Hau’s in die Pfanne

Der Percussion-Virtuose Simone Rubino ist bekannt dafür, auch auf unorthodoxen Schlaginstrumenten zu spielen. Für uns hat er die neuen Küchen-Accessoires zum Klingen gebracht.

Die Karriere des Soloschlagzeugers Simone Rubino beginnt in einer Küche in Turin. Als Kind dengelt er dort auf den Töpfen und Schüsseln herum. Es ist ein Erweckungs­erlebnis, das er womöglich mit vielen Schlagzeugern teilt, so wie viele Architekten einst mit Bauklötzen spielten. Dass Rubino heute, mit 25 Jahren, neben ­Martin Grubinger zu den Besten seines Fachs zählt, hat viel mit seiner musi­kalischen Familie zu tun, die ihn früh förderte, wohl aber auch mit seiner Liebe zum ­Experiment, seiner Ambition, ungehörte Klänge zu finden. Diese Neugier, da ist sich Simone Rubino sicher, spürte er schon damals in der elterlichen Küche.

Rubino, der im Gespräch stets Augenkontakt sucht, spricht, wie er Schlag­zeug spielt, mit Händen und Füßen. Die Fotoaufnahmen mit dem SZ-Magazin scheinen ihm eine willkommene Gelegenheit zu sein, neue Klangkörper zu testen. ­Immer wieder klöppelt er auf Schalen, Töpfen oder Pfannen herum, ordnet sie nach Klangfarben. Den Hersteller einer Topfserie, deren Glocken­töne ihn besonders überzeugten, notiert er sich. Wer weiß, vielleicht baut er sie in einen seiner nächsten Auftritte ein.

Bei Eternal Rhythm zum Beispiel, einem Konzert für Schlagzeug und Orchester, das Rubino zusammen mit dem israelischen Komponisten Avner Dorman geschrieben hat, kommen Töpfe und Traktorteile zum Einsatz. Doch auch an klassischen Schlaginstrumenten wie Marimba, Xylofon und Vibrafon überzeugt Rubino die Kritiker, die seine Empfindsamkeit und seinen Nuancenreichtum rühmen. In diesem Punkt unterscheidet er sich von Grubinger, den Rubino sehr schätzt, der das Schlagzeugspiel aber sehr viel athletischer auffasst. Grubinger veranstaltet vierstündige Schlagzeugmara­thons, Rubino sieht sich eher als »Sänger am Schlagzeug«.

»Beim Üben oder Komponieren singe ich eine Melodie oder Phrase zuerst, bevor ich sie am Schlagzeug zu spielen versuche. Das merkt man vor allem bei langsamen und ruhigeren Teilen: Man spielt sie anders, vielleicht gefühlvoller, wenn man weiß, wie man sie singen würde.« Tatsächlich war Rubino neben seinem Schlagzeugstudium am Turiner Konservatorium fünf Jahre lang im Kinderchor der dortigen Staatsoper.

In der zeitgenössischen Musik ist der Soloschlagzeuger eine relativ neue Erscheinung. Lange waren die Schlagzeuger in klassischen Orchestern hinten versteckt und traten nur punktuell in Erscheinung, wenn sie auf die Pauken hauten oder die Becken scheppern ließen. Rubino steht auf seinen Konzerten vorn auf der Bühne, umringt von seinen Schlaginstrumenten. Mal wirbelt er über die Felle und Hölzer, mal lauscht er mit ­geschlossenen Augen feinsten Schwingungen nach.

Vorangetrieben wurde das junge ­Genre in den vergangenen 40 Jahren von Percussion-Virtuosen wie Evelyn Glennie und Peter Sadlo, die beständig das Repertoire erweiterten und für andere Stilrichtungen wie Weltmusik und Jazz öffneten. Der 2016 verstorbene Sadlo war es auch, der den 18-jährigen Rubino 2011 aus ­Turin nach München holte, um ihn ­weiter auszubilden. Von ihm habe er ­»alles gelernt«, sagt Rubino. »Er hat mich modelliert.«

Inzwischen ist aus Rubino, Preisträger diverser Musikwettbewerbe, selbst ein stilprägender Musiker geworden. Anregungen findet er überall: Zurzeit faszinieren ihn japanische Taiko-Trommler, die ihre fassartigen Instrumente mit ausladenden Bewegungen und mönchischer Spiritualität spielen. Er glaubt, erst in 200 Jahren werde der Fundus an Werken für Schlagzeug ähnlich breit sein wie das für Cellisten heute.

Am 10. April wird Rubino zusammen mit dem Münchner Rundfunkorchester des Bayerischen Rundfunks im Prinzregententheater u. a. das Wasserkonzert des chinesischen Komponisten Tan Dun aufführen. Er wird dabei Schalen zum Klingen bringen, die in großen Wasserschüsseln schwimmen, er wird mit Flipflops und Tischtennisschlägern aufs Wasser patschen. Und ein Spaghettisieb benutzen, ein Instrument, das er aus der Küche seiner Mutter kennt.

Text: Thomas Bärnthaler
Setbau: Jörg P. Loose
Fotoassistenz: Lukas Schramm