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aus Heft 23/2015 Natur

»Es hilft, wenn ich eine Grimasse schneide«

Interview: Rainer Stadler 

Der große Tierfilmer David Attenborough über die Rolle des Fernsehens im Naturschutz und den Moment, als Konrad Lorenz sich mit Gänseexkrementen die Nase putzte.

David Attenborough mit einem Baumhummer im Zoo von Melbourne. Das Insekt wurde lange für ausgestorben gehalten. (Foto: dpa)


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SZ-Magazin: Sie drehen seit mehr als sechzig Jahren Tier- und Naturfilme für die BBC, Hunderte Millionen Zuschauer in aller Welt haben Ihre Produktionen verfolgt. Wie erklären Sie sich die ungebrochene Begeisterung für Elefanten, Eisbären und Erdmännchen?

David Attenborough: Die Zuschauer sehen schöne Bilder, lernen ein bisschen was dazu, werden nicht belogen – und niemand versucht, ihnen etwas zu verkaufen. Was will man mehr?

Was hat sich am meisten verändert seit Ihrer ersten Sendung im Jahr 1954?
Vor sechzig Jahren reichte es, einen Ameisenbär zu zeigen. Die meisten Menschen hatten so ein Tier nie zuvor gesehen. Niemand hat sich groß aufgeregt, wenn das Bild unscharf oder verwackelt war. Das geht heute nicht mehr.

Heute besteht Ihr Team aus einem Dutzend Regisseuren und vierzig Kameraleuten, die oft ohne Sie unterwegs sind. Zuletzt waren sie für eine Serie über die Polarregion vier Jahre lang im Einsatz und haben 2500 Tage in der Wildnis gedreht – ein gewaltiger Aufwand für eine Fernsehproduktion.
Zweifellos. Es ist auch gut möglich, dass die Branche ihren Zenit überschritten hat. Als ich bei der BBC anfing, gab es einen Fernsehkanal. Dann lange Zeit zwei. Heute ist die Konkurrenz so groß, dass für jeden Sender und jede Sendung immer weniger Zuschauer bleiben. Selbst für gebührenfinanzierte Sender wie die BBC wird es immer schwieriger, so aufwendige Produktionen zu rechtfertigen. Andererseits: Gute Filme können wir heute weltweit vertreiben, sodass sich die Investition doch lohnt.

Müssen Sie den Aufwand betreiben, weil das verwöhnte Publikum sonst abschaltet?
Es sind weniger die Sehgewohnheiten, die meine Filme beeinflussen, als die Technik: Ständig wird etwas Neues entwickelt, zum Teil von Geheimdiensten. Etwa Nachtsichtgeräte. Als sie auf den Markt kamen, fielen uns sofort fünfzig wundervolle Dinge ein, die man ausprobieren könnte: Fledermäuse konnte man vorher nicht gut filmen. Fast alle Säugetiere in Afrika sind nachts aktiv. Elefanten im Dunkeln! Fantastisch! Mir hat es immer Spaß gemacht, die neuesten technischen Geräte zu testen, zu überlegen, wie man sie einsetzen könnte. Gerade habe ich mit Drohnen in 3-D gefilmt.

Wozu das?

In Borneo war ich für eine Moderation an einem Seil eingehängt, am Eingang einer Höhle, in sechzig Meter Höhe. Es war Viertel nach sechs abends, ich hatte etwa eine Million Fledermäuse hinter mir, die gerade aus der Höhle flogen. Die Drohne hat gefilmt, wie ich die Szene erkläre. Ist vielleicht kindisch, macht aber Spaß.

Sie sind jetzt 89 Jahre alt. Haben Sie mal erwogen, in Rente zu gehen?
Warum sollte ich? Ich bin immer noch begeistert von meiner Arbeit. Mir ist absolut bewusst, was für ein privilegiertes Leben ich führe: Ich bin gesund und reise zu den schönsten Orten der Erde. Gerade war ich in Patagonien.

Stimmt es Sie traurig, dass kommende Generationen diese Orte nicht mehr als paradiesisch erleben werden? Der Urwald von Borneo etwa, den Sie Mitte der Fünfzigerjahre als weitgehend unberührt präsentierten, wurde großflächig gerodet und durch Plantagen ersetzt.
Leider. Es stimmt, mein Bild von der Erde ist verzerrt, weil ich fast ausschließlich die schönen Seiten aufsuche. Selbst wenn ich heute in Borneo filme, fahre ich dorthin, wo der Regenwald noch intakt ist. Zum Ausgleich mache ich aber schon seit Langem auch Sendungen über die Zerstörung der Natur. Ich empfinde es als mäßig befriedigend, Untergangsstimmung zu verbreiten, fühle mich aber in der Verantwortung, auf Gefahren hinzuweisen.

Reicht das? Werden Tier- und Naturfilme nicht zunehmend fragwürdig, wenn sie das Bild der heilen Erde zeichnen, das kaum noch existiert?
Im Gegenteil. Ich glaube, diese Filme werden immer wichtiger. Erstmals in der Geschichte lebt die Mehrheit der Bevölkerung in Städten. Das heißt: Jeder zweite Mensch ist mehr oder weniger von der Natur abgeschnitten. Das ist kein Luxusproblem. Wir sind Teil der Natur, wir sind auch von ihr abhängig: bei jedem Atemzug, bei jedem Bissen. Und es steht nicht gut um die Natur. Aber noch immer sehen das viele Menschen nicht. Das Fernsehen kann dem entgegenwirken. Und natürlich hat es bereits einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass die Menschen heute mehr Tiere kennen, als meine Großeltern zu Gesicht bekamen.

Was nützt heutigen Kindern all ihr Wissen über Tiere, Botanik oder Klimawandel, wenn sie keine Ahnung mehr haben, wie man auf einen Baum klettert?
Es ist in der Tat traurig, wie sich die Gesellschaft verändert hat. Als ich ein Kind war, habe ich mir nach der Schule mein Fahrrad geschnappt und war den ganzen Tag weg. Tiere beobachten, Fossilien suchen.

Gibt es ein Zurück zur Natur?

Ich bin jedenfalls überzeugt, dass die Menschen nichts vermissen werden, solange sie keinen Blick für die überwältigende Schönheit der Natur haben. Hier kann das Fernsehen helfen.

Können Sie Ihre Zuschauer erziehen, umweltbewusster zu leben?
Weiß ich nicht. Ich glaube aber, dass sie nur das schützen werden, was sie auch schätzen.

Viele Tierdokus machen heute den Eindruck, als seien sie inszeniert. Sobald der Moderator auftritt, springt ihm ein Känguru entgegen oder eine Elefantenherde stürmt an ihm vorbei. Der verstorbene australische Moderator Steve Irwin hat sogar Ringkämpfe mit Krokodilen veranstaltet. Reicht es nicht mehr, die Natur nur zu beobachten?

Was Sie beschreiben, sind eher Abenteuerfilme als Naturdokumentation. Ich kann damit leben, mache so etwas aber nicht. Als ich zu filmen begann, sah die Idealvorstellung so aus, dass in einer Dokumentation über Tiere und Natur kein Mensch eingreift oder auftritt. Ich habe immer versucht, meine Präsenz auf ein Minimum zu beschränken. Es muss schon einen stichhaltigen Grund geben, dass die Leute mich sehen sollen.

Zum Beispiel?
Zum einen finden es viele Zuschauer interessant zu wissen, wer zu ihnen spricht. Zum zweiten kann diese Person eine Atmosphäre vermitteln: Ist die Situation gerade aufregend? Gefährlich? Ist es heiß oder kalt?

In Ihren Anfangsjahren, als die Bildschirme schwarzweiß waren, mussten Sie auch die Farben die Tiere schildern.

Eben. Außerdem hilft es, wenn man das Thema wechselt oder die Perspektive, und es steht jemand im Bild, der das erklärt. Wenn ich zum Beispiel über Mimik spreche und dabei ein Tier zeige, denken die Zuschauer, es ginge nur um dieses eine Tier. Erkläre ich aber, was Mimik im Tierreich bedeutet und auch bei den Menschen, dann hilft es den Zuschauern, wenn er mein Gesicht sieht und ich dabei eine Grimasse schneide.

Zu Beginn Ihrer Karriere waren auch Sie alles andere als zurückhaltend in Ihren Sendungen.
Ja, ich habe sogar Tiere gefangen. Das kam aber so: Wir wollten für die BBC Tiere in der Wildnis filmen. Aber wir hatten keine Ahnung, wie man das anstellt. Zufällig erfuhr ich von einer Expedition des Londoner Zoos, die gerade geplant war. Ich flog mit, um zu filmen, wie der Leiter dieser Expedition in Afrika Schlangen, Krokodile und andere Tiere fängt. Die Idee war, dass wir kleine Filme zeigen, dann ins Studio überblenden und die Schlange live im Studio präsentieren. Aber als wir aus Afrika zurückkehrten, wurde der Mann sehr krank und fiel als Moderator aus. Ich hatte Biologie studiert, also sagte die BBC: Du machst es. Bei der zweiten Sendung wurde er sogar schon vor der Expedition krank, sodass ich auch noch begann, die Tiere selbst zu fangen.

Wie lange haben Sie das gemacht?

Acht, neun Jahre. Es war eine chaotische Zeit, und viele seltsame Dinge, die wir uns ausdachten, waren in erster Linie unserer Inkompetenz geschuldet.

Dafür gab es sehr lustige Momente: In Ihren Memoiren schreiben Sie über eine Begegnung mit dem Verhaltensbiologen Konrad Lorenz. Seine Forschungen über Graugänse hatten ihn berühmt gemacht. Sie haben ihm zu Beginn der Livesendung eine Gans in die Hand gedrückt und ihn aufgefordert, er möge doch ein paar Worte mit ihr reden.
Er trug es mit Fassung und sagte: Komm, komm, mein Liebchen. Leider drehte sich die Gans weg, und im nächsten Moment ergoss sich ein grüner Strahl über seine Hose. Lorenz wischte die Flüssigkeit mit einem Taschentuch weg und schnäuzte sich dann etwas verlegen – in dasselbe Taschentuch. Daraufhin hatte er einen grünen Streifen im Gesicht. Ich starrte ihn an und hatte erhebliche Probleme, mich auf meine Fragen zu konzentrieren.

War Lorenz die Sache sehr peinlich?
Ganz und gar nicht. Er hat mir nachher sein Buch geschenkt. Die Widmung bestand aus einer Bleistiftzeichnung von der Gans und ihm selbst, die das Malheur im Studio karikiert.

Sie warnten sehr früh, dass die Menschheit in Gefahr sei, ihre Lebensgrundlagen zu zerstören. Woher rührte Ihre Sorge?
Einfache Arithmetik. Jeder, der versteht, dass wir eine begrenzte Fläche zur Verfügung haben, weiß, dass man auf dieser Fläche nicht unendlich wachsen kann. Die Menschheit ist erfinderisch genug, um das ultimative Problem immer wieder hinauszuschieben. Seit dem Kriegsende hat sich die Erntemenge in den westlichen Industrieländern vervielfacht, sodass man heute viel mehr Menschen ernähren kann, als man früher dachte. Aber: Am Ende geht es nicht nur um Nahrung, sondern auch um Luft und Wasser. Schauen Sie doch, was in den USA derzeit los ist, die Wasser-knappheit in Kalifornien. Ich selbst brauche viel mehr Ressourcen, mehr Platz, als mir global gesehen zusteht. Ich sollte mich schuldig fühlen.

Und? Tun Sie es?
Ein bisschen.

Der Club of Rome forderte schon 1972, das weltweite Bevölkerungswachstum einzudämmen. Geändert hat es nichts.
Nein. Aber der Glaube, es könne immer so weitergehen, ist ein Irrglaube. Sehen Sie sich die Nachrichten in den letzten Monaten an, all die armen Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken. Warum kommen sie? Weil ihre Heimatländer Wüsten sind. Kein Wasser, zu heiß. Es gibt zu viele Menschen und zu wenig Platz.
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Rainer Stadler

hat selbstredend die Anregung von David Attenborough aufgenommen und sich auf die Suche nach kopulierenden Schnecken gemacht. Im Internet würde er fündig: bit.ly/schneckensex. Außerdem empfiehlt Stadler sehr die Lektüre der einschlägigen Fabel von Till Raether: sz.de/magazin/schneckensex

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