Ein Nachmittag in Jogginghose

Manche fürchten den Renteneintritt wegen der gähnend leeren Tage. Unserer Seniorenkolumnistin geht es da anders. Eine Liebeserklärung an die Freiheiten des Alters.

Illustration: Nishant Choksi

Die guten Morgen sind die, an denen ich keine Verabredungen habe. Besser gesagt: An denen ich nur mit mir selbst verabredet bin. Ich stelle eine Tasse Kaffee auf den Nachttisch, schlüpfe mit der Zeitung unter die Decke und fahre mit der Fernbedienung die Rückenlehne meines Bettes hoch, bis ich darin throne. Dann lese ich die Zeitung von vorne bis hinten durch. Ein Vormittag im Bett! So herrlich. Und so herrlich unvernünftig.

Lange Zeit hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich meine Morgenstunden jemals frei füllen könnte. Denn ich habe mich bis zum Tod meines Mannes nur nach anderen Menschen gerichtet. Erst nach den Nonnen im Internat, das ich als Schülerin besuchen musste. Dann nach meiner Vermieterin und ihren strengen Hausregeln. Später nach meinen Kindern. Nach meiner Mutter, die ich im Alter pflegte. Und am Ende nach meinem pflegebedürftigen Mann.

Sie alle gliederten meinen Tag. Sie legten fest, wann ich aufstehen musste und schließlich auch, wie müde ich ins Bett fiel.

Manche Menschen fürchten den Renteneintritt, weil sie nicht wissen, wie sie die freien Tage füllen sollen. Auch ich musste es lernen. Am Anfang wirken die Tage endlos. Je ungeübter man darin ist, desto mehr sollte man sich auch vornehmen, damit man nicht in der Wohnung vereinsamt. Ich empfehle Zahnarzttermine, da gibt es bei alten Menschen viel zu machen.

Ich brauche das aber nicht mehr, ich bin Profi im Nichtstun geworden und finde die Vorstellung von gähnend leeren Tagen wundervoll. Keine Regeln, keine Verpflichtungen. Vielleicht fühle ich mich genauso wie ein Student, der in die erste eigene Wohnung gezogen ist.  Aber ich musste mehr als 70 Jahre darauf warten.

Jeden Morgen entscheide ich mich beim Kaffee, was ich an dem Tag machen möchte. Die einzigen Zwänge, die es in meinem Leben noch gibt, schaffe ich mir selbst. Weil ich gerne in der Früh schwimmen gehe, packe ich im Sommer morgens meine Badetasche (den Vormittag im Bett hänge ich dann hinten dran). Weil ich gerne bummeln gehe, laufe ich in die Stadt auf den Wochenmarkt. Weil ich gerne Yoga mache, gehe ich in den Kurs. Aber wenn es mir zu viel wird, kann ich alles absagen und mich mit einem Krimi auf den Balkon setzen. Alten Menschen ist bei Absagen niemand böse. Hätte ich früher gesagt, dass ich doch nicht auf einen Kaffee vorbeikomme, weil ich etwas müde bin, wäre das ein Affront gewesen. Heute ist es Anlass für verständnisvolles Nicken.

Auch alleine zu wohnen, hat seine Vorteile. Ich muss mich vor niemandem zieren. Weil ich schlecht höre, hat mein Sohn mir Funkkopfhörer geschenkt. Da kann ich die Lautstärke aufdrehen und nachts fernsehen, ohne dass ich die Nachbarn störe. Oder ich stelle mir einfach meine Lieblingsarie aus dem »Rosenkavalier« laut und laufe durch die Wohnung. In einer Jogginghose, die ich vor meinem Mann niemals getragen hätte.

Wenn ich Hunger habe, koche und brate ich mir genau das, worauf ich Lust habe. Bratwürste. Ein Spiegelei. Frisches Pesto. Mit Knoblauch muss man sich auch nicht zurückhalten, wenn man alleine wohnt. Während ich esse, denke ich übers Kreuzworträtsel nach. Abends mache ich gerne Brotzeit. In meiner Kindheit musste ich mich bei jeder Scheibe Brot entscheiden, ob ich Butter oder Marmelade darauf haben möchte. Alles andere war in den Augen meiner schwäbischen Großmutter Völlerei. Heute schmiere ich mir beides auf die Brotscheiben. Dick.

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