Meinen Strom erschwitze ich mir selbst

Welche Methoden gibt es neben Windrädern und Solarzellen noch, um auf umweltfreundliche Weise Elektrizität zu erzeugen? Hier sind originelle Ideen für Strom aus Orangen, altem Brot, Urin, Kiefernnadeln – und Schweiß.

Ein schweißbedecktes Gesicht. Damit das an der Universität von San Diego entwickelte Spezialhemd den Schweiß in Strom verwandeln kann, muss dieser allerdings über die Brust fließen – dort befinden sich nämlich die entsprechenden Brennstoffzellen. 

Foto: Ivan Miladinovic/istockphoto.com

»Deutschland braucht viel mehr Strom«, titelte die Süddeutsche Zeitung kürzlich. E-Autos und andere Innovationen führen dazu, dass wir in den nächsten zehn Jahren 10 bis 20 Prozent mehr Strom benötigen werden als bisher geplant. Gleichzeitig zeigt die jüngste Studie des Think Tanks »Agora Energiewende«, dass der diesjährige CO2-Ausstoß in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr erheblich ansteigen wird. Zu verzeichnen sei der »größte Anstieg seit 1990«. Das liegt vor allem daran, dass wir beim Ausbau der erneuerbaren Energien hinterherhinken. Solarpanels haben inzwischen viele auf dem Dach, auch Wind- und Wasserkraft sind bekannt, aber was für Möglichkeiten gibt es noch, um umweltfreundlich Elektrizität herzustellen? Hier sind sechs originelle Ideen, die zwar nicht unbegrenzt nach oben skalierbar sind, die aber dort, wo sie eingesetzt werden, viel bringen und allesamt für den Einfallsreichtum und Erfindergeist stehen, der zur Bewältigung der Klimakrise gebraucht wird.

1. Strom aus Orangen

Das spanische Sevilla ist bekannt für seine idyllischen Orangenbäume und seine Orangemarmelade. Auch Spirituosen wie Cointreau und Grand Marnier werden mit den bitteren Sevilla-Früchten hergestellt. Tatsächlich aber sind die knapp 50.000 Orangenbäume Sevillas ein Umweltproblem: Die Stadt kommt mit dem Aufräumen des Fallobstes nicht hinterher, und die Früchte verfaulen en masse. Statt für Cointreau nutzt die städtische Wassergesellschaft nun zum ersten Mal 35 Tonnen fermentierte Orangen, um Strom zu erzeugen und damit ein Klärwerk zu betreiben. Bei der Fermentation entsteht Methan, mit dem sich der Generator betreiben lässt. 1000 Kilo Orangen produzieren genügend Strom, um fünf Haushalte einen Tag lang mit Elektrizität zu versorgen.

2. Strom aus altem Brot

Brot ist der Deutschen liebstes Lebensmittel, wird aber auch am meisten weggeworfen. Jährlich landen 1,7 Millionen Tonnen Brot und Backwaren im Müll. Das Ackerland, das nur für die Tonne bewirtschaftet wird, ist größer als Mallorca. Bio-Landwirte wie Niko Gottschaller in Rotthalmünster sehen die Brotberge, die in den Bäckereien der Umgebung unverkauft bleiben. Gottschaller »füttert« nun damit seine eigens dafür entwickelte Biogasanlage und produziert so Strom aus Brot.

3. Strom aus Schweiß

Die Idee klingt, als habe sie jemand aus dem Film Matrix geklaut, in dem der menschliche Körper als Elektrizitätsquelle dient. Tatsächlich aber hat ein Team um einen Nanoingenieur an der Universität San Diego ein Sportshirt entwickelt, das ein kleines Kraftwerk ist. Auf dem Shirt sitzen kleine Brennstoffzellen, die aus Schweiß Strom erzeugen. Sogar im Ruhezustand lässt sich damit mindestens für eine halbe Stunde ein kleines Elektrogerät betreiben. Außerdem sind in den Ärmeln und im Taillenbereich des Hemds kleine Generatoren angebracht worden, die beim Sport auftretenden Bewegungen – wie das Schwingen der Arme – in Elektrizität umwandeln.

4. Strampeln für Strom

Eco Fitness im kalifornischen Sacramento ist das erste Fitnessstudio, das seine Kunden für die Beleuchtung rackern lässt. Jeder, der den sogenannten Eco Cycle absolviert, erzeugt mit der Muskelkraft einen Teil des von der Einrichtung benötigten Stroms. Die Idee lässt sich aber auch zuhause umsetzen. Bevor der Schauspieler Ed Begley Jr. morgens seinen Toaster anwerfen kann, muss er erst einmal strampeln. Seinen Heimtrainer hat er direkt mit seinen Elektrogeräten verkabelt. 

5. Strom aus Kiefernnadeln

Jeder, der schon mal einen Christbaum hatte, kennt das Problem: Wohin mit den herunterfallenden Nadeln? In der indischen Himalaya-Region ist das Problem multipliziert: 1,3 Millionen Tonnen Nadeln fallen in Uttarakhand jedes Jahr von den Kiefern. Was dagegen knapp ist, ist Elektrizität. Als die Grafikdesignerin Rashmi und ihr Mann Rajnish Jain, ein Managementberater, die Idee hatten, aus den Kiefernnadeln Strom zu gewinnen, »hielten uns alle für verrückt«, sagte Jain der BBC. Aber inzwischen laufen dort über 30 Mini-Kraftwerke, die mit Kiefernnadeln gefüttert werden – und so ausserdem die Feuergefahr vermindern, weil trockene Kiefernnadeln wie Zunder brennen. Reishülsen, Kokosnussschalen und alle möglichen anderen Bio-Abfälle können von den Kraftwerken ebenfalls verwertet werden.

6. Strom aus Urin

Das »Pee Power Urinal« ist ein Pinkelbecken voller Mikrobakterien, die sich von Urin ernähren und daraus Strom erzeugen. Beim letzten Glastonbury Festival wurden damit bereits die Leuchttafeln elektrifiziert. Die Entwicklerer hoffen aber auf einen umfassenderen Einsatz, zum Beispiel in Flüchtlingslagern, die damit sowohl sanitäre Anlagen als auch Strom bekämen. Wer das jetzt alles scheiße findet, dem sei noch das Krypto-Klo des südkoreanischen Forschers Cho Jae-Weon empfohlen, das Kot erst in Biogas und dann in Bitcoin-Kohle umwandelt.

Um es mit Heraklit zu sagen: Alles fließt.