, das Material eigne sich auch für Schuhe, Vorhänge und Regenschirme.

Eine Schichte lebender Algen lässt diese Jacke Kohlendioxid absorbieren.

Nachteile hat die atmende Kleidung natürlich auch: Man kann sie nicht einfach in die Waschmaschine werfen (Handwäsche mit ph-neutraler Seife ist angesagt) und auch nicht in eine dunkle Ecke des Kleiderschranks verbannen. Wie andere Pflanzen auch, brauchen die Algen Licht, Wasser und Luft.

In diesem Frühjahr kooperierte das Post Carbon Lab mit dem Label EgonLab, um bei der Pariser Modewoche eine Kollektion atmender Kleidungsstücke vorzustellen: eine grüne Bomberjacke, einen beiger Trenchcoat und T-Shirts. »Die Algen zu züchten und die Schicht zu kreieren, dauert etwa sieben bis zehn Wochen«, sagen Dian-Jen Lin und Hannes Hulstaert, die beiden Gründer von Post Carbon Lab. So richtig praktisch sind die Stücke nicht, aber darum geht es auch gar nicht. »Wir wollen, dass die Träger eine ganz andere Beziehung zu ihrer Kleidung haben, ähnlich wie zu ihren Haustieren oder Pflanzen«, sagen die Erfinder in einem Statement. »Beim Herstellungsprozess versuchen wir, die Natur zu imitieren, aber eben auf Kleidung.«

3. AlgiKnit: T-Shirts aus Seetang
Am weitesten in der Entwicklung ist wohl das New Yorker Startup AlgiKnit. »Die Textilindustrie ist einer der schlimmsten Umweltverschmutzer auf diesem Planeten«, sagt auch AlgiKnit-Gründer und Chefdesigner Aaron Nesser über seine Motivation. »Wenn wir das ändern wollen, müssen wir bei den Materialien anfangen, die wir für die Kleidungsindustrie benutzen. Das ist der wichtigste Faktor.«

Seetang ist ein schnell nachwachsender Rohstoff im Meer, wächst zehn Mal schneller als Bambus, braucht keine synthetischen Düngemittel oder Chemikalien und absorbiert CO₂. »Wir stellen daraus ein vielseitig verwendbares Garn her, das total ungiftig, nachhaltig und kompostierbar ist«, verspricht Nesser. AlgiKnit gewinnt aus dem Tang Alginsäure, ein natürliches Biopolymer, das dann zu einem elastischen Garn weiterverarbeitet wird. Der Clou: Statt wie Kleidung aus Polyester jahrhundertelang die Umwelt zu verschmutzen, lässt sich ein T-Shirt aus Algen einfach auf dem Komposthaufen entsorgen.

4. Algenesis: Auf Algen surfen und laufen
Die Firma Algenesis im kalifornischen San Diego geht noch weiter und will auch Surfboards und Verpackungen aus Algen herstellen. Weil CEO, Präsident und Finanzchef der Firma allesamt leidenschaftliche Surfer sind, die es leid waren, im Wasser ständig auf Plastikmüll zu stoßen, haben sie aus Algenschaum als erstes Surfprodukte und Flip-Flops geformt. Das klingt wie ein Nebenprodukt, tatsächlich aber verschmutzen geschätzte drei Milliarden Flip-Flops aus Plastik jedes Jahr die Gewässer weltweit. Mit biologisch abbaubaren Algen-Sandalen ließe sich viel Müll vermeiden.

Biologisch abbaubare Flip-Flops aus Algenschaum.

Foto: UC San Diego Publications

Wer in diesen Tagen davon träumt, den Sommer am Meer zu verbringen, wird vielleicht vom Covid-Risiko oder dem CO₂-Ausstoß davon abgehalten zu reisen. Umgekehrt ist es ökologisch sinnvoller: Wir holen uns einfach das Meer ins Haus. Genauer: In den Kleiderschrank. Und gehen mit den Algen auf unserer Jacke und unter unseren Füßen spazieren.