Einmal Baba Ganoush, bitte

Wenn unsere Senioren-Kolumnistin ihre Enkelin in München besucht, probieren die beiden jedes Mal eine neue Länderküche aus. Sie ist begeistert von dieser Vielfalt, denn sie kennt noch ganz andere Zeiten. Über Restaurantbesuche heute und vor 60 Jahren.

Illustration: Nishant Choksi

Wenn ich meine Enkelin in München besuche, habe ich eine Regel: Ich möchte in ein Restaurant gehen, in dem es Speisen gibt, die ich noch nie zuvor gegessen habe. Eine neue Länderküche ausprobieren und mich einmal um den Globus schmecken. Es ist die bequemste Art des Reisens. Ich brauche keinen Zug, keinen Bus, kein Auto, kein Flugzeug. Nur meine Zungenspitze und einen gut gefüllten Teller.

Bei meinem letzten Besuch war ich kulinarisch in Israel, obwohl mein Körper bequem in München-Haidhausen  saß. Der Kellner servierte uns cremigen Hummus, rauchige Auberginenpaste, Sellerie-Apfel-Salat, dazu warmes Pita aus dem Ofen. Ich schloss die Augen und dachte an die Bilder von Jerusalem und Tel Aviv, die ich aus dem Fernsehen kannte. Eine kleine Fernreise im Kopf.

Seit ich ein kleines Mädchen war, habe ich Fernweh. Die Grenzen meiner Welt waren eng und ich habe mir immer vorgestellt, was dahinter passiert. Nun bin ich alt und mir ist klar, dass ich die lange Liste der Länder, die ich gerne noch sehen würde, nicht mehr bereisen kann.  Aber ich kann sie schmecken und ich habe meine Fantasie. Essen ist für alte Menschen wie mich die beste Möglichkeit, das Fernweh zu stillen.

Hinzu kommt, dass das Angebot an Länderküchen in den Großstädten für mich etwas vollkommen Neues ist. Ich stamme kulinarisch gesehen ja aus einer ganz anderen Zeit. Als ich klein war, gab es allein wegen des Krieges kaum Produkte aus anderen Ländern. In der Küche regierte die Kartoffel. Wir aßen sie in jeder Zubereitungsform: gekocht und am Stück, gekocht und gestampft, geraspelt und gebraten oder geschnitten und gebraten. Dazu gab es gekochtes Gemüse. Aber eben leider keine Zucchini oder Auberginen (köstlich), sondern eine immer gleiche verkochte Mischung aus Karotten und Erbsen (nicht so köstlich).

Auch nach dem Krieg gab es auf dem Land zunächst nur bayerische Wirtshäuser. Erst das Reisen brachte langsam den Hunger auf Neues. Als die Menschen in den Fünfzigerjahren anfingen, in jeden Ferien mit dem Auto nach Italien zu fahren, hatten sie auch zu Hause Lust auf Nudeln und guten Käse. In den Supermärkten gab es bald Spaghetti und Parmesan, und die Menschen begannen, viel mehr Tomaten zu essen. Die spielten vorher in Deutschland kaum eine Rolle. Außerdem eröffneten (auch dank der Gastarbeiter) ein paar Jahre später immer mehr italienische Restaurants.

Aber es ging langsam vorwärts. Als ich Ende der Fünfzigerjahre in München wohnte, gab es dort ein paar Italiener und ein paar wenige Restaurants, die türkische oder griechische Gerichte servierten. Restaurants mit chinesischen Speisen kamen erst deutlich später. Damals wurde außerdem kein Wert auf Authentizität gelegt, sondern die Gerichte serviert, die die Deutschen forderten. Vorspeise Frühlingsrolle, Hauptgang Pekingente.

Ich hatte als junge Studentin in München immer zu wenig Geld. Also hatte ich nur ein einziges Ausgehritual. In der Ludwigstraße gab es damals ein Restaurant, das zu der Gulaschsuppe so viel Brot servierte, wie man wollte. Ich traf mich dort mit Freunden und blieb für etliche Brotkörbe sitzen. Ich möchte mich im Nachhinein für all die Laibe entschuldigen, die ich dort verdrückt habe.  Vielleicht ist mein großer Hunger der Grund, warum es das Wirtshaus heute nicht mehr gibt. Aber es war das einzige Ausgehen, das ich mir damals leisten konnte.

Es entsprach aber auch dem Zeitgeist: Essen wurde damals als befriedigend angesehen, wenn die Portion groß war. All der Mangel in der Kriegszeit hatte sich in den Köpfen der Menschen eingebrannt. Die Überhöhung des Essens zu einer Kunstform, die Spitzenküche, die sich an Einflüssen aus der französischen Gastroszene orientiert, der Anspruch, eine Länderküche authentisch zuzubereiten und nicht eine eingedeutschte Version davon – all das kam erst später.

Ich bin froh, dass die Restaurantlandschaft in München heute so anders aussieht und international geworden ist. Abgesehen von meiner Lust an neuen Erfahrungen, gibt es noch einen anderen Grund, warum mich das freut: Es zeigt, wie lange der Frieden nun schon anhält. Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, in der zwischen den einzelnen Ländern kaum Handel betrieben wurde – und nun bieten all die Restaurantschilder in München libanesische, französische oder koreanische Küche an. Das Essen führt dazu, dass andere Kulturen greifbarer werden und die Welt noch ein Stückchen mehr zusammenwächst. Als jemand, der die Ausläufe eines Krieges erlebt hat, kann ich nur sagen: Ich hoffe, dass das für immer so bleibt.

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